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WINDKRAFT
Sören Christian Reimer
Laues Lüftchen

In den vergangenen Jahren stockte gerade bei der Windenergie der Ausbau. Zudem sind aus Sicht von Kritikern die Ziele zu niedrig angesetzt

Dass Umweltverbände gegen die Industrie demonstrieren, kennt man. Dass allerdings die Industrie in dieser Form mobil macht, ist eher ungewöhnlich. Am vergangenen Mittwoch versammelten sich in Düsseldorf rund 100 Mitglieder des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW, in dem unter anderem zahlreiche Unternehmen der Windkraftbranche Mitglied sind, zu einer "Anti-Nabu-NRW-Demo" unweit der Landesgeschäftsstelle des Umweltverbandes. Der Verband wirft dem Nabu eine "Energiewende-Blockade-Politik" vor.

Durch Klagen hätten die Umweltschützer in den vergangenen Jahren in dem Bundesland mehr als 100 Windenergieanlagen mit über 500 Megawatt Leistung ausgebremst. Gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) wies eine Nabu-Vertreterin den Vorwurf zurück: "Wir wollen den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Aber wir wollen, dass die artenschutzrechtlichen Aspekte mitberücksichtigt werden", sagte die Landesvorsitzende Heide Naderer der Agentur. Nach Angaben des Nabu laufen derzeit neun Klagen gegen Windkraftprojekte, die beiden jüngsten wurden 2019 und 2021 eingereicht. In den Verfahren spiele das Interesse an der wirksamen Durchsetzung gesetzlicher Zugriffsverbote zum Schutz besonders geschützter Vogel- und Fledermausarten eine gewichtige Rolle, teilte die Organisation mit.

Die öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung in Düsseldorf wirft ein Schlaglicht auf die Konflikte rund um den Ausbau der erneuerbaren Energien und insbesondere der Windkraft an Land. In Gemeinden begehren Anwohner gegen die "Verspargelung" der Landschaft oder den Bau von Hochspannungsleitungen auf, anderswo geht es um Naturschutz und Artenschutz. Zudem fehlen Flächen und - wie so oft bei Bau- und Infrastrukturprojekten - die Genehmigungsverfahren dauern zu lang. Hinzu kommen laut Kritikern bürokratische Hemmnisse im Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) oder zu wenig Ausschreibungen für potentielle Betreiber von Solar- oder Windanlagen.

Ambitionierte Ziele "Deutschland hat sich mit der Klimaneutralität bis 2045 ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Allerdings ohne dieses Ziel bislang mit den nötigen Maßnahmen zu untermauern", sagt Thorsten Lenck von der Denkfabrik Agora Energiewende. Bei Agora sieht man 70 Prozent als die notwendige 2030-Zielmarke für den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch, um die Klimaziele zu erfüllen. Gesetzlich verankert sind derzeit 65 Prozent, 2020 waren es rund 45 Prozent. Die neue Bundesregierung müsse nun schnell wirksame Maßnahmen umsetzen, um diese Ziele sicher zu erreichen, sagt der Energiewende-Experte.

Der geplante Erneuerbaren-Ausbau sei beispielsweise viel zu gering, kritisiert Lenck. Trotz besseren Wissens gehe die Berechnungsgrundlage noch immer von einem gleichbleibenden Stromverbrauch im Jahr 2030 aus. Lenck verweist auf die E-Mobilität, das Heizen mit elektrischer Wärmepumpe oder elektrische Verfahren in der Industrie wie beispielsweise bei der Stahlherstellung, die den Stromverbrauch in der Zukunft ansteigen lassen. Deshalb müsse der Ausbau deutlich beschleunigt werden, fordert Lenck: "Um das 2030-Klimaziel zu erreichen, muss die nächste Bundesregierung den Erneuerbaren-Zubau verdreifachen."

Auch von Branchenverbänden der Wind- und Solarenergie kommen ähnliche Töne sowie vom Umweltbundesamt (UBA). Die UBA-Experten haben dafür auch ganz pragmatische Gründe: Je höher die Zahl der Windkraftanlagen, desto eher können Schwankungen ausgeglichen werden. So brach nach Zahlen des UBA die Stromerzeugung aus Wind im ersten Halbjahr 2021 ein, weil es weniger windig war.

Ausbau stockt Doch gerade bei der Windkraft stockte in den vergangenen Jahren der Ausbau. Windenergie trug 2020 mehr als Hälfte des Stroms aus Erneuerbaren bei, seit 2015 stieg die Stromeinspeisung um 62 Prozent. Doch 2019 und 2020 gingen Anlagen mit nur 2.000 Megawatt beziehungsweise 1.446 Megawatt ans Netz - weniger wurden in den vergangenen 20 Jahren nur 2008 und 2010 angeschlossen.

In diesem Jahr scheint es etwas besser zu laufen - zumindest an Land: So sind laut Branchenangaben im ersten Halbjahr 2021 240 Windenergieanlagen an Land mit einer Leistung von 971 Megawatt installiert worden, allerdings sind im selben Zeitraum Anlagen mit einer Leistung von 140 Megawatt abgebaut worden. Für das Gesamtjahr rechnet die Branche mit einer neu installierten Leistung von zwei bis 2,5 Gigawatt (GW).

