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Christian Hunziker
Mehr Watt für die Wende

Energieintensive Betriebe stehen vor immensen Herausforderungen, fossile Energieträger zu ersetzen

BASF ist nicht nur einer der weltweit größten Chemiekonzerne, sondern bald auch Energieproduzent. Im Juni dieses Jahres gab das Ludwigshafener Unternehmen bekannt, 49,5 Prozent der Anteile an einem vom Energiekonzern Vattenfall entwickelten Offshore-Windpark vor der niederländischen Küste zu erwerben. Der Strom, der ab dem Jahr 2023 im Windpark Hollandse Kust Zuid erzeugt wird, soll in die Produktion am BASF-Standort in Antwerpen fließen. "Mit dieser Investition", sagte Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender der BASF SE, bei Bekanntgabe des Ankaufs, "sichern wir uns signifikante Mengen an Strom aus erneuerbaren Quellen für BASF. Das ist ein Schlüsselelement für unsere Transformation hin zur Klimaneutralität."

Damit spricht Brudermüller eine Herausforderung an, vor der nicht nur sein Konzern, sondern auch andere Unternehmen vor allem aus energieintensiven Branchen wie der Chemie-, der Stahl- und der Papierindustrie stehen: Um das im Klimaschutzgesetz vorgegebene Ziel zu erfüllen, bis 2045 klimaneutral zu sein, müssen sie ihre Geschäftstätigkeit grundlegend umstrukturieren: So gilt es zum einen, den Energieeinkauf neu zu organisieren und auf Energieträger aus erneuerbaren Quellen auszurichten, zum anderen die Produktionsmethoden klimaschonend umzubauen.

Mammutaufgabe Wie groß die Aufgabe ist, zeigen diese Zahlen: Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) muss die einheimische Industrie ihre CO2-Emissionen zwischen 2019 und 2030 um rund zwei Drittel verringern, was Mehrinvestitionen von etwa 50 Milliarden Euro voraussetzt. Dazu gehört die Umstellung der Energieversorgung von Öl und Erdgas auf CO2-freie Energieträger, insbesondere auf Strom, der aus erneuerbaren Quellen stammt. Das hat zur Folge, dass die Industrie sehr viel mehr Strom als heute verbrauchen wird. Laut der vom BDI herausgegebenen Studie "Klimapfade 2.0" wird ihr Strombedarf bis zum Jahr 2030 allein durch die Elektrifizierung industrieller Wärmeprozesse um rund 63 Terawattstunden steigen - das ist mehr als der derzeitige jährliche Stromverbrauch der Schweiz.

Fossile Energieträger durch Strom aus erneuerbaren Quellen zu ersetzen, daran arbeitet die BASF verstärkt.: Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 25 Prozent im Vergleich zu 2018 zu reduzieren. Die Beteiligung am niederländischen Offshore-Windpark ist dabei nur ein Puzzlestein der Energiestrategie. Im polnischen Sroda Slaska beispielsweise hat der Konzern einen Vertrag mit einem polnischen Energieversorger geschlossen, der garantiert, dass das dortige Werk für Abgaskatalysatoren ab sofort ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen, hauptsächlich aus Windkraft, versorgt wird.

Im Ludwigshafener Stammwerk wiederum kooperiert das Chemieunternehmen derzeit mit Siemens Energy in einem Pilotprojekt, bei dem elektrische Wärmepumpen eingesetzt werden, um aus Abwärme CO2-frei Dampf zu erzeugen. Der Konzern rechnet damit, dass die Umstellung auf klimaneutrale Produktionsverfahren dazu führen wird, dass 2035 im Werk Ludwigshafen etwa dreimal so viel Strom wie heute verbraucht werden wird. BASF werde sich deshalb weiter an Investitionen in Produktionsanlagen für erneuerbare Energien für den Eigenbedarf beteiligen, sagt Konzernchef Brudermüller: "Voraussetzung für die Transformation der Chemieproduktion ist die verlässliche Verfügbarkeit großer Mengen erneuerbaren Stroms zu wettbewerbsfähigen Preisen. Beides ist heute in Deutschland nicht gegeben."

