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Kurz Rezensiert

Wie überleben Menschen ein Lager? Welche Kraft ziehen sie dafür aus sich selbst, aus der Hoffnung auf eine Zukunft? Aus den Verbindungen zu den Menschen, die ihr Schicksal teilen und denen, die in Freiheit um sie bangen?

In seinem Roman "Wir verstehen nicht, was geschieht" beschäftigt sich der Journalist und Autor Viktor Funk mit dem Leben von Lew und Svetlana, die 14 Jahre darauf warten müssen, endlich zusammen sein zu können. Lew Mischenko gerät nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - er war 1941 in Deutschland in Kriegsgefangenschaft gekommen - direkt in die Fänge des nächsten Regimes: Nach seiner Rückkehr wird er in der Sowjetunion unter Stalin nicht etwa als Vaterlandsverteidiger empfangen, sondern als Verräter verurteilt. Acht Jahre lang muss Mischenko wieder ums Überleben kämpfen, diesmal im Gulag Petschora im Norden des heutigen Russland.

Um zu ergründen, wie es dem Mann gelungen ist, dieses Martyrium zu überstehen, reist der Historiker Alexander List mit dem mittlerweile betagten Mischenko per Zug nach Petschora. Mischenko will noch einmal den Ort besuchen, der ihm so viele Lebensjahre geraubt hat, es aber nicht geschafft hat, ihn zu brechen.

Aus dem, was List in den vielen Gesprächen auf der stundenlangen Zugfahrt und aus persönlichen Briefen, die ihm der alte Mann überlässt, erfährt, setzt er das Bild eines Lebens zusammen. Ein Leben, das noch eine gute Wendung nahm.

Die Figur des Historikers List und seine Reise nach Petschora ist angelehnt an die Person des Autors selbst: Viktor Funk zeichnet die Geschichte von Lew Mischtschenko und seiner Frau nach, die sie ihm im Winter 2004/2005 in Moskau persönlich erzählt haben. Kaum ist anzunehmen, dass die Spurensuche in einem ehemaligen Gulag genug Raum lassen könnte für eine so fein erzählte Geschichte von Liebe und Freundschaft. Funk ist es gelungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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