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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Nordische: Stefan Seidler

V ielleicht regte sich Stefan Seidlers Interesse für Politik, als er dafür länger aufbleiben durfte. Um acht Uhr die Tagesschau - und eine Stunde später die dänischen Fernsehnachrichten, so wuchs der Flensburger auf. Die Mutter, eine dänische Lehrerin, die schon den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) im Stadtrat vertrat, und der Vater, ein Kaufmann aus Flensburg; das politische Engagement im Milieu der dänischen Minderheit im hohen Norden Deutschlands schien ihm in die Wiege gelegt, das Seidler nun nach Berlin geführt hat.

Als Botschafter? Oder als Kulturbeauftragter? Nein, Seidler ist gewählter Abgeordneter des SSW im Bundestag und nimmt eine Sonderstellung im Parlament ein: Er ist allein. Aber das nicht wirklich, dazu später mehr. "Unsere Kampagne hieß 'Damit das Leben bezahlbar bleibt'", sagt er über den SSW-Bundestagswahlkampf, "und das haute voll rein". Nur im Norden wählbar, erzielte der SSW ein Bundesgesamtergebnis von 0,12 Prozent der Stimmen und konnte 2021 nach einigen Jahrzehnten wieder einen Vertreter nach Berlin entsenden. Als Partei einer nationalen Minderheit entfällt für den SSW die Fünf-Prozent-Hürde. Es habe schon gewurmt, dass zum Beispiel die CSU im aktuellen Verkehrswegeplan 325 Vorhaben für Bayern etabliert habe, während nach Schleswig-Holstein nur 22 gegangen seien. "Ich gönne es den Bayern", sagt Seidler, 43, "aber innerlich könnte man kotzen". Hinter ihm hängt ein Plakat mit dem Comic-Helden Werner Brösel: "Gekotzt wird später" steht darauf.

Seidler sieht sich als frischen Geist für den Bundestag. "Mit Minderheitenpolitik treffen wir einen gewissen Zeitgeist. Ich bin gern Vertreter für alle Minderheiten, nicht nur für nationale." Der SSW jedenfalls hat immer mehr Erfolg. Bei der jüngsten Landtagswahl in Schleswig-Holstein verdoppelte er seinen Stimmenanteil auf 5,7 Prozent der abgegebenen Stimmen. "Wir sind pragmatisch orientiert und bieten skandinavische Lösungen an", sagt er. Welche? "Digitalisierung etwa haben wir unter der Haut." In Deutschland werde zuweilen so getan, als handele es sich um komplizierte Raketentechnologie, dabei brauche man nur dreierlei: "Breitbandausbau, wenige Plattformen und lebenslanges Lernen."

Für Schleswig-Holstein bedeutet dieser "skandinavistische" Ansatz zum Beispiel, dass der SSW die vom Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) geplanten Terminals für Flüssiggas ablehnt. "Erst in 15 Jahren oder mehr würde dann Gas kommen, und dann auch noch gefracktes - das ist eine der größten Ökosünden, die es gibt." Seidler setzt auf Gas aus Norwegen und auf den Ausbau von Wind- sowie Sonnenenergie. Warum Habeck so agiert? "Ich weiß es nicht, aber das ist Feuerlöschen ohne Strategie. Die Fahrradplanung in Kopenhagen hat mehr Projektstrategie als die Energieplanung in Deutschland."

Im Plenarsaal sitzt Seidler, der Politikwissenschaft studierte, als Programmmanager und als Berater für grenzüberschreitende Kooperation unterwegs war, ganz hinten, "in der Tuschelecke". Dorthin würden sich Abgeordnete gern mal verziehen, um einen Plausch zu halten. "Das ist nicht ungünstig, da lerne ich viele kennen." Doch wo ist der SSW politisch zu verorten? In der Politikersprache wird er meist als linksliberal beschrieben. Seidler formuliert es so: "Im Umweltbereich sind wir grün, im Sozialbereich gelten wir als links und bei Entwicklung, Verkehr und Infrastruktur sind wir nah bei CDU und FDP."

Im Büro hat er zwei Mitarbeiter, bald kommt ein dritter hinzu. Im Innenausschuss sitzt Seidler ohne Stimmrecht. Seine Redezeit ist beschränkt, worin er einen Vorteil sieht: "Ich muss mich aufs Wesentliche konzentrieren und kann das Gesagte gleich in die Sozialen Medien schicken." Wunschlos jedoch ist er nicht: "Ich will den Bogen nicht überspannen. Aber ich würde schon gern mal eine Anfrage an die Bundesregierung stellen oder einen Tagesordnungspunkt setzen." Bisher ist das alles nicht vorgesehen für die Ein-Mann-Vertretung. "Keiner müsste sich sorgen: Mit unseren Ressourcen würden wir keine 500 Anfragen im Jahr raushauen."

Jan Rübel

Aus Politik und Zeitgeschichte

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