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Wolfgang Kubicki
Hans-Jürgen Leersch
Der letzte Mann

Fünf Jahrzehnte Erfahrung

Der erste Hinweis auf die sich verändernde Situation kam bereits vor der Wahl: "Sie sind der einzige Mann, wenn das Ergebnis so kommt", rief die frisch gewählte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) dem als einen ihrer Stellvertreter kandidierenden Wolfgang Kubicki (FDP) zu. Ein Problem ist das für den 69-jährigen Kubicki, seit über 50 Jahren bei den Liberalen, nicht. Er sagte einmal: "Ich habe mit emanzipierten Frauen kein Problem." Also dürfte der Grandseigneur der deutschen Politik auch mit einer Frauenquote im Präsidium von 84,4 Prozent zurechtkommen.

Als Kubicki 1971 in die FDP eintrat, war von Frauenquoten und Geschlechtergerechtigkeit noch keine Rede, und die FDP war fast reine Männerangelegenheit. Nur wenige liberale Damen wie Liselotte Funcke oder Hildegard Hamm-Brücher erreichten größere Bekanntheitswerte. Kubicki hatte kurz zuvor sein Abitur in seiner Heimatstadt Braunschweig gemacht und studierte Volkswirtschaft und Jura in Kiel. Schleswig-Holstein sollte seine politische und persönliche Heimat werden.

Gelegentlich zog es ihn auch in die Bundespolitik, aber das blieben nur Abstecher. Erst zu Beginn der letzten Legislaturperiode 2017 kam er endgültig in Berlin an. Nach dem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag wurde er zum Vizepräsidenten gewählt und in der letzten Woche mit 564 Jastimmen bei 91 Neinstimmen, 69 Enthaltungen und drei ungültigen Stimmen wiedergewählt.

Kubicki, der auch erfolgreich als Anwalt tätig ist, hat sich in fünf Jahrzehnten einen Namen als freiheitlicher und unabhängiger Kopf gemacht, der den Mut zur deutlichen Aussprache besitzt. Dies führt er auf seine Familie zurück: "Von meiner Mutter habe ich das Prinzip Attacke übernommen. Sie hatte durch die Härten der Kriegs- und Nachkriegsjahre gelernt, dass sich wenigstens einer in der Familie nicht die Butter vom Brot nehmen lassen darf. Ich habe mir ihre Renitenz abgeschaut - und die Eigenschaft, Entscheidungen nicht allein deshalb zu akzeptieren, weil irgendjemand etwas behauptet, sondern nur, weil das Argument überzeugend ist."

Der Mann mit eigenen Ansichten ist gefragter Gast als Redner und in Fernsehsendungen. Bei der Linkspartei trat er schon einmal beim Geburtstag von Fraktionschef Dietmar Bartsch auf. Und bei öffentlichen Auftritten sorgt Kubicki gerne für Überraschungen, zum Beispiel wenn er Kritik an der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel deutlich werden lässt oder Zweifel an den Sanktionen gegen Russland äußert. Bei der Pandemie-Bekämpfung warnte er deutlich davor, Grundrechte zur Disposition zu stellen. Und zur Gendersprache kommentiert er kurz und knapp: "Ich warne dringend davor zu meinen, man könnte Menschen durch solche neuen Sprachvorgaben erziehen."

Trotz des oft eigenwilligen Kurses hat sein Wort in Partei und Fraktion Gewicht. Der Aufstieg von Christian Lindner zum Parteichef wäre ohne die Unterstützung Kubickis wohl schwieriger geworden. Als die Liberalen 2013 erstmals seit 1949 nicht mehr in den Bundestag kamen, war es Kubicki, der einen schnellen Neuanfang mit Lindner forderte. Der Neustart gelang, 2017 kehrte die FDP in den Bundestag zurück und hat jetzt sogar eine Beteiligung an der Bundesregierung in Aussicht. Und wieder ist es Kubicki, der massiv für Lindner als Finanzminister wirbt.

Kubicki selbst strebt keine Kabinettswürden mehr an. Das Amt des Vizepräsidenten füllt ihn aus. Im Bundestag ist Kubicki für eine straffe Leitung von Sitzungen bekannt. Im letzten Bundestagspräsidium hatte ihn Präsident Wolfgang Schäuble gebeten, ein Auge auf die Bauprojekte des Bundestages zu haben. Den Umgang mit den großen Verwaltungen habe er erst lernen müssen, erzählt er schmunzelnd. Aber auch das hat geklappt.

Um sein Privatleben macht Kubicki kein großes Aufheben. Er ist in dritter Ehe verheiratet, Vater von Zwillingen und Großvater. In seiner Freizeit fährt er gerne auf seiner Motoryacht mit dem Namen Liberty - der Name ist Programm.

Zum Leben, zum Wirken und zur Person passt auch sein Sternzeichen, der Fisch. Und dieser Fisch schwimmt gerne gegen den Strom.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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