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Opium
Denise Schwarz
Im Drogenrausch

Afghanistans Geschäft mit dem Schlafmohn

Kein Land der Welt produziert mehr Opium als Afghanistan. 2020 lag die geschätzte Menge bei rund 6.300 Tonnen und machte laut UN-Weltdrogenbericht 85 Prozent des weltweiten Bestands aus. Opium wird aus den Samenkapseln des Schlafmohns gewonnen und durch chemische Weiterverarbeitung zu Heroin. Der Anbau von Schlafmohn sowie Handel und Export von Opium und Heroin haben in Afghanistan einen Wirtschaftszweig entstehen lassen, von dem auch die Taliban profitieren.

Laut einem Bericht des UN-Sicherheitsrats sollen die Taliban allein zwischen 2018 und 2019 durch Besteuerung und Zölle rund 400 Millionen US-Dollar an der Drogenökonomie des Landes mitverdient haben. "Anders als die Regierung haben die Taliban den Handel mit Opium nicht kriminalisiert, sondern behandeln Opium als ein normales landwirtschaftliches Produkt", erklärt Afghanistan-Experte Jan Koehler, Forscher an der Freien Universität Berlin.

Trotz selektiver Kriminalisierung konnten auch die Regierung und die internationalen Truppen das Drogengeschäft nicht unterbinden. Schmiergeldzahlungen und die Sorge, dass die Zerstörung von Schlafmohnfeldern den Unmut der Bevölkerung weckt und diese in die Hände der Taliban treibt, sind nur zwei Gründe, weshalb der Anbau immer weiter florierte. Im Jahr 2020 wuchs er dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge um weitere 37 Prozent auf eine Fläche von 224.000 Hektar.

Wie es für das Geschäft mit dem Rauschmittel nach der Machtübernahme durch die Taliban weitergeht, hängt laut Koehler stark davon ab, in welcher finanziellen Lage sich das Land bald befinden werde. In einer ersten Pressekonferenz nach dem Einmarsch in Kabul erklärte ein Taliban-Sprecher, dass Afghanistan zukünftig drogenfrei werde. Koehler allerdings bezweifelt diese Aussage: "Besonders dann, wenn die Taliban weiter in die Isolation geraten sollten, werden sie aus finanzieller Not heraus den Drogenhandel weiter fördern." Bereits jetzt gibt es in zwei Provinzen wieder offene Drogenbasare - unter den Augen der Taliban.

Ähnlich bewertet Günther Maihold, stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, die Lage: "In dem Maße, in dem wir jetzt kurzfristig entschieden haben, die Entwicklungshilfe und andere Unterstützungen einzustellen, steigt der Druck, im Drogensektor Einnahmen zu erzielen."

Florierende Drogenökonomie Afghanistans Wirtschaft ist schon jetzt im großen Maße von dem Rauschgift abhängig. Anbau, Handel und Export von Opium generierten laut UNODC im Jahr 2019 zwischen 1,2 und 2,1 Milliarden US-Dollar, was sieben bis elf Prozent des Bruttoinlandproduktes des Landes entspricht. Die Existenz vieler Kleinbauern fußt auf den Erträgen des Schlafmohns, 120.000 Arbeitsplätze für Erntehelfer schafft das Geschäft mit den Drogen. Programme zur alternativen Produktion konnten die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes bisher nicht nachhaltig verändern. Schlafmohn ist resistenzfähig, benötigt wenig Wasser und bringt im Vergleich zu Tomaten oder Kartoffeln lukrative Gewinne. Darüber hinaus "gibt es keine geeigneten Sicherheitsbedingungen, keine ausgebaute Infrastruktur, keine sicheren Märkte für Alternativprodukte und keine einigermaßen stabile Einkommenssituation für die Bauern", sagt Maihold. Zwar sank der Ab-Hof-Wert für Rohopium 2020 auf seinen niedrigsten Wert seit 2009, dennoch haben auch 2019 Schlafmohn-Bauern laut UNODC mehr Einkommen generiert als Erzeuger anderer Produkte.

Die großen Gewinne machen allerdings andere. "Je weiter entfernt vom Ursprungsland das Heroin verkauft wird, umso größer ist die Gewinnspanne, von der die lokalen Bauern am wenigsten profitieren", sagt Maihold. Laut BKA-Bundeslagebericht zur Rauschgiftkriminalität 2020 gelangt der Großteil des Heroins in Lkws aus Afghanistan, Pakistan und dem Iran über die Balkanroute und die nördliche Schwarzmeeroute nach Westeuropa. Doch auch der Seeweg gewinne zunehmend an Bedeutung. Besonders in Zeiten von Corona mit seinen geschlossenen Grenzen seien Schiffscontainer eine zuverlässige Alternative, berichtet Maihold. Nur circa zwei Prozent aller Container in europäischen Häfen würden kontrolliert.

Sollten die Taliban das Drogengeschäft weiter ausbauen, dann werde dies "spürbare Auswirkungen" auf den internationalen Drogenmarkt und Deutschland haben, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Daniela Ludwig (CSU) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Starke Abhängigkeit In Afghanistan kämpft die Bevölkerung schon jetzt mit den Konsequenzen der Drogenökonomie. Denn sie ist nicht mehr nur Produzent, sondern auch Konsument des Opiums. Schätzungen gehen von 1,5 bis drei Millionen Drogenabhängigen in Afghanistan aus, darunter rund 60.000 Kinder unter 15 Jahren. Perspektivlosigkeit und Traumata durch Krieg und Vertreibung führen in die Abhängigkeit. Doch obwohl das Geschäft mit Opium weit verbreitet ist, werden Drogenabhängige von der Gesellschaft stigmatisiert. "Viele sähen es dort lieber, wenn internationale NGOs sich um gesunde Menschen kümmern würden", erklärt Stefan Recker, Büroleiter von Caritas International in Kabul. Die Hilfsorganisation unterstützt mit Nejat eines der wenigen Hilfszentren für Drogenabhängige in Afghanistan. "Wir haben leider nur eine begrenzte Kapazität in der Einrichtung und sehr viel Andrang", sagt Recker. Wer von den Drogen wegkommen möchte, kann bei Nejat einen Entzug machen und wird danach weiter betreut. 60 Prozent schaffen den Weg aus der Abhängigkeit. Wie es mit Projekten wie Nejat unter Talibanherrschaft weitergehen wird, ist ungewiss. Recker befürchtet, "dass die Taliban diese Art von Projekt zukünftig unterbinden könnten".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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