12 70 JAHRE BUNDESWEHR Diversität in der Truppe Das Parlament | Nr. 36-37 | 30. August 2025 (K)ein Spiegelbild der Gesellschaft Lange hat die Bundeswehr Teile der Bevölkerung ausgegrenzt. Seit einigen Jahren öffnet sie sich, doch die Entwicklung ist schleppend Soldatin und transgeschlecht- lich – für Offizierin Anastasia Biefang ist das kein Wider- spruch mehr. Doch so offen wie heute hat sie nicht immer über ihre Identität sprechen können: „Ich habe sehr lange privat mit mir und meiner Transgeschlechtlichkeit geha- dert. Das System Bundeswehr war nicht hilfreich dafür, dass ich damit früh gut umgehen konnte.“ Seit 1994 ist Biefang in der Bundeswehr. Als sie 2015 ihr Coming-out plante, habe ein befreundeter Kamerad da- mals Zweifel geäußert, ob dieser Schritt gut für ihre Karriere als Solda- tin sei. Biefang wagte den Schritt trotzdem. Mittlerweile ist sie stellvertretende Vorsitzende von QueerBW, einem un- abhängigen Verein, der sich für die Belange von queeren Menschen in der Bundeswehr einsetzt. Der Verein betreibt unter anderem eine Hotline, über die Soldatinnen und Soldaten sowie Angehörige sich beraten lassen können. Fragen wie: „Ich bin schwul, wie sage ich es meinem Chef?“, wür- den zeigen, dass noch immer große Unsicherheit bei den Betroffenen herrsche. Insgesamt sei das Bera- tungsaufkommen in den letzten Jah- ren stark angestiegen, sagt Biefang. Sie wertet dies als Zeichen, dass sich immer mehr Soldaten trauen, offen mit transge- schlechtlichen Identität umzugehen. Dennoch gehörten Unverständnis, Witze und Ausgrenzung auch heute noch für viele von ihnen zum Alltag – auch wenn die Bundeswehr mittler- weile aktiv dagegen vorgehe. ihrer sexuellen oder Lange hat die Institution sich dem Weg zu einer vielfältigeren Armee verschlossen und marginalisierte Gruppen vom Dienst ausgeschlossen. So wurde die völlige Gleichstellung von homosexuellen Soldaten bei- spielsweise erst im März 2000 be- schlossen. Obwohl Homosexualität bereits mit einer Strafrechtsreform 1969 in Teilen entkriminalisiert wor- den war und einvernehmlicher Sex unter Männern ab dem 21. Lebens- jahr von da an legal, bezog sich dies nur auf den Zivilbereich. In der Bun- deswehr galt auch danach, dass, wer Karriere machen wollte, seine Homo- sexualität verbergen musste. Frauenanteil bei den Streitkräften liegt weit unter 20 Prozent Auch Frauen waren lange vom Dienst in den Streitkräften ausgeschlossen. Erst durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2001, das den Aus- schluss von Frauen aus kämpfenden Einheiten für rechtswidrig erklärte, än- derte sich dies. Nach dem Soldatin- nen- und Soldatengleichstellungsge- setz soll der Frauenanteil in der Bun- deswehr bei 20 Prozent liegen. Diesen Zielwert verfehlt die Bundeswehr seit Jahren. Laut dem Wehrbericht von 2024 lag der Frauenanteil bei rund 13,2 Prozent. Es zeigen sich dabei star- ke Unterschiede in den Bereichen: Während im Sanitätsdienst die Ziel- marke von 50 Prozent Frauen mit rund 45 Prozent nur knapp verfehlt wird, sind es im Heer rund 7,7 Prozent, bei der Luftwaffe rund 10,2 Prozent und in der Marine etwa 11,4 Prozent. Insge- samt gibt es in den Streitkräften bis- lang kaum Frauen in Führungspositio- nen (siehe auch Seite 9). Der Frauenanteil in der Bundeswehr ist statistisch gut erfasst. Es gibt aber insgesamt wenig Informationen da- rüber, wie divers die Bundeswehr aufgestellt ist. Die einzigen repräsen- tativen Zahlen stammen hierbei aus der Studie „Bunt in der Bundes- wehr?