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RECHTSEXTREMISMUS
Thomas Gesterkamp
Verbindende Brückenideologien

Die Autoritarismus-Studie gibt nur teilweise Entwarnung

Die Großrazzia gegen die Reichsbürgerszene hat die Gefahren, die von antidemokratischen Einstellungen ausgehen, nachdrücklich verdeutlicht. Angesichts von Pandemie, Krieg, Energiekrise und Inflation sind fundierte Daten zur gesellschaftlichen Stimmungslage wichtiger denn je. Schon seit zwei Jahrzehnten forscht dazu ein wissenschaftliches Team an der Universität Leipzig. Bekannt wurde das 2002 gestartete Projekt als Mitte-Studien, seit 2018 trägt es den Namen Autoritarismus Studien. Alle zwei Jahre werden die Ergebnisse repräsentativer Befragungen veröffentlicht. Gerade ist die elfte Auflage der Forschungsreihe in dem Sammelband "Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten" erschienen.

Ein positiver Befund sticht heraus: Die explizite Bejahung rechtsextremer Aussagen hat im Vergleich zu 2020 abgenommen, besonders stark in Ostdeutschland. Wurden dort einst Werte von bis zu zehn Prozent gemessen, liegt der Anteil jetzt bei nur noch zwei Prozent. Auch sozialdarwinistische Deutungen und die Verharmlosung des Nationalsozialismus treffen auf weniger Sympathie. Die aktuellen Krisen hätten "erstaunlicherweise zu einer breiteren Akzeptanz des demokratischen Systems geführt", resümiert der Sozialpsychologe Oliver Decker, einer der Projektleiter und Direktor des federführenden Else-Frenkel-Brunswik-Instituts. Die verfassungsgemäße Ordnung sei noch nie so positiv bewertet worden wie derzeit; auch in Ostdeutschland liegt der Grad der Zustimmung inzwischen stabil über 90 Prozent. Einstellungen wie Ethnozentrismus und Ausländerfeindlichkeit aber blieben dort unverändert hoch. Die Werte seien sogar leicht gestiegen, auf über 30 Prozent. Auch Sexismus und Antifeminismus hätten zugenommen, die Identifikation mit gewaltbereiten Männlichkeitsidealen sei gewachsen.

Verschwörungstheorien Keine Entwarnung gibt das Forschungsteam auch beim Hass auf Muslime, Sinti und Roma. Dieser sei "konstant hoch", man müsse eher von "einer Objektverschiebung der antidemokratischen Einstellung" sprechen als von einem Rückgang. Zwar habe die "Neo-NS-Ideologie" an Bedeutung verloren, an ihre Stelle seien jedoch neue Vorurteile getreten. Als "Grundlage einer breiteren Mobilisierung" dienen der Studie zufolge vor allem Verschwörungserzählungen. Sie würden nicht nur von organisierten Rechtsextremen genutzt. Der Glaube an anonyme Mächte im Hintergrund fungiere als "Brückenideologie" zwischen den heterogenen antidemokratischen Milieus.

Ein besonders lesenswerter Beitrag des Buches beschreibt die erstmals erhobenen "Konfliktbilder von Lohnabhängigen". Johannes Kiess, Andre Schmidt und Sophie Bose aktualisierten in einer Detailbefragung frühere Erkenntnisse zum Arbeiterbewusstsein. Für abhängig Beschäftigte seien ökonomische Interessengegensätze nach wie vor maßgeblich. Gesellschaftliche Kontroversen, die sich "auf Religion, unterschiedliche Herkunft oder Geschlecht zurückführen lassen", würden als "weniger prägend für unser Zusammenleben angesehen". Soziologische Kategorien wie Schicht oder Klasse bleiben also trotz anderslautender Behauptungen aus der sogenannten Identitätspolitik ein zentrales Forschungsfeld.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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