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Sandra Schmid
»Wir müssen klug bauen«

Die Bau-Expertin Lamia Messari-Becker plädiert für eine Bau- und Wohnpolitik, die Klimaschutz und soziale Fragen verbindet

Frau Messari-Becker, das von Ihnen geforderte Bauministerium kommt. Wie froh sind Sie darüber?

Ich freue mich sehr, dass die neue Regierung dem Bauen und Wohnen offenbar endlich mehr Aufmerksamkeit widmen will. Es geht um nichts weniger als die Lebensraumplanung für rund 83 Millionen Menschen, die dringend als ganzheitliches Gestaltungs- und Handlungsfeld begriffen werden sollte. Soziale und ökologische Fragen, Herausforderungen der Digitalisierung wie des demografischen Wandels, Infrastrukturausbau und Mobilität müssen im Zusammenhang angegangen werden. Allerdings zeichnen sich dramatische Konflikte und unerwünschte Folgeeffekte ab.

Zum Beispiel?

Die von der Koalition geplanten Energieeffizienzstandards für Gebäude etwa zwingen Eigentümer indirekt zur Nutzung von Stromheizungen. Angesichts der aktuell hohen Strompreise kann das für viele Menschen sehr teuer werden.

Lassen sich solche Zielkonflikte vermeiden?

Es kommt auf die konkreten Instrumente an, den Zuschnitt der Ministerien, die Priorisierung der Themen, das Antizipieren von Konfliktlinien und Folgeeffekten sowie fachkompetentes Personal. Gefragt sind jetzt pragmatische Lösungen, die ökologisch, ökonomisch und sozial funktionieren, in den Städten wie auf dem Land.

400.000 neue Wohnungen sollen jährlich gebaut werden, 100.000 davon Sozialwohnungen. Ist das machbar?

Dem Ziel stehen zumindest bereits jetzt mangelnde Kapazitäten im Baugewerbe gegenüber. Die Branche ist überaltert und kann den Nachwuchs schon für reguläre Aufgaben kaum sichern. Und: Wetterextreme machen Arbeiten auf Baustellen an immer mehr Tagen im Jahr unmöglich. Nötig wären langfristige Investitionspläne, um den Aufbau von Kapazitäten und Weiterbildung anzuschieben.

Wie passen Bauvorhaben in dieser Größenordnung mit dem Ziel zusammen, den Flächenverbrauch zu senken? Täglich werden rund 52 Hektar, eine Fläche so groß wie 73 Fußballfelder, als Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen.

Wir sind in der Tat weit davon entfernt, den Flächenverbrauch bis 2030 fast zu halbieren, wie es die bisherige Bundesregierung vorsah. Wir müssen deshalb klug bauen. Wir brauchen ein besseres Flächenmanagement und innovative Lösungen - wie teilbare Wohnungen und flexible flächeneffiziente Grundrisse. Wir benötigen zudem ein Umbaurecht, um die Potentiale im Bestand zu nutzen.

Indem man zum Beispiel Parkhäuser und leerstehende Büroflächen für den Wohnungsbau nutzt?

Leerstand sollten wir als Leergut begreifen. Es gibt in vielen Kommunen brachliegende Industrieflächen. Doch den Kommunen fehlt das Geld für kostenintensive Altlastsanierungen. Die Städtebauförderung sollte so angepasst werden, dass Kommunen solche Vorhaben angehen können. Nicht zuletzt Corona hat gezeigt, dass wir einen sozial-ökologischen Stadtumbau brauchen. Unsere Innenstädte sind in der Pandemie teils verödet, Läden und Büros stehen leer. Mit mehr Nutzungsvielfalt wäre das anders. Die Chance ist da, Flächennutzung neu zu organisieren und Wohnraum zu schaffen - ohne soziale und ökologische Fragen gegeneinander auszuspielen.

Was hindert die Städte- abgesehen vom fehlenden Geld?