“, die sie im Jahr 2019 in Auftrag gegeben hat und die unter anderem nach der Geschlechtsidentität, sexu- ellen Orientierung, dem Migrations- hintergrund und der religiösen Zuge- hörigkeit fragte. Während die Bun- deswehr 2024 nur einen Auszug der Ergebnisse veröffentlichte, ist die ge- samte Studie, an der sich rund 13.000 Beschäftigte aus dem militärischen und zivilen Bereich beteiligten, auf „Frag den Staat“ abrufbar. Etwa 1,5 Prozent der Soldatinnen und Soldaten identifizierten sich zum Zeit- punkt der Befragung als transge- schlechtlich. Der Großteil der Teilneh- menden (93,3 Prozent) gab an, hetero- sexuell von 2,3 Prozent Homosexuellen und je- weils 1,8 Prozent, die bisexuell oder gefolgt zu sein, asexuell sind. Je nach Umfrage liegt der Wert der Personen, die sich der LGBTQIA+-Community zugehörig füh- len, in der Gesamtbevölkerung zwi- schen sieben und fünfzehn Prozent. Diversere Armeen haben laut Studie Vorteile im Einsatz Die größte Diskrepanz zwischen Ge- samtgesellschaft und Bundeswehr zeigt sich mit Blick auf den Migrati- onshintergrund. In der Gesamtbevöl- kerung haben laut Statistischem Bun- desamt rund 21,2 Millionen Men- schen – also mehr als 25 Prozent – ei- nen Migrationshintergrund, in der Bundeswehr sind es 8,9 Prozent. Ein Fakt, der unter anderem darauf beru- he, dass der Eintritt in die Bundes- wehr in Deutschland an die Staatsbür- gerschaft gebunden sei, erklärt Maja Apelt, Professorin für Organisations- und Verwaltungssoziologie an der Universität Potsdam. Dies sei in ande- ren Armeen anders. Auch bei der Lan- despolizei gebe es in einigen Bundes- ländern Regelungen, die es zum Bei- spiel erlauben, Bürger anderer EU- Staaten einzustellen. Die Beobachtung von Streitkräften ha- be gezeigt, dass Diversität in einer Truppe ganz praktische Vorteile mit sich bringt: „Besonders in Krisenge- bieten reagieren vielfältige Streitkräfte besser auf die Konflikte in den Regio- PERSONALIA nen als es eine einheitliche Armee aus christlichen, weißen Männern tun würde.“ So hätten beispielsweise Sol- datinnen während eines Einsatzes im Kosovo ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse von Frauen vor Ort gezeigt als ihre männlichen Kollegen. Auf ihrer Internetseite hebt auch die Bundeswehr zwar immer wieder ihren eigenen Anspruch hervor, ein Spiegel- bild der Gesellschaft sein zu wollen, und schreibt, dass sie „nicht die Ver- teidigungsinstitution der weißen, christlichen, heterosexuellen Elite, sondern aller Bürgerinnen und Bürger ist und die Rechte aller schützt“. Das selbstgesetzte Spiegelbild-Ziel konnte sie bislang jedoch nicht erreichen. Bestandsaufnahme statt Zukunftsvision Obwohl die Bundeswehr aus der Stu- die den klaren Handlungsauftrag ab- geleitet habe, Maßnahmen für mehr Vielfalt umzusetzen, belasse es auch die neue „Agenda Vielfalt“ bei einer Bestandaufnahme anstatt auf „ehrgei- zige Zukunftsvisionen“ zu setzen, kri- tisiert die ehemalige Wehrbeauftragte Eva Högl im aktuellen Wehrbericht. Im Februar 2024 veröffentlicht, ist die „Agenda Vielfalt“ eine Leistungsbilanz der bisherigen Maßnahmen des Ver- teidigungsministeriums für Chancen- gleichheit, Vielfalt und Inklusion. Dass es die Agenda gibt und die Bun- deswehr sich aktiv für Vielfalt einsetzt, ist laut Apelt grundsätzlich ein positi- ves Zeichen. Auch wenn der Weg noch weit sei, schließlich sei die Bundes- wehr von einer „langen Tradition von heteronormativer-weißer Männlich- keit in den Streitkräften“ geprägt. „Ei- ne solche Organisationskultur im In- neren zu verändern, ist