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Gastkommentare - Contra
Daniel Wetzel, "Die Welt", "Welt am Sonntag"
Unterschätzte Folgen

Gas- und Öl-Importstopp?

D ie Forderung nach einem sofortigen Energie-Embargo gegen Russland ist verständlich. Allerdings sind die Folgen kaum verstanden. Äußerungen, ein Ausfall russischer Gaslieferungen sei "handhabbar", beruhen auf Mutmaßungen, nicht auf Analysen. Die oft geäußerte Vorstellung, es handele sich um ein bisschen "solidarisches Frieren", unterschätzt die Konsequenzen dramatisch.

Klar dürfte sein, dass ein Gas-Embargo sofort die höchste Stufe des "Notfallplans Gas der Bundesrepublik Deutschland" auslösen würde. Die Gasversorgung der Bevölkerung hinge von Anweisungen der Behörden und Gasnetzbetreiber ab, und zwar auf unbestimmte Zeit. Denn ein Embargo wäre vorerst unumkehrbar. Das Risiko, dass staatliche Steuerungskompetenzen dabei überfordert werden, ist erheblich.

Bundesbehörden hatten die Beherrschbarkeit einer Gasmangellage vor vier Jahren in der Übung "Lükex 18" getestet. Es zeigte sich, dass dabei eine kältebedingte Krankheitswelle droht, die die Handlungsfähigkeit von Verwaltung, Polizei, Rettungsdiensten, Krankenhäusern und Pflegeheimen einschränkt. Die Auskühlung von Gebäuden könnte zu Wasserschäden und Versorgungsproblemen führen. Größere Probleme wären in der Ernährungsindustrie zu erwarten, die ihren Energiebedarf zu weit mehr als 50 Prozent durch Gas deckt.

Versorgungsnöte und in der Folge soziale Unruhen sind damit nicht auszuschließen. Es spricht also viel für die Annahme, dass die Bundesrepublik diese Lage nicht über längere Zeit durchstehen könnte. Damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Embargo bald zurückgenommen werden müsste. Seine politische Wirkung wäre kontraproduktiv.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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