Inhalt

Arbeit
Claudia Heine
Brötchen, aber keine Verkäuferin

Die Opposition kritisiert die Fachkräftestrategie der Bundesregierung als verfehlt

Der Bäckermeister, der zu Silvester nicht mehr seine traditionellen Köstlichkeiten anbieten kann, die Jugendherberge, die mitteilt, nicht wie verabredet, Halbpension anzubieten: Das sind nur einige Beispiele aus dem Alltag, die mittlerweile mit fehlenden Arbeitskräften begründet werden. Ganz zu schweigen von den gravierenden Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die industrielle Produktion. Erst vor rund einer Woche untermauerte eine Statistik den nicht neuen, aber mittlerweile bedrohlichen Trend: Eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kam zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen Schwierigkeiten hat, offene Stellen zu besetzen. 22.000 Unternehmen wurden dafür von der DIHK befragt. "Wir gehen davon aus, dass in Deutschland rund zwei Millionen Arbeitsplätze vakant bleiben. Das entspricht einem entgangenen Wertschöpfungspotenzial von fast 100 Milliarden Euro", sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks am 12. Januar in Berlin bei der Vorstellung der Studie.

Die Bundesregierung hat ihre Strategie zur Lösung des Problems in eine Unterrichtung (20/3990) gegossen, über die der Bundestag am vergangenen Freitag erstmals beraten hat. Darin schreibt die Regierung: "Die gute Fachkräftebasis in Deutschland zu sichern und zu erweitern, ist entscheidend für die Innovations- und Leistungsfähigkeit auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft. "

Sie erläutert in der Strategie nicht nur die Ursachen des Fachkräftemangels, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges. Sie gibt auch einen Ausblick auf den Fachkräftebedarf bis 2026. Dazu schreibt sie unter anderem: "Vergleicht man alle Arbeitsplätze, die voraussichtlich bis 2026 erstmalig oder neu zu besetzen sind, mit allen Arbeitskräften, die dem Arbeitsmarkt neu zutreten oder den Arbeitsplatz wechseln, so zeigt sich, dass nach aktuellen Ergebnissen des Fachkräftemonitorings etwa 240.000 Arbeitsplätze mehr neu zu besetzen sind, als Arbeitskräfte verfügbar sein werden. Das damit einhergehende Fachkräfteparadox, also die zunehmende Gleichzeitigkeit von Fachkräftemangel in einigen Branchen und Regionen und der Arbeitsplatzabbau in anderen Branchen und Regionen, wird in Zukunft weiter zunehmen."

Als prioritäre Handlungsfelder nennt die Regierung eine zeitgemäße Ausbildung, gezielte Weiterbildung, Hebung der Arbeitspotenziale, Verbesserung der Arbeitsqualität und eine moderne Einwanderungspolitik mit einer Reduzierung der Abwanderung.

Alle Register ziehen Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) erklärte vor den Abgeordneten: "Das Wichtigste ist, dass wir die inländischen Potenziale nutzen." Er verwies auf die hohe Zahl von Menschen, die auch mit Ende 20 noch keine Berufsausbildung haben. "Da müssen wir ran. Wenn wir nicht alle Register ziehen, wird der Fachkräftemangel zur dauerhaften Wachstumsbremse." Wenn alle inländischen Register gezogen seien, wozu auch mehr Weiterbildung und Frauenerwerbstätigkeit gehörten, dann brauche das Land zusätzlich qualifizierte, unbürokratische Zuwanderung. Michael Kellner (Grüne), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, stellte klar, dass sich dafür auch der Blick auf zugewanderte Menschen ändern müsse. Denn es gebe zu viele Fachkräfte, die Deutschland wieder verlassen. Es müsse deutlicher werden, dass sie willkommen seien, so Kellner.

Marc Biadacz (CDU) kritisierte, die Fachkräftestrategie sei von einem Durcheinander an Maßnahmen geprägt, die das Problem nicht lösten. Seine Fraktion fordere eine zentrale Einwanderungsbehörde, um Zuwanderung zu erleichtern, denn wenn Verfahren der Berufsanerkennung, wie derzeit, mehrere Monate dauern, dann brauche man auch kein Punktesystem und keine Chancenkarte, sagte er. René Springer (AfD) warf der Regierung vor, sich einseitig auf das Thema Zuwanderung zu konzentrieren. Die Innovationskraft Deutschlands habe sie dagegen nicht auf dem Schirm. Dabei sei es die politische Verantwortung der Bundesregierung, einheimische Fachkräfte hier zu halten.

Lukas Köhler (FDP) betonte, wer Zuwanderung ablehne, müsse den Wählern ehrlicherweise sagen, dass dann eben an der Renten-Schraube gedreht und länger gearbeitet werden müsse. Susanne Ferschl (Die Linke) sagte: "Jahrelang galt die Devise, Arbeit muss so billig wie möglich sein. Das Ergebnis ist ein in weiten Teilen hausgemachter Fachkräftemangel." Deshalb müsse die Regierung auch ein Programm für gute Arbeit, zum Eindämmen prekärer Beschäftigung auflegen, forderte sie. Hakan Demir (SPD) rechnete vor, dass, selbst wenn jetzt alle Schüler einen Abschluss machen und alle Arbeitslosen mit Jobs versorgt seien, trotzdem noch sieben Millionen Menschen bis 2037 auf dem Arbeitsmarkt fehlen würden. .

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag