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Gastkommentare - Contra
Waltraud Schwab
Auf Konsum reduziert

Können wir uns noch leisten zu reisen?

D ie Schlangen an den Flughafen-Check-Ins sind ein gutes Zeichen. Das Tamtam darüber ist indes das letzte Aufbäumen einer verwöhnten Gesellschaft. Ein Flug nach London - tausend Euro - ein Skandal! Als wäre ein Recht auf billiges Fliegen in Gefahr. Alle fragen: Wie konnte es so weit kommen? Niemand fragt: Warum sollten Flugreisende ein Anrecht darauf haben, keinen klimagerechten Preis zu bezahlen und nicht warten zu müssen? Über die immer länger werdenden Schlangen der Hungrigen vor den Ausgabestellen der Tafeln gibt es keinen Aufschrei. Was ist wichtiger: nicht zu hungern oder nicht fliegen zu können?

Reisen ist dank der Reise-, der Flug-, der Tourismusbranche verkommen. Alles soll billig sein. Das Erlebnis ist reduziert auf blauen Himmel und eine Liege am Strand. Was früher die Schönheit einer Gegend ausgemacht hat, sind nun Ferienanlagen. Der Dreck rechts und links des Hotels wird übersehen. Wie überhaupt der Dreck des Reisens egal ist. Urlaub ist reduziert auf Konsum. Was konsumiert wird, geben Hotelketten und Investmentfonds vor.

Nein, wir können uns das Reisen nicht mehr leisten. Bevor jemand ein Ticket für eine Pauschalreise kauft, soll er/sie/es eine Prüfung in Wahrnehmung machen. Stellen Sie sich eine Stunde in einen Wald und schreiben Sie dann einen Aufsatz: Was ich im Wald gesehen habe. Stellen Sie sich eine Stunde auf eine Wiese und schreiben dann einen Aufsatz: Was ich auf der Wiese gesehen habe. Der Aufsatz muss zehn Seiten lang sein. Solange Sie keine zehn Seiten schaffen, besteigen Sie kein Flugzeug. Denn erst wenn Sie sehen lernen, kapieren Sie, was im Begriff ist, für immer verloren zu gehen: die Sinnesreise nämlich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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