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Energiekonzerne
Hans-Christoph Neidlein
Grüne Wende

Die alten Kohle- und Atomstromerzeuger haben sich vollkommen gewandelt. Die fossile Energieerzeugung ist nur noch ein Auslaufmodell

Früher Kohle und Atom, heute grün: Namhafte Energiekonzerne wie RWE, EnBW oder Steag setzen mittlerweile (fast) durchweg auf eine "grünere" Versorgung und auf das Geschäft rund um die Energiewende.

Noch vor wenigen Jahren bestimmten heftige Grabenkämpfe zwischen der Kohle- und der Erneuerbaren-"Fraktion" wichtige Veranstaltungen der Energiebranche - so die Jahrestagungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Doch hat sich das mittlerweile gründlich gewandelt. So fordern mittlerweile BDEW-Präsidentin Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Versorgers Entega und BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae, bis 2018 Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, von der Politik mehr Ambitionen für die Energiewende. Ähnlich äußert sich regelmäßig Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU).

Transformation Diese Verbandspositionen spiegeln die Aktivitäten wichtiger "klassischer" Energieversorger wider, die sich mittlerweile fast durch die Bank der Transformation hin zu einer klimafreundlichen Versorgung verschrieben haben. Ein prominentes Beispiel ist RWE in Essen. Allein in den ersten drei Quartalen 2021 investierte der Konzern insgesamt 2,5 Milliarden Euro brutto in neue Windkraft- und Solaranlagen sowie Batterieprojekte − rund 80 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bis Ende nächsten Jahres soll das Erneuerbare-Energien-Portfolio von derzeit rund 9,5 Gigawatt (GW) auf mehr als 13 GW erweitert werden. "Damit gehört RWE weltweit zu den führenden Unternehmen bei erneuerbaren Energien und treibt den Ausbau in mehr als 20 Ländern auf fünf Kontinenten voran. Diese Position wollen und werden wir weiter ausbauen", sagt Sarah Knauber, Sprecherin von RWE Renewables. In Deutschland investiere der Konzern von 2020 bis 2022 rund eine Milliarde Euro netto in neue Windparks an Land und auf See sowie in Solarprojekte.

Von 2012 bis 2020 senkte der Energieriese seine CO2-Emissionen um mehr als 60 Prozent. Bis 2040 möchte RWE klimaneutral sein. Dafür steige man konsequent aus der Kohle aus, unterstreicht Knauber. In Großbritannien und Deutschland habe RWE keine Steinkohlekraftwerke mehr in Betrieb, in den Niederlanden schreite die Umrüstung von zwei Anlagen auf Biomasse voran. Im rheinischen Braunkohlerevier habe RWE - wie im Kohleausstiegsgesetz festgelegt - den ersten Kraftwerksblock Ende 2020 abgeschaltet. Bis Ende 2022 möchte das Unternehmen eine installierte Kraftwerksleistung von 2,8 GW stillgelegt haben. Bis 2030 sollen laut Knauber insgesamt zwei Drittel der RWE-Kraftwerkskapazität in der Braunkohle vom Netz gehen. Damit verbunden sei der "sozialverträgliche Abbau" von etwa 6.000 Arbeitsplätzen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei EnBW. Von den zwischen 2012 bis 2020 getätigten Investitionen sind laut Sprecherin Friederike Eggstein über 70 Prozent in die erneuerbaren Energien (fünf Milliarden Euro) und die Netze (sieben Milliarden Euro) geflossen. Für den Zeitraum 2021 bis 2025 seien für die Erzeugungsinfrastruktur (Wind, Solar sowie Fuel Switch von Kohlekraftwerken) rund vier Milliarden Euro an Investitionen vorgesehen. "Unter dem Strich soll unser Erzeugungspark aus regenerativen Energien bis 2025 auf über fünf Gigawatt installierter Leistung anwachsen - das wäre dann die Hälfte des gesamten Portfolios", berichtet Eggstein.

