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Jasmin Siebert

Minimalistisches Wohnen auf 24 Quadratmetern

Im Erdgeschoss, ganz hinten links, direkt vor dem Infoplakat über Nürnberger Rostbratwürste, wohnt Julio Rodríguez. "Hier habe ich ein sicheres Zuhause gefunden", sagt der 26-jährige Arzt aus Venezuela über sein Mikroapartment des Anbieters "I live". Rodríguez ist im Mai 2021 nach Nürnberg gekommen ist, um seinen Facharzt zu absolvieren. Für sein 24 Quadratmeter großes möbliertes Apartment mit Bad und Küchenzeile zahlt er 545 Euro inklusive Nebenkostenpauschale, den Mietvertrag schloss er bereits in seiner Heimat ab. Dort wohnte Rodríguez mit seiner Mutter auf 150 Quadratmetern. Sie hätten sich Gedanken darüber gemacht, ob die Wohnung in Deutschland groß genug sei. Aber Rodríguez stellte fest: "Mehr Platz brauche ich nicht." Und das Sauberhalten sei einfacher.

Für alle 211 Bewohner gibt es im Haus Waschmaschinen, einen Gemeinschaftsraum mit Tischtennis, Kicker, Dart und einen Fitnessraum, in dem ein junger Mann vor einem Nietzsche-Zitat auf den Stepper tritt. Zitate berühmter Persönlichkeiten finden sich an den Wänden der Gemeinschaftsräume und auf den Aufzugtüren. Jede Etage ist einer anderen Stadt gewidmet: Im 6. Stock, wo man von der Dachterrasse auf den Nürnberger Bahnhof blickt, ist es Shanghai. Neben Weltstädten ist auch Aalen darunter, die Geburtsstadt des Gründers von "I Live". Das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben mehr als 4.000 Apartments in 28 Häusern in Deutschland und Wien. Das erste Haus wurde 2012 in Aalen eröffnet, das Nürnberger Haus folgte drei Jahre später.

In den vergangenen Jahren haben private Investoren etliche Mikroapartment-Anlagen in ganz Deutschland gebaut. Manche Anbieter locken mit Concierge, Paketraum und Pool. Die Konzepte sind ähnlich, beim Preis sind die Grenzen nach oben offen. Rodríguez braucht keine Extras, für ihn ist schnelles WLAN das Wichtigste. "Ich wohne minimalistisch", sagt er, die meisten Regale sind leer. Nur ein Adventskalender steht neben Router und Laptop auf seinem Schreibtisch. Daneben steht das 1,20 Meter breite Bett. Auf einer Anrichte gegenüber sind Krawatten und Uhren aufgereiht, darüber hat Rodríguez Fotos seiner Familie aufgestellt. Das Apartment ist durchdacht und funktionell eingerichtet, das Besondere sucht man vergeblich. Doch Rodríguez findet poetische Worte: "Diese Wohnung ist für mich wie eine Mutter, die mich begleitet. Hier habe ich geweint und gewonnen." Die ersten Wochen waren schwierig für den jungen Mann, er habe sich einsam gefühlt. Eine WG käme für ihn aber nicht in Frage: "Auf keinen Fall", sagt er und schüttelt energisch den Kopf. Die Vorstellung, Bad und Küche mit Fremden zu teilen, widerstrebt ihm sichtlich.

Es scheint, als gehe es immer mehr jungen Leuten so. Die Zahl der Studierenden, die allein in einer eigenen Wohnung leben, hat sich innerhalb von zehn Jahren von 17 auf mehr als 26 Prozent erhöht. Das zeigen Befragungen des Deutschen Studierendenwerks und des Personaldienstleisters Studitemps von 2009 und 2019. "Nach Experimenten landen alle Projektentwickler beim Einzelapartment", sagt Jan-Dirk Müller-Seidler. Er ist Vorstand des Bundesverbands Micro-Living, der sich 2016 als "Bundesverband für Studentisches Wohnen" gegründet hat. Das Deutsche Studentenwerk bestätigt den Trend, selbst dort machen die Einzelapartments inzwischen 30 Prozent der angebotenen Plätze aus. Meist sind rasch alle Apartments belegt, auch Corona brachte keine dauerhafte Krise. Im Nürnberger "I live" standen nach Angaben der Hausverwaltung zeitweise zehn Prozent der Apartments leer. Doch inzwischen seien wieder fast alle belegt.

Mikroapartments sind bei Kapitalanlegern wegen der hohen Renditeerwartung begehrt. Bei Apartments bis 40 Quadratmeter greifen weder Mietspiegel noch Mietpreisbremse, wenn sie möbliert und auf Zeit vermietet werden. Der häufige Mieterwechsel birgt die Chance, in kurzen Abständen die Miete zu erhöhen. Die Apartments werden meist als "Rundum-sorglos-Paket" angeboten. Mit dem Kauf schließt der Eigentümer zugleich einen Mietpoolvertrag ab, die Verwaltung kümmert sich um alles. Steht ein Apartment eine Zeit lang leer, wird der Mietausfall auf alle Eigentümer umgelegt. Dadurch ist das Risiko für den Einzelnen gering.

Wunsch nach Individualität Doch ob Mikroapartments wirklich die ersehnte Entspannung auf dem Wohnungsmarkt bringen, ist fragwürdig. Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, sagt: "Grundsätzlich befürworten wir natürlich jeden zusätzlichen Wohnraum für Studierende. Aber nur ein geringer Teil kann sich die teuren Mieten längere Zeit leisten." Dazu kommt: Irgendwann entwickeln die meisten Menschen den Wunsch, sich individuell einzurichten. In den Mikroapartments sind die Möbel meist fest verbaut und dürfen nicht entfernt werden. Selbst Dübel, Nägel und sogar Klebestreifen an der Wand sind in manchen Anlagen verboten.

Experten warnen bereits seit Jahren vor einer Marktsättigung. Verbandschef Müller-Seidler dagegen ist sich sicher, dass der Boom noch mindestens die nächsten 20 Jahre anhalten werde. Außerdem dächten einige seiner Mitglieder künftige Nutzungen bereits bei der Planung mit. So könnten eines Tages Apartments zusammengefasst und aus zwei Minibädern ein größeres, barrierefreies Bad entstehen. Für altengerechte Apartments.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Nürnberg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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