Damit sind aktuell 29.715 Anlagen mit einer installierten Leistung von 55,8 Gigawatt auf Land in Betrieb. Bis 2030 sollen es nach EEG 71 Gigawatt werden, das UBA sieht eher 105 Gigawatt als notwendige Zielmarke, Agora liegt mit 80 Gigawatt dazwischen. Das EEG sieht aktuell vor, von diesem Jahr an bis einschließlich 2028 insgesamt brutto 32,5 GW - oder rund vier GW pro Jahr - für den Ausbau auszuschreiben. Im Netto fällt die avisierte Leistung durch Wegfall von Altanlagen entsprechend geringer aus. Aus Sicht des UBA müsste der Brutto-Ausbau mindestens bei vier bis zu sieben Gigawatt pro Jahr betragen, Agora sieht einen mittleren Zubau von mindestens fünf Gigawatt brutto pro Jahr bis einschließlich 2030 als notwendig an.

Für die kommenden Jahre deuten erste Zeichen auf etwas Besserung hin. Bei der Ausschreibungsrunde mit Stichtag 1. September wurde erstmals seit Dezember 2020 wieder eine Runde überzeichnet. "Die Überzeichnung der Ausschreibung zeigt den ungebrochenen Willen der Energiebranche, neue Windenergie-Projekte zu realisieren", teilte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mit. Die neue Bundesregierung müsse aber den "Turbo einschalten", mahnte Andreae. "Im Fokus sollten Verbesserungen im Planungs- und Genehmigungsrecht stehen, damit den Ausschreibungsvolumina auch eine angemessen gefüllte Projektpipeline gegenübersteht." Die möglichen Ampel-Koalitionäre haben angekündigt, genau das zu tun und den Ausbau der Erneuerbaren "drastisch zu beschleunigen und alle Hürden und Hemmnisse aus dem Weg zu räumen", heißt es im Sondierungspapier.

Auch ein weiteres Kernproblem, das die Branche und auch Experten wie Lenck benennen, will die mögliche Ampel-Koalition angehen - die Freigabe von Flächen: "Für die Windkraft an Land sollen zwei Prozent der Landesflächen ausgewiesen werden", haben die drei Parteien vorerst vereinbart. Das ist auch die Forderung von Lenck. Aktuell sind laut UBA bundesweit 0,8 Prozent der Landesfläche planerisch für eine Nutzung durch die Windenergie festgelegt - zu wenig für die Ausbaupläne. "Die zu geringen Genehmigungszahlen seit 2017 werfen zudem die Frage auf, ob nicht sogar heute bereits ein Flächenengpass an nutzbaren Flächen vorliegt", schreibt das UBA.

Aus Sicht der Windkraft-Branche ist für die schleppende Flächenvergabe die 2020 beschlossene Abstandsregelung mit verantwortlich. Pauschale Abstandsregeln sollen nach dem Willen der Windenergiebranche wieder gestrichen werden. Lenck fordert zudem eine zielgerichtete Diskussion über die Ausweisung von Flächen. So sei es denkbar, Windräder auch in Nutzwäldern zu platzieren. Grundsätzlich müssten zudem Landschaftsschutzgebiete kritisch hinterfragt werden, in denen der Bau von Windrädern bisher pauschal untersagt ist. In Nordrhein-Westfalen betreffe das mehr als 40 Prozent der Landesfläche.

Lenck plädiert für eine zügige Ausweisung der Flächen, auch um mögliche Konflikte mit Anwohnerinnen und Anwohnern frühzeitig anzugehen und Kompromisse finden zu können. Wie auch der Bundesverband Windenergie sieht der Agora-Experte Bayern und Baden-Württemberg, wo es eine stromhungrige Wirtschaft gibt, in der Pflicht, mehr Flächen auszuweisen. "Wenn das nicht geschieht, muss anderswo näher an Wohnorten gebaut werden", mahnt Lenck.

Auf dem Meer Nicht nur auf dem Land stockt der Windkraftausbau, auch auf dem Meer (offshore) geht es nicht so zügig voran, wie manche sich das wünschen. 2020 waren laut Branchenberichten 7,8 Gigawatt auf See installiert, schwerpunktmäßig in der Nordsee, im Bau befand sich kein Windpark. Allerdings erwartet die Branche bis 2025 ein Zuwachs auf 10,8 Gigawatt, da sich diverse Projekte aus früheren Ausschreibungsrunden in Vorbereitung befänden. Geregelt ist der Ausbau im Windenergie-auf-See-Gesetzes, das Zielvorgaben markiert. Bis 2030 sollen auf See 20 Gigawatt installiert sein, bis 2040 40 Gigawatt. Aus Sicht von Lenck und Agora sollten es bis 2030 allerdings schon mindestens 25 Gigawatt sein, um den wachsenden Strombedarf zu decken.

Damit die sowohl auf dem Meer als auch auf Land gewonnene Energie aus dem windreicheren Norden in den Süden gelangt, muss das Stromnetz ausgebaut werden. "Das geht viel zu langsam. Auch hier muss das Tempo hochgefahren werden", meint Lenck. Als Grund für die Verzögerung nennt Lenck die Auseinandersetzungen über die dafür notwendigen Hochspannungsleitungen, die in vielen Orten auf Widerstand gestoßen waren. Schließlich reagierte die Politik und ermöglichte auch die Verlegung der Leitungen unter der Erde. "Das hat den Ausbau verzögert und die Kosten erhöht", sagt er. Den Netzausbau nun zu beschleunigen sei essentiell, um die im Süden gelegenen Industriestandorte mit günstigem Strom versorgen zu können und die Systemkosten insgesamt moderat zu halten, erklärt Lenck.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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