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CLAUDIA ROTH
Helmut Stoltenberg
Die Unerschrockene

Mit eigenem Stil auch im Präsidium

Die Szene vom vergangenen November wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die zurückliegende Wahlperiode des Bundestages, sondern auch auf die Amtsführung seiner Vizepräsidentin Claudia Roth: Im Parlament gilt Maskenpflicht; nur am Rednerpult und am Sitzplatz darf die Bedeckung im Plenarsaal abgenommen werden, doch kommt der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz mit einem Netzstoff über Mund und Nase an das Pult. Als er nach seiner Rede wieder gehen will, reicht ihm Roth als Sitzungsleiterin mit der Hand eine frische FFP2-Maske, da er selbst "nur ein löchriges Tuch" habe. Seitz protestiert: Diese neue Maske habe Roth jetzt kontaminiert. Die amtierende Präsidentin lässt sich nicht beirren, nestelt aus einer sterilen Packung mit FFP2-Masken eine weitere ostentativ mit einem Stift heraus und reicht sie dem AfD-Mann, ohne sie zu berühren: "So! Und die setzen Sie jetzt bitte auf!" Das Protokoll vermerkt Heiterkeit und Beifall bei Union, SPD und Grünen. Seitz folgt der Aufforderung, nicht ohne zu fragen, ob er "mit dem Maulkorb" nun das Pult verlassen dürfe. Das sei eine Maske, kein Maulkorb, bescheidet Roth ihm, und wenn er so weiter mache, bekomme er einen Ordnungsruf.

Claudia Roth pflegt ihren eigenen Stil, gern unkonventionell, nicht immer präsidial, aber immer authentisch: Seit acht Jahren amtiert die langjährige Grünen-Vorsitzende als Vizepräsidentin des Bundestages, in den sie 1998 erstmals eingezogen war. Bei ihrer ersten Wahl in das Parlamentspräsidium hatte sie 2013 versprochen, "es so zu machen, wie ich bin" - woraufhin der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) konstatierte, dies berechtige "zu den schönsten Hoffnungen". Insgesamt elf Jahre hatte sie zuvor an der Spitze der Grünen gestanden und, wie ihr anschließend ein Weggefährte bescheinigte, die "emotionale Wahrheit" grüner Politik verkörpert. Als bunt und leidenschaftlich wurde sie oft beschrieben, eine streitbare Moralistin mit ausgeprägtem Talent zu offener Empörung wie zu ehrlicher Herzlichkeit.

Quittiert wird ihr das nicht nur mit breiter Anerkennung, wie unzählige Hass-Mails an ihre Adresse belegen. Dass sich die heute 66-Jährige gleichwohl treu geblieben ist, zeigt ihre "Unerschrockenheit, sie selbst zu sein", die ihr einmal aus den Reihen der Union attestiert wurde.

1955 in Ulm geboren, wuchs Roth in einer linksliberalen Familie auf. Den Jungdemokraten, bis 1982 ein FDP-Jugendverband, gehörte sie von 1971 bis 1990 an. Sie studierte Theaterwissenschaften, arbeitete als Dramaturgin. Bevor Roth 1987 den Grünen beitrat, war sie schon - nach der Zeit als Managerin der Polit-Rock-Gruppe "Ton Steine Scherben" - zwei Jahre lang Pressesprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion; dies blieb sie bis zu ihrer Wahl ins Europaparlament 1989, in dem sie fünf Jahre später Fraktionsvorsitzende wurde.

Schon in Brüssel als Menschenrechtspolitikerin profiliert, übernahm sie nach dem Wechsel in den Bundestag 1998 den Vorsitz des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Das galt als Traumjob für Roth, doch 2001 legte sie ihr Mandat nieder, um erfolgreich für den Parteivorsitz zu kandidieren. Den musste sie indes 2002 nach ihrem neuerlichen Einzug in den Bundestag aufgrund der von den Grünen später gelockerten Trennung von Amt und Mandat wieder räumen. Sie wurde Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung und kehrte, nun mit Bundestagsmandat, 2004 zurück an die Parteispitze.

Dort hielt sich Roth insgesamt länger als alle ihre Vorgänger. 2012 aber wurde die Parteilinke bei der Grünen-Urwahl der Spitzenkandidaten nur vierte; nach der Bundestagswahl 2013 verzichtete sie auf eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz; stattdessen wurde sie mit 67,8 Prozent der gültigen Stimmen zur Bundestags-Vizepräsidentin gewählt. 2017 waren es bei ihrer Wiederwahl 69,9 Prozent. Vergangene Woche bestätigten die Abgeordneten Claudia Roth mit 77,8 Prozent der gültigen Stimmen im Amt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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