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Aufgekehrt
Johanna Metz
Mal ganz offen, Herr Kanzler

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Es wurde schon vieles zur aktuellen Lage gesagt, aber nicht von jedem. Daher schreiben wir, die Redakteurinnen und Redakteure, kurz: die Intellektuellen von "Das Parlament", Ihnen endlich auch einen offenen Brief.

Wir sind überzeugt, dass wir in dieser Lage nicht abseits stehen dürfen. Es gilt: Es muss gesagt werden, was gesagt werden muss, wie es einst Sallust mit Cäsar hielt oder Émile Zola in der Dreyfus-Affäre. Wir klagen an! Denn nur so kann eine Lösung gelingen, eine Lösung, zu der Sie, Herr Bundeskanzler, entscheidend beitragen können. Wir erkennen an, dass wir nicht die Ersten sind, die Ihnen schreiben. Schriftstellerinnen und Politiker, Chefredakteurinnen, Philosophen und Schauspielerinnen, ja, die größten DenkerInnen unserer Zeit, haben Ihnen schon offene Briefe geschickt, unterzeichnet von engagierten Menschen wie Frau H. ("besorgte Bürgerin") oder Frau R. ("Human. Mother."). Doch auch wir haben eine Stimme. Und auch wir haben eine Zeitung, in der wir diese kraftvoll erheben können und wollen.

Mit Blick auf unsere Verkaufszahlen sind wir sicher, dass wir das Richtige tun, verehrter Herr Bundeskanzler. Wir wollen gehört zu werden, und zwar von allen, überall. Das betrachten wir als unsere historische Pflicht. Und vielleicht bekommen wir so noch mehr Leser.

Wir hätten auch gerne noch viel mehr geschrieben. Aber wir müssen Platz sparen - Papier ist gerade teuer - und in der Kantine gibt es heute Schnitzel. Aber wir melden uns bald wieder, Herr Bundeskanzler, versprochen! Bis dahin hoffen und zählen wir auf Sie. Hochachtungsvoll, die Redaktion.

PS: Kollegin Z. hat sich von diesem Brief gerade distanziert. Sie hat ihn erst jetzt richtig gelesen und findet einige Formulierungen doch ziemlich blöd. Wir bitten um Verständnis.Johanna Metz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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