Das Parlament | Nr. 11 | 07. März 2026 EIN JAHR IM BUNDESTAG 11 Tarek Al-Wazir Für den Routinier ist Opposition kein Mist Der Grüne hat langjährige Erfahrungen in der Landespolitik Nein, ein „Rookie“, wie die Neulinge in den Clubs der amerikanischen Profi-Li- gen heißen, ist Tarek Al-Wazir keineswegs. Er hat zwar vor zwölf Monaten das Spiel- feld gewechselt, aber nicht die Sportart. Politik war auch vorher schon seine Dis- ziplin, drei Jahrzehnte saß der Offenba- cher für Bündnis 90/Die Grünen im hessi- schen Landtag. Er gehörte dem Wiesba- dener Kabinett unter CDU-Führung als Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident an. Sein Wort galt et- was im Bundesrat wie an der Spitze seiner Partei. Was konnte den 55-jährigen Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemeniti- schen Ex-Diplomaten da nach seiner Wahl in den Bundestag im Februar 2025 noch überraschen? Die Antwort auf diese Frage gibt Tarek Al- Wazir ganz nach Art des abgeklärten Real- politikers: „Das eine ist, was man sich theoretisch vorstellt, das andere ist das praktische Erleben.“ Also: Der Bundestag mit seinen 630 Abgeordneten ist schon durch seine schiere Größe anders als der eher „familiäre“ Landtag in Wiesbaden mit etwa 130 Volksvertretern. „Eine gewisse Anonymität entsteht da- durch“, hat der diplomierte Politikwissen- schaftler festgestellt. Während Al-Wazir (zu Deutsch: der Minister) wusste, „wie viele Enkel die Frau in der Landtagskanti- ne hatte, bei der ich mein Mittagessen bekam“, ist er in manchen Gebäuden des Parlaments an der Spree bisher noch gar nicht gewesen. Der Grüne ist ein überzeugter Kommunalpolitiker eine Das bedeutet allerdings nicht, dass der unter- Bundestags-Neuzugang schiedliche Wertigkeit zwischen Landes- und Bundespolitik sieht: „Man kann wirk- lich nicht sagen, dass in den Landes- und Kommunalparlamenten die Amateure sit- zen und im Bundestag die Profis.“ Tat- sächlich seien die Kommunalpolitiker bei vielen Themen vor Ort „oft näher dran als wir Bundespolitiker“. Das sagt Tarek Al- Wazir mit der Erfahrung eines Mannes, der 20 Jahre lang auch Stadtverordneter in Offenbach war. Allerdings gibt er zu, dass die hohe Prä- senz und Aufmerksamkeit von Interes- senvertretungen und Medien in Berlin den „großen Unterschied“ ausmachen zwischen Bundes- und Landesbühne. Neulich hielt der Verkehrsexperte eine kurze Rede zu Mosel-Schleusen im Ple- num. Prompt kam nach kurzer Zeit die öffentliche Reaktion eines Verbandes auf den Debattenbeitrag. Das ist „Stand der Technik“ in der Mediendemokratie. Dass sich Tarek Al-Wazir nicht – wie sonst üblich für alle Newcomer im Bundestag – erst einmal „ohne Ansprüche“ hinten anstellen musste, als es zu Beginn der Le- gislaturperiode um die Vergabe von Pos- lag an seiner gegenüber der ten ging, Fraktionsführung bekundeten Bereit- schaft, „Verantwortung in einem The- menfeld zu übernehmen, in dem ich mich auskenne“. In der hessischen Lan- Parteifreund desregierung war er nicht bloß für Wirt- schaft zuständig, sondern auch für Ener- gie, Verkehr und Wohnen. Da kam es doch gerade recht, dass die Grünen den Vorsitz im Verkehrsausschuss des Bun- destages mit einem ebenso kundigen wie prominenten besetzen konnten, der nun Wert darauf legt, sein Amt „neutral und sehr korrekt im Um- gang mit allen Fraktionen“ auszuüben. Das umso mehr, als Tarek Al-Wazir das Klima im Plenum des Hohen Hauses „oft als extrem unangenehm“ erlebt. Grund seien die „vielen unangemessenen Reak- tionen und Pöbeleien der AfD auf Redne- rinnen und Redner der anderen Fraktio- nen“. Mit der AfD arbeiten die Grünen prinzipiell nicht zusammen: „Das wird auch so bleiben.