Unser Baurecht ist an vielen Stellen noch ein Hemmnis - etwa bei der Umwandlung von Gewerbe- in Wohnimmobilien. Flächeneffizienz, Klima- und Ressourcenschutz sind Ziele von heute, aber unser Baurecht ist von gestern. Flächennutzungs- und Bebauungspläne müssen dringend angepasst werden, um den vielfältigen Herausforderungen auf dem Weg hin zu nachhaltigeren Städten und ländlichen Regionen gerecht zu werden.

Ein Ansatz, um mehr Wohnraum in der Stadt zu schaffen, ist Nachverdichtung. Doch wenn Innenhöfe oder Grünflächen bebaut werden sollen, stößt das oft auf Protest von Anwohnern.

Bei der Nachverdichtung sind natürlich diverse Aspekte zu beachten, etwa das Freihalten von- Lüftungs- und Kühlungsschneisen, die Bewahrung oder die Requalifizierung von Grün- und Freiflächen sowie der Erhalt des identitätsstiftenden Charakters von Stadtteilen. Da haben Kommunen eine besondere Aufgabe. Sie müssen durch Bürgerbeteiligung und Prozessbegleitung gewährleisten, dass die Lebensqualität nicht sinkt oder Bewohner nicht durch steigende Mieten verdrängt werden.

Welchen Ausweg sehen Sie, wenn Bebauungsprojekte am Widerstand der Bürger scheitern?

Bauprojekte polarisieren leider. Nachverdichtung in der eigenen Stadt ist aber nur eine Möglichkeit. Benachbarte Kommunen sollten künftig noch stärker zusammenarbeiten dürfen. So könnte eine Stadt, die unter Platzmangel leidet, mit einer Nachbarkommune kooperieren, die freie Flächen und eine Mobilitätsstruktur hat. So entsteht eine Win-Win-Situation: Die Stadt mit Fläche bekommt mehr Bewohner und Steuereinnahmen, die andere Stadt Wohnraum für ihre Arbeitskräfte. Solche interkommunalen Kooperationen sollten gesetzlich weiter gestärkt werden.

Was hemmt die Zusammenarbeit?

Oft sind es rechtliche Hürden - wie etwa Haushaltsregeln, die vorschreiben, dass eine Kommune ihr Geld nur für eigene Projekte nutzen darf. Solche Vorschriften wurden im Zuge der Städtebauförderung zwar etwas gelockert, aber noch nicht genug. Wir müssen umdenken - und den Wandel weniger als Verzicht, sondern als andere Nutzung von Ressourcen verstehen.

Um Verzicht ging es auch in der Debatte um das Einfamilienhaus. Es ist wegen des hohen Flächenverbrauchs in die Kritik geraten.

Das Thema Einfamilienhaus wird instrumentalisiert. Wer beim Flächenverbrauch die Schuld bei den Menschen auf dem Land sucht, ignoriert die wahren Gründe. Viele Einfamilienhäuser auf dem Land sind übrigens nachhaltiger gebaut als einige Mehrfamilienhäuser in der Stadt. Solche Fronten sollten wir also besser vermeiden. Symbolische Debatten führen nur dazu, dass Menschen sich bevormundet fühlen. Angesichts der anstehenden Veränderungen ist es aber wichtig, alle Menschen mitzunehmen.

Bei der energetischen Gebäudesanierung klappt das offenbar nur bedingt. Die Sanierungsquote stagniert bei einem Prozent. War die Förderung zu gering?

Das war es nicht allein. Der Bund hat in den letzten zehn Jahren rund 340 Milliarden Euro für die Förderung energetischer Sanierungen ausgegeben. Trotzdem verharrt der Energiebedarf von sanierten Wohnungen bei circa 130 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Ein Neubau mit Dämmung und moderner Technik braucht weniger als die Hälfte! Um die Sanierungsrate zu erhöhen, sollte die KfW hoch attraktive Zuschüsse statt Kredite vergeben. Doch wir sollten uns nichts vormachen: Im besten Fall erreichen wir eine Quote von zwei Prozent. Vier Prozent, wie einige fordern, sind illusorisch. Wir haben nicht einmal die Baukapazitäten dazu. Eine große Chance bieten aus meiner Sicht Quartierslösungen: So lassen sich mehrere Gebäude auf einen Schlag seriell, und damit oftmals schneller und günstiger, energetisch sanieren.

