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Stromversorgung
Hans-Christoph Neidlein
Das Netz hält

Droht Deutschland infolge der Energiewende ein Blackout? Der europäische Verbund der Stromnetze verhinderte bisher einen Kollaps der Netze mit Erfolg.

Stromausfälle sind hierzulande bisher im Gegensatz zu manch anderen Ländern ziemlich selten. Und dies, obwohl bereits ein Großteil der Atommeiler sowie Kohlekraftwerke mit einer Leistung von über acht Gigawatt (GW) abgeschaltet wurden und die Stromversorgung zu einem großen Teil aus erneuerbaren, fluktuierenden Quellen, vor allem Windkraft und Photovoltaik gedeckt wird.

10,73 Minuten lang bekamen jeder Haushalt und jedes Unternehmen im Schnitt im Jahr 2020 keinen Strom. Damit war die Dauer der sogenannten Versorgungsunterbrechungen (SAIDI-Index, System Average Interruption Duration Index) um 1,47 Minuten kürzer als im Vorjahr. Laut Bundesnetzagentur ist dies der niedrigste Wert seit Veröffentlichung der Zahlen im Jahr 2006. Die Unterbrechungen summierten sich damals im Schnitt auf mehr als 21 Minuten.

Zuverlässigkeit Ein Blick ins Ausland hilft bei der Einordnung. Während der SAIDI-Wert bundesweit in Deutschland im Jahr 2016 bei circa 13 Minuten lag, lag er in Italien und Großbritannien bei rund 40 Minuten, in Frankreich bei 50 Minuten und in Schweden bei 70 Minuten.

"Die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in Deutschland war im Jahr 2020 erneut sehr gut", erklärte der Präsident der Bundesnetzagentur (BNetzA), Jochen Homann, bei der Vorstellung der Zahlen im August dieses Jahres. "Die Energiewende und der steigende Anteil dezentraler Erzeugungsleistung haben weiterhin keine negativen Auswirkungen auf die Versorgungsqualität", so Homann. "Die Netz- und Versorgungssicherheit ist und war gewährleistet", sagt auch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) und verweist hierbei unter anderem auf den zweijährlich erscheinenden Monitoringbericht zur Versorgungsicherheit, der auch in die Zukunft schaut.

Doch ist diese positive Einschätzung nicht auch ein gutes Stück Zweckoptimismus? Gibt es nicht gravierende Risiken? So meldete das Handelsblatt am 2. Juli 2019: "In den vergangenen Wochen konnte Deutschland offenbar nur mit Mühe großflächige Stromausfälle vermeiden. Gleich an mehreren Tagen im Juni, am 6., 12. und am 25., war die Situation im Stromnetz kritisch. Nur mit kurzfristigen Stromimporten aus dem Ausland konnte das Netz stabil gehalten werden." Ursache hierfür waren allerdings laut Wirtschaftsministerium nicht Probleme der fehlenden Stromerzeugungskapazität, sondern gesetzeswidrige Marktmanipulationen von Händlern am Stromgroßhandelsmarkt. Die Bundesnetzagentur verhängte deshalb Anfang Oktober dieses Jahres Bußgelder gegen zwei Unternehmen. "Wer Gewinne zu Lasten der Systemstabilität einstreicht, handelt rechtswidrig", erklärte der Vizepräsident der Netzagentur, Peter Franke.

Nicht auf Spekulanten, sondern auf einen Dominoeffekt innerhalb des europäischen Stromverbundnetzes war ein Störfall vom 8. Januar 2021 zurückzuführen, der jedoch glimpflich ausging. Am frühen Nachmittag sank die Netzfrequenz beim Übertragungsnetzbetreiber Amprion schlagartig um 200 Millihertz unter die Marke von 50 Hertz, eine Folge davon, dass mehr Strom verbraucht als eingespeist wurde. Abweichungen in dieser Größenordnung von der Standardfrequenz im elektrischen Netz Europas gelten als schwerwiegende Störung. Was war passiert? An jenem Tag war es in Westeuropa relativ kalt. Zugleich feierten orthodoxe Christen in Südosteuropa ihr Weihnachtsfest. Es wurde also im Nordwesten des Kontinents sehr viel, auf dem Balkan jedoch relativ wenig Strom verbraucht. Infolgedessen floss recht viel Strom vom Südosten nach Zentraleuropa. Zu viel jedenfalls für die Infrastruktur. In einem Umspannwerk nahe der Ortschaft Ernestinovo in Kroatien kam es zu einer Überlastung und Abschaltung der Verbindung, was zu einem Dominoeffekt führte. Binnen kürzester Zeit waren benachbarte Leistungen überlastet - es kam zu einer vollständigen Trennung des Verbundnetzes. Dem in der Amprion-Leitzentrale in Brauweiler bei Köln beobachteten Abfall der Netzfrequenz im nordwestlichen europäischen Teilnetz stand ein ähnlich rapider Frequenzanstieg in Südosteuropa gegenüber. Hier waren rund 5.800 Megawatt Kraftwerksleistung zu viel am Netz, die auf der anderen Seite fehlten.

