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Frankreich
Christine Longin
»Ein Land, das Stabilität wertschätzt«

Paris hofft auf einen handlungsfähigen Partner an seiner Seite

Von "Lenteur" ist viel die Rede, wenn es in Frankreich um den Ausgang der Bundestagswahl geht. Die Langsamkeit der Koalitionsbildung verblüfft im Nachbarland, wo am Abend der Präsidentschaftswahl bereits klar ist, wer das Land regiert. Dass in Deutschland nun erst einmal monatelang verhandelt wird, erfüllt die französische Regierung mit Sorge. Frankreich übernimmt im Januar die EU-Ratspräsidentschaft und hofft dann auf einen handlungsfähigen deutschen Partner an seiner Seite. "Wir haben ein französisches Interesse daran, schnell eine starke deutsche Regierung am Start zu haben", sagte Europastaatssekretär Clément Beaune in einem Interview mit dem Fernsehsender France 2. Dass sich am deutschen Kurs grundsätzlich etwas ändern werde, erwartet er allerdings nicht. Schließlich seien alle möglichen Koalitionspartner pro-europäisch. "Die Deutschen haben in gewisser Weise für Angela Merkel gestimmt. Wir sehen ein Land, das die Mäßigung und die Stabilität wertschätzt."

Die beiden Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und Armin Laschet wurden Anfang September von Präsident Emmanuel Macron empfangen. Auch zu den Grünen und der FDP soll es Kontakte geben. Noch 2017 hatte Macron eine Regierungsbeteiligung der FDP gefürchtet, die auf Frankreich in Sachen Staatsverschuldung Druck ausüben könnte. "Wenn sie sich mit den Liberalen verbündet, bin ich tot", soll er damals über die von Angela Merkel geführten Koalitionsgespräche gesagt haben. Diesmal lässt der Präsident keine Präferenzen für die künftige Regierung erkennen. Mit Scholz sei es einfacher, über Haushaltsregeln zu sprechen, mit Laschet dagegen über Verteidigungsfragen, räumte Beaune ein.

Gerade bei der gemeinsamen europäischen Verteidigung will die Regierung mit Hilfe der neuen Bundesregierung vorankommen. Der geplatzte U-Boot-Deal mit Australien, den Frankreich zugunsten der USA abservierte, zeigt aus französischer Sicht die Dringlichkeit, auf europäischer Ebene enger zusammenzuarbeiten. Um ihre Pläne umzusetzen, bleibt der Regierung allerdings im kommenden Jahr nur wenig Zeit. Denn im April sind in Frankreich Präsidentschaftswahlen. Schon jetzt müsse es deshalb Diskussionen mit den deutschen Parteien geben, forderte Beaune - "damit wir uns kennenlernen und zum Jahresende, wenn es dann eine Regierung gibt, schnell zusammenarbeiten können."

Beispiel für Sozialisten Die französischen Sozialisten hoffen natürlich, dass am Ende der Koalitionsgespräche die SPD den Kanzler stellt. Die Partei von Ex-Präsident François Hollande, die in Umfragen nur noch bei rund sechs Prozent liegt, sieht im guten Abschneiden der deutschen Schwesterpartei Grund zur Hoffnung. Anne Hidalgo, die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, war sogar zum Wahlkampfabschluss von Scholz nach Köln gereist. Die 62-Jährige Präsidentschaftskandidatin hofft offenbar auf eine ähnliche Aufholjagd, wie sie der SPD-Bewerber hinlegte. "Lektion Nummer eins: Niemals denken, dass man schon vorher verloren hat", twitterte Parteichef Olivier Faure zum deutschen Wahlergebnis. "Lektion Nummer zwei: In Koalitionen denken."

Doch gerade der Dialog mit dem politischen Gegner fällt in Frankreich schwer, wo verbale Attacken an der Tagesordnung sind. Mit Bewunderung schauten die Französinnen und Franzosen deshalb auf die Fernsehdebatten in Deutschland, wo höflich und mit Respekt diskutiert wurde. Mit Bewunderung blicken sie auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, von der sie mit Wehmut Abschied nehmen. "Die Leute sind eben nicht aller Eliten überdrüssig", schreibt der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Er lobt die "Lehrstunde für Demokratie", die die Bundestagswahl für den Rest der Welt gewesen sei. "Merci, Deutschland".

Die Autorin ist freie Korrespondentin in Paris.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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