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Almut Lüder

Eine Gemeinschaft statt nur eine Nachbarschaft

Muss jeder ein Auto, eine Werkstatt, ein Lastenfahrrad, einen Spielplatz, Wohnraum allein besitzen? Die Bewohner des Cohousing-Projekts Wohnmichel in Michendorf südlich von Berlin finden: Nein. Eine Gemeinschaft mit mehr Verbindlichkeiten als bloße Nachbarschaft setzt auf das Teilen, auf das Engagement für die Mitbewohner, versteht sich als Lernort der Demokratie. Im Wohnmichel kann nur einziehen, wer die Gemeinschaftsregeln mitträgt: So wie die 52 Erwachsenen zwischen 28 und 73 Jahren mit ihren 30 Kindern zwischen vier Monaten und 16 Jahren, die in den fünf Mehrfamilienhäusern mit 2.600 Quadratmetern Wohnfläche auf einem Grundstück von rund 9.000 Quadratmetern leben, dicht am Wald.

Zwei Bewohner haben sich aktuell mit Corona infiziert. Zumindest um ihre Versorgung müssen sie sich nicht sorgen. Es wird für sie mitgekocht und sie werden regelmäßig von Mitbewohnern angerufen. Peter Bartels erzählt, dass es im Wohnmichel sogar schon eine Hausgeburt gegeben habe. Eltern und Neugeborene wurden von der Gemeinschaft versorgt. Sollte der einstige Immobilienfachmann mit seinen 73 Jahren selbst einmal pflegebedürftig werden, möchte er mit seiner Frau vom zweiten Stock ins Erdgeschoss umzuziehen und sich mit weiteren Mitbewohnern eine Pflegekraft teilen.

Und so ging es los. Ehepaar Bartels wollte sich nach dem Auszug der Kinder nicht länger in ihrem Einfamilienhaus in Michendorf verlieren. Darum suchten sie nach Formen gemeinschaftlichen Wohnens. Cohousing gefiel ihnen gut, dessen Idee in den 1960er Jahren in Dänemark entstand und auch nach Deutschland getragen wurde. Ehepaar Bartels ging auf Besichtigungstour nach Stuttgart, Hamburg, Bremen, Leipzig. Und kehrte mit neuen Erkenntnissen zurück: 1. Sich nicht erst mit den Emotionen der Bewohner befassen, wenn es schon Streit gibt. 2. Das private Eigentum aus dem Projekt raushalten.

2014 kauften Bartels das Grundstück. Sie gründeten mit 19 Mitgliedern einen Verein, der das Wohnprojekt vorantreiben sollte. Es wurde die Wohnmichel GmbH gegründet. "51 Prozent gehören heute dem Verein, 49 Prozent dem Miethäusersyndikat", so Peter Bartels. Letzteres berät Hausprojekte, wie sich Akteure gegenseitig vor einer spekulativen Verwertung des gemeinschaftlich geschaffenen Wohneigentums absichern können. Der Verein hat das sieben Millionen Euro teure Bauvorhaben geplant, finanziert, gebaut und wurde vom Syndikat beraten. Maßgeblich für den Bau war das Öko-Konzept: Die Holzbauweise, ein Heizkonzept mit Wärmepumpen, einem Blockheizkraftwerk, das mit Ökogas arbeitet, sowie Solaranlagen.

Die Auswahl der Bewohner war aufwändig. "Wir haben ein Jahr ununterbrochen Leute getroffen", erinnert sich Peter Bartels. Heute dauert der Aufnahmeprozess neuer Mieter etwa ein dreiviertel Jahr inklusive Kennenlernwochenende an der Seite eines Coachs. Es gilt nicht nur Mieter zu finden, sondern Befürworter einer Lebenshaltung. "Wir fragen auch die Neinsager nach ihren Gründen", betont Bartels. Eine wichtige demokratische Vorgehensweise.

Die Bewohnerin Petra van Rüth, die mit ihrer Partnerin zu den Urbewohnern gehört, meint, dass es eine Herausforderung darstelle, den Alltag mit Kindern und Erwerbsarbeit mit der vielen Arbeit im Projekt zu verbinden. Dazu zählt auch die Mitarbeit in einer der Arbeitsgruppen wie "Werte und Gemeinschaft" oder "Carsharing", deren Ziel es ist, den gemeinsamen Fuhrpark von derzeit 25 auf 14 Autos zu reduzieren, der Bahnhof sei schließlich nur wenige Fahrradminuten entfernt, oder die 'AG Promo" für die Organisation von Feiern und Treffen. Van Rüth investiert jede Woche etwa einen Arbeitstag ins Projekt.

Derzeit plant die "AG Gemeinschaftshaus" einen Neubau mit 200 Quadratmetern, um endlich ausreichend Platz zum Feiern, Tanzen und gemeinsamen Essen zu haben, eine große Küche und einen Lagerraum für das gemeinsam bestellte Biogemüse. Rund 900.000 Euro veranschlagt die AG für die Baukosten. Dafür muss Wohnmichel einen Kredit aufnehmen. Nach einem Aufruf beteiligen sich die Bewohner mit fünf bis 150 Euro monatlich über den Vereinsbeitrag von 20 bis 50 Euro hinaus an den Kosten. Die Berufe der Bewohner spiegeln eine breite Palette wider, vom Sozialwissenschaftler und Ingenieur über Physiotherapeuten, Kaufleute bis zum Hartz-IV-Empfänger.

Cohousing kann unterschiedliche Schwerpunkte haben. Wohnmichel hat Ökologie und Soziales gewählt. Ines-Ulrike Rudolph vom Büro "tx - Programmatische Stadtentwicklung" in Berlin nennt weitere wie Lebenssituationsgruppen, Mehrgenerationengruppen oder Gemeinwesengruppen.

Die Zahl der Cohousing-Projekte allein in Berlin schätzt der Projektentwickler Winfried Härtel auf 1.000. Eine Maßnahme, um der grassierenden Wohnungsnot zu begegnen? Für Härtel ist es nicht der geeignete Weg, um kurzfristig eine Lösung zu schaffen. Aber, so Rudolph: "Stadt und Land brauchen diese Projekte." Damit könnten sie auf die sich ändernden Bedürfnisse der Bewohner reagieren. Peter Bartels fordert ein Wohn-Gemeinnützigkeitsgesetz, um Boden und Wohnen dem preistreibenden Markt zu entziehen. Genau das ist im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung festgeschrieben.

Bald verlässt ein Bewohner den Wohnmichel seiner neuen Liebe wegen. Von dem Gemeinschaftsgut darf er nichts mitnehmen. So steht es im Vertrag.

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin

Aus Politik und Zeitgeschichte

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