eine große He- rausforderung“, so Apelt. Soldatin Biefang beobachtet die Ent- wicklung der Bundeswehr in den ver- gangenen Jahren ebenfalls mit Opti- mismus. Führungspersonal werde etwa mittlerweile zum Thema Diversität ge- schult. Doch sie findet, dass die Institu- tion noch deutlich vielfältiger und queer-freundlicher werden müsse. Obwohl zum Beispiel das sogenannte ge- Selbstbestimmungsrecht schlechtlichen Identität auch in der Bundeswehr gelte und die Kategorie „divers“ eingeführt wurde, gebe es et- wa bei den Vorschriften zum äußeren Erscheinungsbild und der Anzugord- nung weiterhin nur die Kategorien männlich und weiblich. Ein Blick in die Studie „Bunt in der Bundeswehr?“ offenbart zudem ein der grundsätzliches Problem: Etwa zehn Prozent der Befragten, die sich in der Studie „Bunt in der Bundeswehr?“ als transgeschlechtlich einordnen, gaben an, in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Geschlechtsidentität Diskriminierung erfahren zu haben. Auch bei den Aufstiegschancen zeig- ten sich laut den beiden Expertinnen Unterschiede in den Gruppen. Bie- fang kennt beispielsweise keinen Ge- neral oder keine Generalin, die offen homosexuell lebt. Soziologin Apelt hat in Interviews von transgeschlechtli- chen Soldatinnen und Soldaten erfah- ren, dass sich die Übernahme in den Berufssoldatenstand schwierig gestal- tet, solange der Transitionsprozess – also der Wechsel des Geschlechts – noch nicht abgeschlossen sei. „Queer sein in der Bundeswehr heißt nach wie vor, für Rechte zu kämp- fen“, sagt Biefang. Dass die Bundes- wehr ihrer Erfahrung nach von außen nicht als queer-freundlicher Ort an- gesehen werde, mache es schwierig, Nachwuchs aus der Community zu gewinnen. Hier müsse die Bundes- wehr nachbessern und die Vielfalt in den eigenen Reihen sichtbarer nach außen tragen, fordert Biefang. Allerdings dürfe sie nicht das Gefühl vermitteln, sich nur zu öffnen, um das angestrebte Ziel von 260.000 akti- ven Soldatinnen und Soldaten zu er- reichen. „Als queerer Mensch möchte ich nicht nur gewollt werden, um ei- ne Lücke zu füllen, sondern weil ich aktiv einen Beitrag leisten kann und der Wille da ist, die Vielfalt der Ge- sellschaft auch in den Streitkräften abzubilden.“ des T Ratsherr und von 1969 bis 1973 Mitglied des Kreistags Aachen. Von 1976 bis 1978 amtierte er als Vorsitzender der Grundsatzprogrammkommission der CDU-Sozialausschüsse. Klein wirkte im Bundestag im Städtebauausschuss mit. war seit 2012 langjähriger Vorsitzender des FDP-Kreisverbands Weilheim- Schongau. Von 1996 bis 2002 und von 2008 bis 2020 gehörte er dem dorti- gen Kreistag an. Breil engagierte sich im Bundestag im Wirtschaftsaus- schuss. 80 JAHRE Ingrid Matthäus-Maier Bundestagsabgeordnete 1976-1982, FDP, 1983-1999, SPD Am 9. September begeht Ingrid Matthäus-Maier ihren 80. Geburtstag. Die Richterin aus Münster schloss sich 1969 der FDP an, war 1972/73 Vorsit- zende der Jungdemokraten und gehörte von 1972 bis 1976 sowie von 1978 bis 1982 dem FDP-Bundesvorstand an. Nach dem Koalitionswechsel ihrer Partei im Herbst 1982 trat sie zur SPD über und gehörte von 1995 bis 1999 dem Bundesvorstand an. Matthäus-Maier, die im Bundestag vorwie- gend im Finanzausschuss mitarbeitete, hatte von 1979 bis 1982 dessen Vorsitz inne. Von 1988 bis 1999 amtierte sie als finanzpolitische Spreche- rin und als stellv. Fraktionsvorsitzende. Von 1999 bis 2008 gehörte sie dem Vorstand der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an und war von 2006 bis 2008 Vorstandssprecherin. 