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Gastkommentare - Pro
Daniel Wetzel, "Welt am Sonntag", Berlin
Völlig überzeichnet

Energiesicherheit vor Naturschutz?

U mweltschützer treibt die Sorge um, dass in der Energiekrise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Kohlekraftwerke werden reanimiert, im Watten- und Küstenmeer soll wieder Öl und Gas gefördert werden. Der Klageverein Deutsche Umwelthilfe torpediert die Vorhaben, wo er nur kann. Und ein grüner Wirtschaftsminister bittet die Umweltaktivisten, das doch bitte bleiben zu lassen.

Habeck hat seine Gründe, und sie wiegen schwer. Seit dem 12. Mai liegt eine Sanktionsliste aus dem Kreml gegen die wichtigsten Gasimporteure auf dem Tisch. Macht Moskau ernst, droht eine akute Gas-Mangellage mit katastrophalen Folgen. Denn wenn die deutschen Versorger und Industriebetriebe den Brennstoff zu aktuellen Spotmarktpreisen nachkaufen müssen, wird ihnen nun das Fünffache berechnet. Ganze Branche stünden vor dem Aus. Es könnte sich eine nach Millionen zählende Massenarbeitslosigkeit ausbreiten. Kraft für Umweltprojekte oder für die Ukrainehilfe hätte Deutschland dann nicht mehr.

Angesichts dieses Damoklesschwertes müssen wir alle verfügbaren Energie-Ressourcen zusammenkratzen, derer wir habhaft werden können. Die von Umweltaktivisten behaupteten Schäden der Beschaffung wirken neben dieser Notwendigkeit völlig überzeichnet. In der Nordsee produziert Deutschlands einzige Ölplattform Mittelplate seit 30 Jahren Erdöl, während sich die Seehund-Population dort "prächtig entwickelt", wie Umweltbehörden bestätigen. Weitere unterirdische Horizontalbohrungen wären oben gar nicht sichtbar. Schlägt die Energiekrise zu, sind die sozialen Folgen desaströs, real und dauerhaft, während Umweltschäden der Rohstoffbeschaffung nur vorrübergehender Natur und leicht zu minimieren sind.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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