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Claus Peter Kosfeld
Schrumpfende Städte

Manche Städte in Deutschland müssen mit einem Bevölkerungsschwund klarkommen

Manche Städte werden immer voller und können ihren Einwohnern dringend benötigten Wohnraum kaum noch bieten. Es gibt aber auch das Gegenteil in Deutschland, Städte nämlich, die seit Jahren kontinuierlich Einwohner verlieren, weil ihnen die Entwicklungsperspektive abhanden gekommen ist. Weißwasser in Ostsachsen ist dafür ein Beispiel. Die Stadt an der polnischen Grenze steht nach zwei industriellen Umbrüchen und den Verwerfungen der Nachwendezeit vor einer nicht ganz einfachen Zukunft.

Rasanter Aufstieg Weißwasser wurde 1552 erstmals urkundlich erwähnt und entwickelte sich von einem bäuerlichen Heidedorf zu einer wichtigen Industriestadt mit Bedeutung für die ganze damalige DDR. Wie kaum eine andere Stadt hat Weißwasser in vergleichsweise kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg und anschließend einen ebenso fulminanten Abstieg durchgemacht.

In einer Zeitspanne von nur rund 40 Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung von 19.000 auf rund 37.000 Einwohner im Jahr 1987, um nach der Wiedervereinigung auf aktuell rund 16.000 Bewohner zu schrumpfen. Mit der aufkommenden Glasindustrie ist der Ort Weißwasser einst groß geworden, später dominierte die Braunkohle, die noch heute mit dem Tagebau Nochten und dem riesigen Kraftwerk Boxberg das Stadtbild und die Umgebung prägt. In Weißwasser-Süd entstand zu DDR-Zeiten ein gigantisches Plattenbauviertel für Beschäftigte der Kohleindustrie, das just bei der Fertigstellung Ende der 1980er Jahre nicht mehr gebraucht und später komplett abgerissen wurde.

Viel Leerstand Einwohner sprechen ganz offen von einer sterbenden Stadt, obwohl seit Jahren seitens der Kommunalverwaltung mit Bürgermeister Torsten Pötzsch (Wählervereinigung Klartext) an der Spitze viel versucht wird, um die Attraktivität gerade im Wohnungsbau wieder zu steigern. Junge Leute ziehen seit Jahren weg aus Weißwasser, denn mit der Großindustrie verschwinden auch Arbeitsplätze. Die Folgen sind Überalterung und ein zunehmender Wohnungsleerstand, dem die Stadt mit einem Rückbau der markanten Plattenbauten begegnet.

Einige der großen Wohnblocks sind in den vergangenen Jahren ganz abgerissen worden, bei anderen wurden einzelne Stockwerke abgetragen, um den Wohnkomplex sodann freundlicher und moderner umzugestalten. Die Wohnungsbaugesellschaft Weißwasser (WBG) hat einige Umbauprojekte bereits abgeschlossen und an die Neumieter übergeben. Für 2021 hat die WBG rund 5,6 Millionen Euro an Investitionen eingeplant, um den Wohnungsbestand aufzuwerten und die Wohnqualität zu verbessern. Auch in den Rückbau wird weiter investiert. Die WBG-Geschäftsführung wehrt sich gegen den Eindruck, die Oberlausitz sei eine ausblutende Region, und will mit modernen Wohnbauten das Gegenteil beweisen.

Düstere Prognose Weißwasser ist nicht die einzige Stadt in Sachsen mit einer schrumpfenden Einwohnerzahl. Auch beispielsweise Hoyerswerda in der Oberlausitz kämpft schon seit Jahren gegen diese Entwicklung an. Nach einer aktuellen Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) müssen etliche Landkreise und kreisfreien Städte in ganz Deutschland mit einem teils deutlichen Rückgang der Bevölkerung rechnen.

Zu den Städten mit der größten vorhergesagten Schrumpfung bis zum Jahr 2040 gehören Greiz mit 23,5 Prozent (Thüringen), Stendal (22,5 Prozent), Dessau-Rosslau (22,2 Prozent) (Sachsen-Anhalt), Görlitz (20,7 Prozent), Zwickau (19,9 Prozent) und Bautzen (19,7 Prozent) (Sachsen).

Um die strukturellen Verwerfungen in Ostdeutschland abzumildern, legte die Bundesregierung 2002 das Städtebauförderungsprogramm Stadtumbau Ost auf. Ziel ist unter anderem die "Schaffung eines nachfragegerechten Wohnungsangebots". Seit 2004 umfasst das Programm auch den Stadtumbau West.

Förderprogramm Für den Osten sind laut Bundesinnenministerium die Förderkonditionen bestehen geblieben, weil absehbar war, "dass die meisten Städte in Ostdeutschland weitere Einwohner verlieren werden und der Wohnungsleerstand dort hoch bleibt". Zu den Zielen des Programms gehören nach Angaben des Ministeriums die "Stärkung der Innenstädte", die "Vermeidung perforierter Stadtstrukturen", die "Schaffung eines nachfragegerechten Wohnungsangebots" und der "Erhalt eines intakten Gemeinwesens".

Inzwischen hat die Bundesregierung das Programm "Wachstum und nachhaltige Erneuerung" ins Leben gerufen, um Städte und Gemeinden bei der Bewältigung des wirtschaftlichen und demografischen Wandels in Gebieten zu unterstützen, "die von erheblichen städtebaulichen Funktionsverlusten und Strukturveränderungen betroffen sind". Gefördert werden der Wohnungsbau und die Entwicklung neuer Quartiere, auch unter ökologischen und klimatischen Aspekten. Mit der Umstrukturierung der Städtebauförderung 2020 hat der Bund den Ländern und Kommunen nach eigenen Angaben insgesamt 290 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung gestellt.

Weißwasser konnte unlängst zumindest einen symbolischen Erfolg erringen. Ein kolossales Kunstwerk mit 65 Quadratmetern Fläche, zwölf Meter lang, sechs Meter hoch, das lange eine Schule schmückte, wurde an anderer Stelle neu aufgestellt und feierlich eingeweiht. Das Wandbild trägt den Titel "Lebensfreude", die Schule gibt es nicht mehr, sie wurde abgerissen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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