Stabilisierung Doch konnte die Frequenzabweichung innerhalb von Minuten stabilisiert werden. Automatisch wurden Kraftwerke hochgefahren, Industriekunden in Frankreich und Italien vom Netz genommen und zusätzliche sogenannte Regelenergie aus dem nicht mehr zum Europäischen Stromverbund gehörenden benachbarten Netzen in Großbritannien und Skandinavien eingespeist. Genau 63 Minuten nach der Auftrennung war der Stromfluss im europäischen Verbundnetz wieder im Lot und die Netzauftrennung zwischen dem Balkan und Zentraleuropa konnte wieder aufgehoben werden. "Die Stromversorgung war zu jeder Zeit gewährleistet", so der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Außer den beteiligten Netzbetreibern und den vertraglich involvierten Industriebetrieben habe niemand etwas von der Störung mitbekommen. Zudem seien solche Netzauftrennungen innerhalb des europäischen Stromverbunds sehr selten. Der letzte Störfall dieser Art habe sich 2006 ereignet.

So anfällig also der europäische Stromverbund zumindest in einzelnen Fällen für unerwünschte Kettenreaktionen sein kann, so wichtig ist er andererseits für die Versorgungssicherheit gerade in Energiewendezeiten. Denn hierdurch können in vielen Fällen wetterbedingte Schwankungen von Wind- und Solarstrom regional ausgeglichen oder Strom aus Wasserkraftwerken in Norwegen oder Österreich die Stromversorgung anderswo in Europa stützen. Wobei Deutschland schon seit längerem Nettostromexporteur ist und im vergangenen Jahr 52 Terrawattstunden (TWh) exportierte, bei einem Import von 33,7 TWh. Hierzu wurden jüngst auch grenzüberschreitende Verbindungsleitungen ausgebaut, so nach Belgien oder über den NordLink nach Norwegen.

Reserven Als zusätzliche Absicherung zur Versorgungssicherheit bei der Stromerzeugung sowie für die Verteilung über leistungsfähige Stromnetze, gibt es in Deutschland neben der Preisbildung am liberalisierten Strommarkt zudem diverse Reservemechanismen. So soll die sogenannte Netzreserve das Stromnetz selbst bei starker Belastung vor allem im Winter sichern. Kraftwerke, die gerade nicht betriebsbereit oder schon zur Stilllegung angemeldet wurden, können bei Bedarf kurzfristig einspringen. Für diesen Winter beträgt die von der Bundesnetzagentur bestätigte Reserve 5,67 Gigawatt (GW). Bei Extremsituationen und Unvorhergesehenem soll eine Kapazitätsreserve einspringen. Dazu werden bestehende Erzeugungsanlagen, Speicher oder regelbare Lasten außerhalb des Strommarktes vorgehalten. Die Übertragungsnetzbetreiber starteten im September die zweite Ausschreibungsrunde für eine Reserveleistung von zwei Gigawatt, die ab Oktober 2022 für einen Zeitraum von zwei Jahren bereitstehen soll. Falls Plan A und B nicht ausreichen, soll die sogenannte Sicherheitsbereitschaft greifen. Sie besteht aus Kraftwerken mit einer Leistung von 2,7 GW, die im Zuge des Kohleausstiegs planmäßig stillgelegt worden sind. Vier Jahre lang können diese abgeschalteten Kraftwerke in Extremsituationen wieder aktiviert werden, bevor sie endgültig stillgelegt und abgerissen werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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