85 JAHRE Kurt Faltlhauser Bundestagsabgeordneter 1980-1995, CSU Am 13. September vollendet Kurt Faltlhauser sein 85. Lebensjahr. Der Diplom- Volkswirt aus München schloss sich 1963 der CSU an, war dort von 1987 bis 1999 Kreisvorsitzender und gehörte von 1991 bis 2007 dem CSU-Parteivor- stand an. Der langjährige finanzpolitische Sprecher seiner Bundestagsfraktion engagierte sich vorwiegend im Finanzausschuss. 1994/95 war er Parlamenta- rischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen. Von 1974 bis 1980 und von 1998 bis 2008 gehörte er dem Bayerischen Landtag an und amtierte von 1998 bis 2007 als bayerischer Finanzminister. bmh T Reinhold Hiller Bundestagsabgeordneter 1983-2002, SPD Am 19. Juli starb Reinhold Hiller im Alter von 75 Jahren. Der Diplom-Handels- lehrer aus Lübeck, SPD-Mitglied seit 1970, war von 1982 bis 1983, von 2003 bis 2008, von 2009 bis 2013 und 2018 Mitglied der dortigen Bürgerschaft sowie von 2003 bis 2008 Erster stellv. Stadtpräsident. Im Bundestag wirkte Hiller im Ausschuss für innerdeutsche Beziehungen, im Petitionsausschuss sowie im Verkehrsausschuss mit. 19. 7. 2025 Heidemarie Ehlert Bundestagsabgeordnete 1998-2002, PDS Heidemarie Ehlert wird am 1. September 75 Jahre alt. Die Diplom-Ökonomin und Steueroberinspektorin aus Halle (Saale) trat 1969 der SED und 1989 der PDS bei und ist heute Mitglied der „Linken“. Von 1990 bis 2004 gehörte sie dem Stadtrat in Halle an und ist seither Mitglied des Stadtrats in Dessau-Roßlau. Ehlert engagierte sich im Bundestag im Finanzausschuss. 75 JAHRE 85 JAHRE Rudolf Bindig Bundestagsabgeordneter 1976-2005, SPD Rudolf Bindig begeht am 6. September seinen 85. Geburtstag. Der Diplom- Kaufmann aus Weingarten/Kreis Ravensburg trat 1967 in die SPD ein, gehörte von 1973 bis 1993 dem Landesvorstand in Baden-Württemberg an und war von 1996 bis 2009 SPD-Kreisvorsitzender in Ravensburg. Bindig, von 1983 bis 2005 Sprecher seiner Bundestagsfraktion für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, engagierte sich zumeist im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenar- beit. Von 1988 bis 2006 gehörte er der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und der WEU an und amtierte von 2002 bis 2006 als Vizepräsident des Europarats. Manfred Lischewski Bundestagsabgeordneter 1990-2002, CDU Am 2. September begeht Manfred Lischewski seinen 85. Geburtstag. Der pro- movierte Chemiker aus Halle (Saale) trat im August 1990 der CDU der DDR bei. Lischewski arbeitete im Forschungsausschuss sowie im Ausschuss für wirt- schaftliche Zusammenarbeit mit, an dessen Spitze er von 1994 bis 1998 stand. 85 JAHRE Michael Leja Bundestagsabgeordneter 1990, CDU Michael Leja wird am 8. September 75 Jahre alt. Der Diplom-Ingenieur aus Quedlinburg trat 1977 der CDU in der DDR bei. Von 1993 bis 1998 amtierte er als Kreisvorsitzender in Quedlinburg. Leja gehörte 1990 der ersten frei gewähl- ten Volkskammer und dem Bundestag an. 75 JAHRE Josef Klein Bundestagsabgeordneter 1972-1976, CDU Am 5. September vollendet Josef Klein sein 85. Lebensjahr. Der Akademische Oberrat und spätere Universitätsprofessor für Sprachwissenschaft aus Stol- berg/Kreis Aachen schloss sich 1966 der CDU an, war dort von 1979 bis 1984 85 JAHRE Klaus Breil Bundestagsabgeordneter 2009-2013, FDP Klaus Breil vollendet am 9. September sein 80. Lebensjahr. Der Unterneh- mensberater aus Bernried/Kreis Weilheim-Schongau trat 1982 der FDP bei, gehörte von 2001 bis 2011 dem bayerischen Landesvorstand an und 80 JAHRE