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Finn Mayer-Kuckuk
Bank und AG spielten zusammen

Top-Manager wurden eingeschüchtert, um Kreditvergaben zu bewirken

Wie versteckt ein Dax-Konzern seinen Milliardenbetrug vor den staatlichen Aufsehern? Er schiebt eine regulär überwachte Tochtergesellschaft vor, in deren Bilanzen sich die kriminellen Machenschaften nicht ablesen lassen. Auf Ebene des Konzerns, der nicht von der Finanzaufsicht erfasst ist, spielen sich dann der eigentliche Betrug und die Bilanzfälschung ab, ohne dass der Staat etwas davon mitbekommt. So etwa stellt sich das Vorgehen von Wirecard nach aktuellem Zwischenstand des zuständigen Untersuchungsausschusses dar.

In seinen zwei Sitzungen in der vergangenen Woche hat der Wirecard-Ausschuss vor allem die Rolle der Wirecard Bank näher betrachtet. Dabei handelt es sich um eine Tochtergesellschaft der eigentlichen Wirecard AG. Für die Wirecard-Tochter als lizenzierter Bank galten zwei Besonderheiten. Anders als die AG war sie von der Finanzaufsicht erfasst. Aber als Bank konnte sie eben auch Kredite vergeben - und hat damit viele fragwürdige Geschäftsbeziehungen des Konzerns am Leben erhalten. Die "Herz-Lungen-Maschine der Wirecard AG" nennt sie daher der Ausschussvorsitzende Kay Gottschalk (AfD).

Um Licht in die Machenschaften zu bringen, hatte der Ausschuss zwei Spitzenmanager der Wirecard Bank sowie ihre Aufseher bei Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) geladen. "Die Ex-Chefs Markus Braun und Jan Marsalek nutzten die Wirecard-Bank, um die Bilanz des Konzerns aufzublähen und Geld in das betrügerische Asien-Geschäft zu lenken", fasst es der Abgeordnete Danyal Bayaz (Bündnis 90/Die Grünen) zusammen. Die Bank diente nur den Zwecken der Muttergesellschaft. Das fiel jedoch weder der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) auf, noch der ebenfalls zuständigen Deutschen Bundesbank. Ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Bank, Rainer Wexeler, erklärte vor dem Ausschuss, wie sein Unternehmen vorging. Das wichtigste Instrument waren "strategische Kredite", wie es im internen Jargon hieß. Dabei handelte es sich um wirtschaftlich wenig sinnvolle Darlehen an Schlüsselpersonen und Partnerfirmen. Vorgeblich sollten diese sich langfristig lohnen, indem sie Geschäftsmöglichkeiten eröffneten. Wie heute bekannt ist, versorgten sie in Wirklichkeit die Betrugsmaschinerie mit Geld.

Wexeler berichtete davon, wie Druck auf ihn ausgeübt wurde, die fragwürdigen Kredite wider besseren Wissens zu bewilligen. Als er die Vergabe eines Darlehens an die Partnerfirma Al Alam aus Dubai infrage stellte, zitierte ihn Konzernchef Markus Braun in sein Büro und versuchte, ihn einzuschüchtern. "Ich musste antanzen, er hat sich vor mir aufgebaut, sein Sakko angezogen und erklärt, er sei hier der Eigentümer", berichtet Wexeler. Er habe den Kreditantrag trotzdem abgelehnt. Es sei "erstaunlich", dass Wexeler sich danach noch anderthalb Jahre in seiner Position halten konnte, obwohl er sich Braun widersetzt habe, merkt der Abgeordnete Matthias Hauer (CDU) an. Wexeler verließ das Unternehmen Ende 2019 - kurz bevor das Kartenhaus zusammenbrach.

Die Wirecard Bank und die AG spielten also zusammen, um die Aufseher über Untreue und Betrug zu täuschen. Eine Sachbearbeiterin der Bundesbank berichtete dem Ausschuss vom alltäglichen Innenleben der Bankenkontrolle durch die Bundesbank. Die alles entscheidende Frage, ob Wirecard als Finanzholding oder als Technikunternehmen einzustufen sei, war offenbar im Tagesgeschäft nie ein Thema. Die Ausschussmitglieder sehen hier den Knackpunkt des Skandals. Denn während die braven Mitarbeiter von Bundesbank und Bafin die für sie sichtbaren Bilanzen der Bank genau studierten, interessierten sie sich nicht für die Aktivitäten der Dachgesellschaft. Diese galt ja offiziell als IT-Firma. Die Tatsache, dass durch das Desinteresse an der Holdingstruktur eine erhebliche Regulierungslücke entstand, nahmen die Beteiligten nicht als Problem wahr.

Wirecard galt einst als Star der deutschen Finanzwelt; die Gewinne beruhten jedoch auf Trug und Täuschung. Die Arbeit des Ausschusses zeigte nun erneut Wirkung: Am Donnerstag wechselte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY ihren Deutschlandchef aus. Hubert Barth musste damit schon vor seiner umfassenden Vernehmung durch den Ausschuss seinen Hut nehmen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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