“ Noch etwas anderes fin- det Al-Wazir „gewöhnungsbedürftig“ im Bundestag, nämlich „wie viele Abgeord- nete im Plenum nicht in erster Linie zu den anderen Fraktionen sprechen, son- dern in die Kamera, für ihren Social-Me- dia-Auftritt“. So entstehe „keine wirkliche Debatte, das ist schade“. Al-Wazir will nicht nur kontrollie- ren, sondern mitgestalten für Seine eigene Rolle als Vertreter der Oppo- sition sieht der Grüne positiv: „Oppositi- on ist nicht Mist“. Er könne über seinen Kontrollauftrag hinaus sogar „mitgestal- ten und verändern – durch das Setzen der richtigen Themen oder durch die richti- gen Fragen an die Regierung“. Ein Bei- spiel: Bei den Beratungen des 500-Milliar- den-Euro-Sondervermögens Infra- struktur und Klimaneutralität hätten die Grünen darauf hingewirkt, dass kein „gro- ßer Verschiebebahnhof entsteht“, son- dern „konkrete Verkehrsprojekte finan- ziert werden“. Korrekturen erreichen durch Druck im Bundestag und in der Öf- fentlichkeit – so sieht der „leidenschaftli- che Parlamentarier“ seine Funktion als je- mand, der auch weiß, wie die Exekutive tickt. Damit befindet sich Tarek Al-Wazir in ei- ner illustren Runde. Vor Zeiten wechsel- ten schon Helmut Kohl (CDU), Joschka Fischer (Grüne) und die beiden Sozialde- mokraten Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine aus Landesregierungen in die Bundespolitik. Wäre es nach den beiden grünen Partei- granden Renate Künast und Cem Özde- mir gegangen, wäre der „Ultra-Realo“ aus Hessen bereits viel früher nach Berlin ge- kommen, doch damals lehnte Al-Wazir ein entsprechendes Angebot ab – seine beiden Kinder waren noch zu klein. In- zwischen sind die beiden 17 und 20 Jahre alt und finden es „super, Papas Zweitwoh- nung in Berlin nutzen zu können, wenn ich nicht da bin“. Tarek Al-Wazir wieder- um nimmt die sitzungsfreie Zeit daheim und im Wahlkreis gern dazu wahr, seinen Lieblingsverein Kickers Offenbach in der Fußball-Regionalliga anzufeuern. Um in Berlin dann mit seinem Fraktionskolle- gen Omid Nouripour zu fachsimpeln – der Parlamentsvize aus Frankfurt ist glü- hender Fan der Eintracht. Gunther Hartwig T Tarek Al-Wazir (Mitte), ehemaliger hessischer Wirtschaftsminister, ist inzwischen Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. © Deutscher Bundestag / Inga Haar Truels Reichardt gehörte nach der Bundestagswahl 2025 zu den neun Parlamentsneulingen der SPD-Fraktion. © picture alliance/dpa | Niklas Treppner Truels Reichardt Denken statt zu hetzen Der Sozialdemokrat über Anspruch, Tempo und persönliche Abstriche im Leben eines Abgeordneten zwischen Berlin und Husum A us dem sogenannten hohen Norden, dem nordfriesischen Husum, kam Truels Reichardt allein nach Berlin. Hatte keine vertrauten Mitarbeiter mitgenommen, sondern setzt seit seinem Einzug in den Bundestag im vergangenen Jahr auf er- fahrene Kräfte vor Ort. „Mein Büroleiter ist schon seit 30 Jahren hier beschäftigt, und alle anderen Mitarbeiter haben vorher bei anderen Abgeordneten gear- beitet“, sagt er lächelnd. „Das waren meine ersten Anker beim Ankommen.“ Reichardt, 31, Abgeordneter für die SPD, nahm diese Hilfe dankbar an, gab es doch anfangs viel zu organisieren: „Wie stellt man Mitarbeiter ein, wie läuft das mit der Büroeinrichtung, und dann ist da noch die eigene Kranken- versicherung“, sagt er – alles Kleinigkei- ten, die in der Summe schon ein Pfund werden können. Wenn der »kurze Dienstweg« nicht mehr ganz so kurz ist Aber es sollte Reichardt nicht abschre- cken, der sagt, dass sein politisches En- gagement losging, als seine Mutter mit ihm schwanger war. „Meine Oma trug in Husum den Spitznamen ‚Rote Ilse‘, die Sozialdemokratie ist irgendwie in unseren Familienadern drin“, sagt er. Und da der SPD-Fraktion im neuen Bundestag nur neun neue Abgeordnete angehören, stießen die Neulinge auf er- fahrene Kolleginnen und Kollegen, die ihnen gern halfen. „Mich nahm eine Genossin an die Hand, ich konnte sie alles fragen.“ Nur dass der kurze Dienstweg, wie er ihn aus seiner Zeit als Fraktionschef im nordfriesischen Kreistag kannte, in Berlin doch etwas mehr Längen hat – daran muss er sich noch gewöhnen. „Bei einigen Fragen könnte ich mir schon etwas mehr Zü- gigkeit vorstellen.“ Ihm falle schon auf, wie intensiv die Abstimmungsprozesse „alle haben eben volle Terminkalender“. In der eigenen Fraktion übrigens ha- be die Führung klar signalisiert, dass sie sich Impulse und neue Ideen von den Neueinsteigern wünsche. „Ich hätte da eine“, sagt er, „und zwar soll- ten wir uns mehr Zeit nehmen, um wichtige Themen verstärkt von An- fang bis Ende durchdenken zu kön- nen.