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Afghanistan
Cem Sey
Mord und Erpressung

Untersuchungsausschuss befragt Ortskräfte

Er habe ihre Erpressungsversuche und Drohungen nie ernstgenommen. Bis es todernst wurde. Der 47-jährige ehemalige Mitarbeiter der deutschen Entwicklungsagentur Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) schildert den Mitgliedern des 1. Untersuchungsausschusses Afghanistan mit erstaunlich fester Stimme, wie er in Kabul auf offener Straße niedergeschossen wurde. Am 2. September 2021, zwei Wochen nach dem Einmarsch der Taliban in die afghanische Hauptstadt, habe ihm ein Auto Weg versperrt. "Erst dachte ich, sie wollten mit mir reden, aber die Männer haben sofort das Feuer eröffnet", berichtet der Zeuge. Die Angreifer hätten ihn für tot gehalten und auf der Straße liegen lassen. Weil die von Passanten zur Hilfe gerufenen Rettungswagen sich geweigert hätten, auszurücken, sei er schließlich von Familienangehörigen zum Krankenhaus gefahren worden.

Bankkonto eingefroren Der Zeuge ist sich sicher, dass die Angreifer Taliban waren. "Denn kurz darauf wurden meine Wohnung und mein Büro durchsucht und mein Bankkonto eingefroren, mit der Begründung, dass ich für die GIZ gearbeitet habe", berichtete die ehemalige Ortskraft in der 20. Sitzung des Ausschusses am Donnerstag vergangener Woche.

Er habe jahrelang für deutsche und andere internationale Organisationen Studien erstellt oder Umfragen durchgeführt. Deshalb hätten die Taliban immer wieder telefonisch versucht, von ihm Geld zu erpressen. Er habe sich jedoch nicht vorstellen können, dass sie versuchen würden, ihn umzubringen.

Schon in der ersten Woche nach Kabuls Fall habe er, mit Unterstützung seiner Bekannten aus Deutschland, mehrmals versucht, sich nach Deutschland abzusetzen. Diese Versuche seien gescheitert, weil der Flughafen Kabul unsicher gewesen sei. Auch habe die GIZ nicht auf seine Kontaktversuche reagiert. Schließlich seien es ihm bekannte deutschen Hochschuldozenten und Journalisten gewesen, die ihm und seiner Familie die Flucht über den Landweg organisiert hätten.

Die Geschichte der nächsten Zeugin, einer ehemaliger Mitarbeiterin des Goethe-Instituts, hört sich im Vergleich dazu wie ein "Best-Practice"-Fall an. Sie habe sich umgehend zum Flughafen Kabul begeben, berichtet die Zeugin vor dem Ausschuss. Ihre guten Deutschkenntnisse und das US-Visum in ihrem Pass hätten ihr geholfen, durch die Kontrollen zu kommen. Sie sei zunächst nach Taschkent und später nach Frankfurt geflogen worden. Aber das Goethe-Institut habe ohnehin sehr gut gearbeitet und alle ihre Kolleginnen und Kollegen zügig aus dem Land geholt.

Im letzten, nicht-öffentlichen Teil der Sitzung vernahm der Ausschuss einen BND-Mitarbeiter, der vor Ort für Informationsbeschaffung zuständig gewesen war.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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