Bis 2035 möchte der Konzern klimaneutral sein, bis 2030 seine Emissionen um mindestens 50 Prozent reduzieren. Bereits seit 2012 ziehe sich EnBW aus der konventionellen Erzeugung zurück, so Eggstein. Dementsprechend habe man sich seitdem von rund 2,6 GW CO2-intensiven Erzeugungsanlagen (Kohle, Gas, Öl) getrennt. Das entspreche fast 40 Prozent des damaligen Werts. Aktuell hat das in Karlsruhe ansässige Unternehmen noch acht Kohlekraftwerks-Blöcke mit vier GW in Betrieb, davon einen mit Braunkohle befeuerten. Diese Meiler werde man nach und nach aus dem Markt nehmen oder durch Fuel Switch-Projekte auf klimafreundlichere Brennstoffe - perspektivisch auf grüne Gase - umstellen, sagt die Konzernsprecherin. 2030 sollen nur noch die neuesten Anlagen in Betrieb sein. Der Braunkohle-Kraftwerksblock im sächsischen Lippendorf (südlich von Leipzig) soll im Zuge des mit der Bundesregierung vertraglich vereinbarten Braunkohleausstiegs spätestens Ende 2035 ohne Entschädigung stillgelegt werden.

Aktiv ist EnBW auch für eine grünere Fernwärme. So wurde beispielsweise gemeinsam mit den Stadtwerken in Ulm die örtliche Fernwärmeversorgung zu über 60 Prozent auf klimafreundliche Erzeugung umgestellt. In einem neuen Biomassekraftwerk der Donaustadt wird die Wärme aus Holzhackschnitzeln, Sägespänen und Rinde gewonnen.

In Stuttgart-Münster investiert das Unternehmen an einem bestehenden Heizkraftwerk in eine neue Kraft-Wärme-Kopplung mit Gasturbinen, die mit einer Großwärmepumpe kombiniert wird. Das bundesweite Modellprojekt wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Die Pumpe soll Abwärme aus dem Kühlwasser der Stromerzeugung und der Müllverbrennung zur Energiegewinnung nutzen und damit den Wirkungsgrad der Gesamtanlage nochmals erhöhen. Auch treibt der Konzern diverse Geothermie-Projekte im Rheintal voran.

Erdgas sieht EnBW als Brückentechnologie zur Ergänzung bzw. Stabilisierung einer erneuerbaren Versorgung - mit der Option des Umstiegs auf klimaneutrale Gase, insbesondere grünen Wasserstoff. Neben Stuttgart-Münster rüstet das Unternehmen derzeit mehrere Heizkraftwerke entsprechend um.

Auch der fünftgrößte Stromerzeuger Deutschlands, die Essener Steag, welche im Besitz eines Stadtwerke-Zusammenschlusses ist, hat sich auf den Weg zur Dekarbonisierung gemacht. Das Unternehmen betreibt eigene Erneuerbare-Energien-Anlagen (Photovoltaik nicht mitgerechnet) mit einer Leistung von gut 450 Megawatt (MW). Hinzu kommen weitere Anlagen, die Steag nicht gehören, für die das Unternehmen jedoch die Betriebsführung wahrnimmt. Im Bereich der Photovoltaik ist Steag vornehmlich als Projektentwickler sowie Servicedienstleister und Betriebsführer national und international engagiert. Ein Schwerpunkt liegt auf den südeuropäischen PV-Märkten von Spanien über Italien bis Griechenland. Insgesamt belaufe sich die installierte Leistung aller PV-Projekte, das heißt auch solcher, die sich in einem frühen Planungsstadium befinden, auf rund 4,5 GW, sagt Steag-Sprecher Daniel Mühlenfeld.

Vier Steinkohlekraftwerke des Unternehmens in Nordrhein-Westfalen und im Saarland liefern derzeit noch regulär Strom. Zwei weitere Kraftwerke sind von der Bundesnetzagentur als systemrelevant eingestuft worden und stützen auf Anforderung des Netzbetreibers Amprion stunden- und tageweise das Stromnetz. Drei seiner noch regulär laufenden Steinkohlekraftwerke möchte der Versorger bis spätestens Ende Oktober 2022 endgültig stilllegen, sodass danach nur noch der Kraftwerksblock Walsum 10 im nordrhein-westfälischen Duisburg am Markt sein werde, berichtet Mühlenfeld. Für diese Anlage würden aktuell Optionen für einen Brennstoffwechsel geprüft. Damit habe Steag den unternehmenseigenen Kohleausstieg faktisch bereits erfolgreich vollzogen beziehungsweise vorbereitet. Im nordrhein-westfälischen Herne möchte der Versorger Mitte kommenden Jahres ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Betrieb nehmen, das künftig die Wärmeversorgung von 200.000 Haushalten im Ruhrgebiet übernehmen soll. Dies ersetzt die Wärmeversorgung durch ein noch laufendes Steinkohlekraftwerk. Auch kann das neue Gaskraftwerk schon zu einem Teil - grünen - Wasserstoff mitverfeuern, eine vollständige Umstellung ist laut Mühlenfeld möglich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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