Ein Vorgehen, das sich aber eher für Wohnungsunternehmen als für Privatbesitzer eignet?

Nicht unbedingt. Auch mehrere private Gebäudebesitzer können zusammen sanieren, das sieht das Gebäudeenergiegesetz in Ansätzen bereits vor. Allerdings erfordert eine größere Vielfalt an Akteuren mehr Steuerung - etwa durch Kooperationsplattformen, die alle Akteure zusammenbringen und begleiten. Es braucht eine Art "Quartier-Governance". Dann lässt sich die soziale Kraft der Quartiere durch ihre Mitmach- und Nachbarschaftseffekte nutzen.

Bauen verursacht rund ein Drittel des CO2-Ausstoßes und Energieverbrauchs, zudem mehr als die Hälfte des Ressourcenverbrauchs und Abfalls. Warum wurde das so lange übersehen?

Wir Ingenieurinnen und Ingenieure haben die Verantwortung des Bausektors nicht übersehen. Es gibt seit mehr als 20 Jahren Recyclingkonzepte, rückbaubare Konstruktionen, solare Architektur und vieles mehr. Das Problem ist vielmehr, dass die politischen Instrumente immer einseitig auf den Energieverbrauch eines Gebäudes ausgerichtet waren. Der Energieausweis erfasst nur die Energie im Betrieb. Ich war immer für einen Ressourcenausweis, der alle Aufwände an Materialien und Techniken im gesamten Lebenszyklus erfasst und die so genannte graue Energie sichtbar macht.

Ein Ressourcenpass wird laut Koalitionsvertrag angestrebt. Auch von Kreislaufwirtschaft ist dort die Rede - wie gelingt die Umsetzung?

Ein Gebäuderessourcengesetz ist überfällig. Wir brauchen zudem eine gezielte Förderung für innovatives, kreislauffähiges Bauen, leichtere Zulassungsverfahren, mehr Bauforschung und vor allem: Unterstützung für Start-ups. Sie müssen wachsen!

Aber es gibt auch Vorbehalte gegenüber Recyclingbaustoffen. Planer greifen lieber zu Primärbaustoffen.

Wir müssen Nachhaltigkeitskriterien bei Vergaben der öffentlichen Hand etablieren. Derzeit ist die Verwendung von Recyclingmaterialien oft explizit ausgeschlossen. Auch Zulassungsverfahren sind zu vereinfachen, um qualitativ hochwertige Recyclingbaustoffe schneller zertifizieren zu können. Recycling muss zum Standard unserer Baukultur werden.

Dämmung aus Pilzen, Beton aus Bakterien - wie realistisch ist der Einsatz von alternativen Baustoffen?

Sie können einen Beitrag leisten - als ein Baustein. Im Bauwesen brauchen wir aber eine Vielfalt an Materialien. Stahlbeton etwa für statisch stark belastete Gebäude oder Brücken, mehr Holz im Wohnungsbau, zudem Ziegel, Glas und Aluminium. Diese Vielfalt ist eine Stärke. Leider wird in der Diskussion um ökologisches Bauen oft übersehen, dass es nicht nur eine Lösung gibt, sondern viele Lösungen. Wir sollten bei der Materialauswahl je nach regionaler Baukultur weiterhin differenzieren: Ziegelhäuser etwa sind eher typisch im Norden, Holzhäuser eher im Süden Deutschlands. Die Baukultur an sich kann variieren, nur in der Umweltqualität darf es künftig keine großen Unterschiede mehr geben.

Das Gespräch führte Sandra Schmid.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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