“ seien, SERIE: EIN JAHR IM BUNDESTAG Ein Jahr nach der Wahl zum 21. Deutschen Bundestag porträtie- ren wir sechs neu gewählte Abgeord- nete. Den Anfang machten Hülya Dü- ber (CSU), Donata Vogtschmidt (Die Linke), Truels Reichardt (SPD) und Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grü- nen). Es folgen: Alexander Jordan (CDU) und Sergej Minich (AfD). Auf sind alle www.das-parlament.de Texte bereits veröffentlicht. Doch wie? „Die Abgeordneten sollten die Wahlkreiswochen nutzen, um zu- nehmend Berliner Themen zu bespre- chen.“ Klar, auch vor Ort sei ein Termin nach dem anderen zu absolvieren, „aber irgendwo müssen wir uns ja et- was aus den Rippen schneiden“. In der Kommunalpolitik habe er oft den Spruch gehört, das habe man schon immer so gemacht – „und das ist ein schlechter Ratgeber. Ich sehe meine Aufgabe als Parlamentsneuling auch darin, bisherige Abläufe in Frage zu stellen“. Dass er als Abgeordneter einer Regie- rungsfraktion angehört, sieht er als An- sporn. Die Zusammenarbeit jedenfalls mit der Union empfindet er als gut. „Das gestaltet sich als sehr kollegial.“ Über die Medien erhalte jemand von außen vermutlich ein negativeres Bild vom Miteinander in der Koalition, „aber das kann ich überhaupt nicht be- stätigen“. Es sei doch gut, wenn man Unterschiede aushalte; wichtig sei die gleiche Zielrichtung, und die sei gege- ben. „Vor allem im Zwischenmenschli- chen klappt es ganz gut.“ Also, würde er nicht lieber mit den Grünen oder mit der FDP regieren? Er überlegt einen Moment. „Koalition be- deutet immer die Kunst des Kompro- misses. Mit den Grünen hätten wir zum Beispiel mehr Schwierigkeiten, nun die dringend benötigte Planungs- beschleunigung hinzukriegen. Wir müssen eben auch durch Baumaß- nahmen dafür sorgen, dass das Land besser funktioniert.“ Überhaupt sehe er vor allem auf regionaler Ebene die Gemeinsamkeiten. Mit den anderen Abgeordneten aus dem Wahlkreis, von CDU und Grünen, stimme er sich eng ab, wenn es um Fragen der Infrastruk- tur gehe. Reizvoll sei auch der Austausch mit der Exekutive. „Je nach Thema gestaltet sich der unterschiedlich. Ich habe schon gelernt, dass Ministerien auch eine eigene politische Agenda haben. Da hat die eigene Parteifarbe schon ei- nen Einfluss darauf, wie schnell man an Informationen kommt.“ Mit seinem kommunalpolitischen Verständnis, er- gänzt er, decke sich das kaum. Jeden- falls muss er sich schon umorientieren. In seiner Zeit als Fraktionschef im Kreistag und in der Gemeindevertre- tung war er es, der von vielen angeru- fen wurde; von dem man etwas wollte. Nun, zumindest in Berlin, ist es anders- rum. Das Mandat ist für Reichardt auch mit Abstrichen verbunden Reichardts Engagement bei den Jusos begann in den Zehnerjahren. Im Jahr 2015 wollte er sich mehr engagieren: Da gab es die Fluchtbewegungen nach Deutschland, das Erstarken der AfD, er wollte sich einbringen. Aber erst 2018 kandidierte er für ein Amt, kam mit frischgebackenen 24 Jahren in den Kreistag. Dann ging alles sehr schnell. In der Zwischenzeit hatte Reichardt So- zialpädagogik studiert und nach dem Masterabschluss angefangen, in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen zu arbeiten. Sein An- satz dabei: sich für andere Menschen einzusetzen. Reinhardt heiratete, wur- de junger Vater. Job, Familie, Ehrenamt – als man ihn dann gefragt habe, ob er sich den Bun- destag vorstellen könne, musste er neu abwägen, gemeinsam eben mit der Fa- milie. „Es war auch klar, dass meine Frau deshalb beruflich nicht kürzertre- ten soll.“ Abstriche macht Reichardt beim Sport. Der Hobby-Fußballschiedsrichter (we- gen des Jobs nun meist nur noch auf Kreisebene) versucht, auch in den Sit- zungswochen in Berlin, zweimal zu jog- gen, „meist sehr früh oder sehr spät“. Es gelte vorzubeugen: „Ich wurde ge- warnt, dass man pro Legislatur eine Hemdgröße dazugewinnt.“ Jan Rübel T