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Gastkommentare - Contra
Michael Bauchmüller, "Süddeutsche Zeitung", München
Es gibt andere Wege

Energiesicherheit vor Naturschutz?

E s gibt Tierarten, die lernen die Deutschen nur kennen, wenn irgendwo gebaut wird. Der Wachtelkönig war den meisten Hamburgern unbekannt, bis er eine Wohnsiedlung verhinderte. Ohne das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 hätte sich die Republik nie für den Juchtenkäfer interessiert. Und die Hufeisennase, eine Fledermaus-Art, erlangte erst durch die Dresdner Waldschlößchenbrücke Berühmtheit. Für die einen sind sie Störenfriede auf dem Weg zum Fortschritt, für die anderen der letzte Strohhalm, um ein ungeliebtes Projekt doch noch zu verhindern. Und Sichtweise eins hat sich leider durchgesetzt: Zu viel Naturschutz hält nur auf. Ein Fehler.

Stimmt schon, es gibt viel zu lamentieren über lahme Genehmigungsverfahren. Behörden sind überlastet, verunsicherte Beamte verlangen Gutachten über Gutachten, und dann kommen im Zweifel noch Klagen. Der Impuls, diese Verfahren zu entschlacken, ist allzu nachvollziehbar - zumal, wenn das Ziel mehr Klimaschutz ist, etwa durch den Bau von Windrädern und Solarparks. Nur zielt ein Genehmigungsverfahren eben auch auf den Ausgleich von Interessen. Es wäre gefährlich, fielen dabei die Interessen von Natur und Umwelt der Beschleunigung wegen unter den Tisch. Künftige Generationen haben nicht nur ein Recht auf Klimaschutz, sondern auch auf Artenvielfalt.

So wichtig schnelle Verfahren für die Energiewende sind, es gibt noch andere Wege: Klare Rechtsnormen und Leitfäden etwa, die den Behörden Sicherheit geben. Runde Tische zum Austausch aller beteiligten Behörden über den Status von Projekten. Mehr Personal. Aber am Ende auch die Offenheit, sich mit Belangen der Natur auseinanderzusetzen. Denn sie hat einen Wert für dieses Land.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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