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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Weltrettende: Julia Verlinden

Journalisten kann sie in diesen Tagen zur Verzweiflung bringen. Julia Verlinden hält es mit den vielen anderen Grünenpolitikern, die über den Stand der Regierungsverhandlungen mit SPD und FDP nichts kundtun. Wird zum Beispiel eine Solarpflicht kommen? "So verstehe ich das Sondierungspapier", gibt sich die 42-jährige zugeknöpft.

Seit 2013 sitzt die promovierte Umweltwissenschaftlerin im Bundestag, ist seitdem energiepolitische Sprecherin der Grünenfraktion. Das Wort "Energiewende", seitdem gefühlte zehntausend Mal auf der Zunge gehabt, könne sie immer noch hören, "die Energiewende ist ja ein dynamischer Prozess, der nicht irgendwann endet". Nun winkt den Grünen die Regierungsbank und eine riesige Verantwortung. Auf ihrer Website steht noch immer der Satz über ihre Zeit im Parlament: "Seitdem lege ich gemeinsam mit meiner Fraktion den Finger immer wieder in die Wunde." Wie soll das jetzt gehen? "Ich bin Umweltwissenschaftlerin", erwidert sie, "ich überprüfe, wie weit wir von einer lebenswerten Zukunft entfernt sind". Die Arbeit werde nun sehr herausfordernd. "Aber mit meinem Hintergrund möchte ich mich da einbringen." Schließlich sei der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ein Maßstab für jede Regierung - unabhängig, wer sie stelle. "Das ist kein 'nice-to-have' nur für die Grünen."

Neuen fossilen Import-Infrastrukturen etwa erteilt Verlinden eine Absage. "Wir müssen auf den Zielpfad einer hundertprozentigen Versorgung mit erneuerbaren Energien einschwenken, da wird Fossiles nicht mehr gebraucht." Viel Hoffnung steckt sie in die Entwicklung von Wasserstoff als Energieträger. "Die Importstrukturen und eine Produktion in Deutschland müssen mehr in den Fokus geraten." Die Technik sei da, nun bedürfe es der Unterstützung durch die Politik. Wurde die Entwicklung in Deutschland verschlafen? "Nein, aber die bisherige Bundesregierung sah zu wenig den Zusammenhang mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien - denn grünen Wasserstoff können wir nur herstellen, wenn wir genügend Wind- und Solarstrom zur Verfügung haben." Bleibt die Frage, ob diese Energiewende mit all ihrer Wucht für die Verbraucher teurere Preise bedeutet. "Die Preise für fossile Energie können schnell explodieren, wie wir in den letzten Wochen gesehen haben, entgegnet sie. "Die Preise für erneuerbare Energien sind dagegen verlässlich und günstig."

Mit dem Engagement für die Umwelt fing es bei Verlinden früh an. Bereits bei der Schülerzeitung interessierte sich die Teenagerin für Umweltthemen, "ich widmete mich damals dem ganzen Blumenstrauß dessen, was uns bis heute beschäftigt", erklärt sie. Es war die Zeit, in der Frankreich Atombomben im Pazifik testete und der Konzern Shell seine Öllager- und Verladeplattform Brent Spar in der Nordsee versenken wollte - die Umweltbewegung protestierte heftig.

Turbulent ging es für die Schülerzeitungsredakteurin weiter, die Bergisch Gladbacherin engagierte sich in den Jugendorganisationen von Greenpeace, NABU und BUND, organisierte Fahrraddemos und zog nach dem Abitur von Nordrhein-Westfalen zum Studium nach Lüneburg, wo sie immer noch wohnt. Am "Projekt Weltrettung", wie sie auf ihrer Website schreibt, blieb sie dran. Als Studentin vertrat Verlinden die Grünen von 2002 bis 2006 im Stadtrat, wurde dann nach Studienabschluss in Umweltwissenschaften Wissenschaftliche Angestellte am Umweltbundesamt; 2013 leitete sie dort den Fachbereich Energieeffizien, um schließlich im selben Jahr in den Bundestag zu wechseln. Seit diesem Herbst vertritt Verlinden auch wieder die Grünen im Lüneburger Stadtrat. "Ich wurde gefragt, ob ich helfen kann", sagt sie; immerhin ist die Partei seit 2006 stark gewachsen, stellt nun auch die Oberbürgermeisterin. "Die Arbeit als Ratsfrau ist ehrenamtlich. Da habe ich großen Respekt vor allen, die sich in ihrer Freizeit für diesen Dienst an der Gesellschaft engagieren."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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