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coronakrise
Claus Peter Kosfeld
Impfen und testen

Schnelltests sollen neben den Impfungen für mehr Sicherheit sorgen

Zusammen mit den Massenimpfungen sollen Schnelltests die Wende in der Coronakrise bringen. Schon zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr wurde deutlich, je mehr getestet wird, umso besser lässt sich die Ausbreitung des Virus effektiv eindämmen. Deutschland konnte in der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020 mit seinen spezialisierten Labors und hohen Testquoten auch international überzeugen. Seither sind die Kapazitäten systematisch ausgeweitet worden.

Neben dem sogenannten PCR-Test, der von Fachleuten im Labor ausgewertet wird, stehen seit längerer Zeit auch Antigen-Schnelltests zur Verfügung, die ebenfalls von geschultem Personal bedient werden müssen. Schnelltests können innerhalb einer halben Stunde Ergebnisse liefern, sind aber nicht so zuverlässig wie ein Labortest, der in der Regel erst nach zwei Tagen ein Resultat bringt.

Trefferquote Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet rund 200 Antigen-Schnelltests auf, die nach Angaben der Hersteller die vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Abstimmung mit dem RKI festgelegten Mindestkriterien erfüllen. Die Tests sollen Infizierte (Sensitivität) ebenso sicher erkennen wie nicht Infizierte (Spezifität). Trotz meist hoher Sensitivität und Spezifität kann es zu falsch-positiven oder falsch-negativen Ergebnissen kommen, weshalb bei einem positiven Befund ein PCR-Test erforderlich wird.

In der vergangenen Woche hat das BfArM nun auch die ersten Sonderzulassungen für Antigen-Schnelltests zur Eigenanwendung (Selbsttests) erteilt. Selbsttests sollen beispielsweise in Supermärkten gekauft werden können und mehr Sicherheit im Alltag bringen. Bei diesen Tests reicht ein simpler Abstrich im vorderen Bereich der Nase aus, sie sind also einfach anzuwenden.

Wie zuvor bei der Impfung läuft aber auch die Schnelltest-Kampagne nur zögerlich an. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) musste sich zuletzt erneut Kritik an seinem Krisenmanagement vorhalten lassen, weil er unlängst ab 1. März kostenlose Corona-Schnelltests für alle versprochen hatte, die in Testzentren oder Apotheken angewendet werden könnten. Wenig später musste er zurückrudern, weil es offensichtlich Abstimmungsbedarf mit den Ländern gibt. Über die offenen Fragen soll nun bei den Bund-Länder-Beratungen am 3. März gesprochen werden soll. Auch die Finanzierung ist offenbar noch nicht geklärt.

In der Regierungsbefragung im Bundestag vergangene Woche sagte Spahn: "Wir haben jetzt deutlich mehr verfügbare Tests." Schnelltests und Selbsttests könnten helfen, sicherer mit dem Virus zu leben und schrittweise mehr Freiheit und Normalität zurückzugewinnen. Er mahnte zugleich zur Vorsicht: "Das Virus gibt nicht einfach auf."

Öffnungsstrategie Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, mehr Schnelltests seien Voraussetzung für Lockerungen von Alltagsbeschränkungen. "Eine intelligente Öffnungsstrategie ist mit umfassenden Schnelltests, gleichsam als Freitesten, untrennbar verbunden", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Nach Ansicht von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sind Selbsttests insbesondere für Kitas und Schulen ein Schlüssel für mehr Sicherheit. Das neue Testsystem soll noch im März umgesetzt werden.

Die Bedeutung der Schnelltests wird im Bundestag über alle Fraktionen hinweg gesehen. Allerdings streiten die Abgeordneten über die richtige Strategie. In einer Aussprache über einen Antrag der FDP-Fraktion (19/26878) zum massenhaften Einsatz von Selbsttests hielt die Opposition der Bundesregierung vergangene Woche vor, wiederholt zu spät reagiert und falsche Erwartungen geweckt zu haben.

Andrew Ullmann (FDP) kritisierte, die Zulassung von Selbsttests sei in Deutschland kompliziert und dauere viel zu lange. Er verwies auf das Beispiel Österreich. Dort seien bereits 250 Selbsttest-Anbieter auf dem Markt, in Deutschland seien nun drei solche Tests zugelassen, aber noch keiner verfügbar. Mit einem vereinfachten Verfahren und einer Selbstverpflichtung der Hersteller könnten Selbsttests ohne Einbußen der Qualität zügig auf den Markt gebracht werden. Er forderte: "Geschwindigkeit mit Qualitätsgarantie ist hier die Marschrichtung."

Mehr Tempo verlangte auch Achim Kessler (Linke). Schnelltests müssten flächendeckend kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Spahn habe das Thema "monatelang verschlafen". Milliarden Euro seien für Impfungen und Masken ausgegeben worden, bei Schnelltests sei hingegen nichts passiert. Dass kostenlose Schnelltests angekündigt würden und dann mit Verspätung kämen, sei eine große Enttäuschung. Kessler sprach von einem "Totalversagen" der Regierung. Er fügte hinzu, der FDP gehe es mit dem vereinfachten Zulassungsverfahren offenbar mehr um Wirtschaftsförderung als um den Schutz der Menschen. Dies sei ein "unverantwortlicher Unfug".

Auch die AfD stellt den Sinn von Tests nicht infrage. Detlev Spangenberg (AfD) schränkte jedoch ein, Schnelltests seien im Ergebnis nicht sicher. Somit könne ein Schnelltest einen PCR-Test nicht ersetzen. Wenn Schnelltests massenhaft eingesetzt werden sollten, stelle sich auch die Frage, wo die vielen Tests eigentlich herkommen sollten und wer das bezahle.

Nach Ansicht der Grünen-Fraktion mangelt es an einem Konzept. Janosch Dahmen (Grüne) sagte. "Statt Strategie nehme ich vor allem Kakofonie wahr." Es sei verwirrend und verantwortungslos, kostenlose Schnelltests anzukündigen und dann den Termin einfach zu verschieben. "Wir waren zu langsam und zu spät, wir rennen der Ausbreitung des Virus hinterher." Er warf der Bundesregierung einen mangelnden Willen vor, den Selbsttest als "Game Changer" einzusetzen. Möglichst viele Menschen müssten Schnelltests selbst anwenden können.

Kein Allheilmittel Vor negativen Auswirkungen massenweise eingesetzter Schnelltests warnte hingegen Stephan Pilsinger (CSU). "Wir müssen gezielt testen und nicht ins Blaue hinein." Die Schnelltests seien ein wirkungsvolles Mittel, aber kein Allheilmittel. Tests seien zudem nur eine Momentaufnahme. Mit Tests könnten auch die Fallzahlen nicht reduziert werden, das gehe nur über Impfungen. Er erinnerte an die besonders ansteckenden Virus-Mutationen. Selbst bei ausreichend vielen Schnelltests sei eine komplette Lockerung nicht möglich.

Hilde Mattheis (SPD) mahnte, es gebe eine hohe Erwartungshaltung in der Bevölkerung für eine Perspektive aus dem Lockdown. Sie forderte eine präzise Teststrategie inklusive Aufklärung und Handlungsanweisungen. Zu klären seien Fragen der Abrechnung und Logistik. Sie warnte davor, die Erwartungen zu enttäuschen: "So viele Optionen haben wir nicht mehr." Einen Fehlschlag könne sich die Politik nicht erlauben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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