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EDITORIAL
Alexander Weinlein
Fahrlässiges Desinteresse

Im November 2008 ermahnte der damalige Bundespräsident Horst Köhler die Bundesregierung, die deutsche Bevölkerung intensiver über die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu informieren und der Bevölkerung beschied er, dass "freundliches Desinteresse" an der Streitkräften allein nicht ausreiche. Wenige Monate zuvor hatte der ehemalige Kommandeur des deutschen KFOR-Kontingentes im Kosovo, General a.D. Klaus Reinhardt, die Bundestagsabgeordneten in einem Interview angehalten, ihrer Kontrollaufgabe über die Bundeswehr stärker nachzukommen und die Mandate für deren Auslandseinsätze nicht einfach nur "Jahr für Jahr" durchzuwinken. Ansonsten werde der Begriff "Parlamentsarmee" zur Phrase. Harte Worte.

Im Dezember vergangenen Jahres wiederholte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während eines Gelöbnisses in Schloss Bellevue anlässlich des 65. Jubiläums der Bundeswehr die Mahnungen inhaltsgleich, warnte vor der "Entfremdung zwischen Armee und Gesellschaft", die seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 noch größer geworden sei.

Angesichts des Debakels in Afghanistan müssen sich Regierung, Parlament und Öffentlichkeit derzeit fragen, ob sie diese Mahnungen beherzigt haben. Auch die Medien müssen sich diese Frage stellen. In den vergangenen Jahren galt das Augenmerk der Presse vornehmlich den Problemen der Bundeswehr mit Personalmangel, alter und unzureichender Ausrüstung, überteuerter und verspätet umgesetzter Rüstungsprojekte und Rechtsextremismus in der Truppe. Alles wichtige Themen. Die Auslandseinsätze gerieten aber aus dem Blick. Drückten sich die Journalisten in den ersten Jahren des Afghanistans-Einsatzes in Kundus, Masar-i-Sharif und Kabul noch gegenseitig die Klinke in den Hand, verschwand der Einsatz zunehmend aus der Berichterstattung. Ähnliches ist bei all den anderen Auslandsmissionen der Bundeswehr zu beobachten.

Aktuell stellen Journalisten, Politiker und Bürger die Frage, warum der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und des Westens insgesamt in einem solchen Chaos enden konnte. Darauf gibt es viele unterschiedliche Antworten. Doch eine davon lautet: Es ist die Folge eines fahrlässigen Desinteresses in Politik, Medien und der Öffentlichkeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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