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Gastkommentare - Contra
Timot Szent-Iványi, Redaktionsnetzwerk Deutschland
Pragmatisch handeln

IMPFPFLICHT FÜR PFLEGEPERSONAL UND CO?

E s sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Beschäftigte, die sich um besonders verletzliche Menschen kümmern, alles zum Schutz der ihnen Anvertrauten tun. Dazu gehört, diese Menschen nicht durch das eigene Verhalten zu gefährden. Insofern darf die Gesellschaft erwarten, dass sich Ärzte, Pfleger, Erzieher und Lehrer gegen Corona impfen lassen.

Da das aber längst nicht alle der betreffenden Beschäftigten so sehen, werden die Rufe nach einer Impfpflicht für einige Berufsgruppen zu Recht immer lauter. Doch das Argument, dass dann insbesondere viele Pflegekräfte ihren Job hinschmeißen würden, wiegt schwer.

Der "Plexit" - also die Flucht aus dem Pflegeberuf - ist längst in vollem Gang. In einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft gaben 72 Prozent der Kliniken an, derzeit weniger Intensivpflegepersonal zur Verfügung zu haben als noch Ende 2020. Als Gründe wurden vermehrte Kündigungen und Arbeitszeitverkürzungen angegeben. Dieser Personalmangel hat ganz konkrete Folgen: Wurden dem Klinikintensivregister Anfang Januar noch mehr als 26.000 betreibbare Intensivbetten gemeldet, sind es derzeit nur noch etwa 22.000. Eine Impfpflicht könnte den Aderlass noch verstärken. Dazu darf es aber nicht kommen.

Ein großes Unbehagen bleibt, wenn unterlassen wird, was eigentlich für notwendig erachtet wird. Doch die Politik muss gerade in Krisenzeiten die Risiken abwägen und pragmatisch vorgehen. Eine tägliche Testpflicht für das Personal in kritischen Bereichen ist zwar kein vollwertiger Ersatz für eine Impfung. Sie mindert die Gefahren für andere jedoch ganz erheblich - ohne eine Kündigungswelle der Mitarbeitenden zu provozieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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