Engpässe befürchtet Die Sorge, dass der Bedarf an sauberer Energie in Zukunft nicht gedeckt werden kann, treibt auch andere Branchen um: "Gerade energieintensive Industrien benötigen sicheren Strom rund um die Uhr", heißt es beim Verband Die Papierindustrie. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VDI), sieht die Politik "in der Verantwortung, zeitnah ausreichend viel Grünstrom zu wettbewerbsfähigen Preisen zu mobilisieren. Nur so ist die Transformation zu bewältigen." Und BDI-Präsident Siegfried Russwurm fordert: "Die Politik muss die Unternehmen auf dem Weg in die Klimaneutralität so unterstützen, dass erneuerbare Energien und ihre Nutzung deutlich günstiger werden." Doch nicht alle Firmen verlassen sich allein auf die Politik. Das Pharmaunternehmen Pfizer etwa erzeugt bereits seit 2009 am Standort in Freiburg seine Prozesswärme mittels Geothermie und Bioenergie in Form einer Holzpelletanlage. Und auch kleine und mittlere Betriebe beschreiten bei der Energieversorgung neue Wege. So zum Beispiel die Andechser Molkerei Scheitz, die 2021 für den Energy Efficiency Award der Deutschen Energie-Agentur (dena) nominiert wurde: Dank eines Blockheizkraftwerks mit engverzahnter Absorptionskälteanlage und Druckluftheizkraftwerk gelang es der bayerischen Bio-Molkerei, ihren Primärenergieverbrauch um 31 Prozent zu reduzieren.

Besonders groß ist das Energieeinsparpotenzial in der Schwerindustrie. Was dabei möglich ist, will die in Hamburg ansässige Aurubis AG zeigen, die Altmetalle und andere industrielle Rückstände zu hochwertigen Metallen wie Kupfer verarbeitet. 2019 verbrauchte Aurubis nach eigenen Angaben konzernweit 3,47 Terawattstunden Energie, was dem durchschnittlichen Verbrauch von 115.000 Einfamilienhäusern entspricht. Rund die Hälfte davon stammte von fossilen Energieträgern wie Gas, Koks und Öl. Das aber soll sich ändern: Bis spätestens 2050 soll die Produktion klimaneutral sein. An seinem bulgarischen Standort in der Region Srednogorie baut der Konzern deshalb gerade eine Photovoltaikanlage mit einer Kapazität von zehn Megawatt, die nach ihrer Fertigstellung allerdings nur 2,5 Prozent des Stromverbrauchs des Standorts decken wird. Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen derzeit an einer Umstellung der Stromlieferverträge auf CO2-freien Strom. Im Hamburger Werk testet Aurubis außerdem ein neues Produktionsverfahren, bei dem klimaneutraler Wasserstoff an die Stelle von Erdgas tritt. "Wasserstoff könnte mittelfristig fossile Energieträger im Produktionsprozess ersetzen und die Produktion so insgesamt klimafreundlicher machen", erklärt eine Unternehmenssprecherin. Ohnehin gilt Wasserstoff als Hoffnungsträger, um die Energiewende in der Industrie zu bewältigen. "CO2-neutraler Wasserstoff", heißt es in der BDI-Studie, "spielt eine herausragende Rolle in der Stahl- und der Chemieindustrie sowie partiell auch anderen Industriebranchen."

Der Königsweg sei Wasserstoff allerdings nicht, gibt ein BASF-Sprecher zu bedenken. Denn für die Produktion von Wasserstoff benötige man riesige Mengen erneuerbarer Energie, die heute nicht verfügbar seien. Für sein Unternehmen stehe bei der Verwendung von Wasserstoff deshalb die stoffliche Nutzung klar vor der energetischen Verwertung. "Mit anderen Worten Wasserstoff ist heute viel zu wertvoll, um ihn zu verbrennen!" Dafür hat der Sprecher eine andere Forderung: Die Strompreise müssten wettbewerbsfähig sein - und der von der Industrie benötigte Strom von der Umlage nach Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie von der Stromsteuer befreit werden. So sieht das auch die dena: Grundlage für den Erfolg der Energiewende in der Industrie, sagt ihr Geschäftsführer Andreas Kuhlmann, sei "der Umbau der Abgaben und Umlagen, insbesondere das unmittelbare Absinken der EEG-Umlage auf null".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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