Das Parlament | Nr. 12 | 14. März 2026 Frauenfußball FUSSBALL 5 Fair, familiär und immer profitabler Die Fangemeinde des Frauenfußballs wächst. Warum das so ist, zeigt ein Besuch beim Bundesligaspiel Union Berlin gegen Bayer 04 Leverkusen M ühle ist zufrieden. Der Fanbetreuer von Erstligist 1. FC Union Berlin lehnt mit einem dampfenden Kaffee in der Hand an einem Büro- Container und blickt auf die Men- schen, die in Winterjacken und Fan- schals gehüllt ins Stadion An der Al- ten Försterei strömen. Mehr als 6.000 Zuschauer wollen an diesem Ja- nuarabend das Bundesligaspiel der Union-Frauen gegen die Gäste von Bayer Leverkusen sehen. Dass es nicht wie sonst 7.000 oder 8.000 sind, führt Mühle auf die Eiseskälte zurück, die in Berlin herrscht: Das Handy zeigt minus fünf Grad an, gefühlt sind es minus zehn. Mühle, der seit zehn Jahren bei fast jedem Spiel dabei ist, nimmt es gelassen: „Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wür- de ich sagen, dass wir an diesem Spieltag wieder die meisten Zuschau- er haben.“ 6.000 Zuschauer, das ist für ein Frau- enfußballspiel tatsächlich eine be- achtliche Quote. Nicht mal die seit langem in der Bundesliga erfolgrei- che Damen-Mannschaft von Bayern München kann so viele Zuschauer vorweisen – die Spielstätte der Frau- en, das Stadion am FC Bayern Cam- pus, hat nur 2.500 Plätze. Die Union-Frauen sind gerade erst in die aufgestiegen; 15 Jahre lang hatte Berlin keinen Frauen-Bundesligisten mehr. Dass es nun geklappt hat, dürfte kein Zufall sein. Seit 2023 setzen die „Eisernen“ aus Berlin-Köpenick alles daran, ihre Frauenfußballmannschaft nach vor- ne zu bringen. Für die Spielerinnen, allesamt Profis, heißt das: Sie bekom- men ein Gehalt, das zwar bei weitem nicht an das Niveau der Männer he- ranreicht, von dem sie aber leben können. Sie nutzen das gleiche Trai- ningszentrum wie die Männer und haben mit der Alten Försterei seit dieser Saison auch eine gemeinsame Spielstätte; bisher spielten die Frauen in einem viel kleineren Stadion in Ad- lershof. „Die Devise ist: Gleiche Vo- raussetzungen für Männer und Frau- en“, fasst Mühle die neue, weibliche- re Fußballwelt des FC Union zusam- men, als wäre das völlig normal. Da- bei können die meisten Fußballspie- lerinnen in Deutschland von derarti- gen Bedingungen nur träumen. oberste Liga Leverkusen-Fan Wolli geht nur noch zu den Spielen der Frauen Die Union-Frauen laufen heute Abend das vierte Mal im großen Heimstadion auf. Dass von den insge- samt rund 22.000 Plätzen nur weniger als ein Drittel besetzt sind, tut der Stimmung keinen Abbruch. Während sich die Spielerinnen auf dem vom Flutlicht beleuchteten Rasen aufwär- men, füllen sich die Ränge mit Men- schen jeden Alters und Geschlechts. Gegen die Kälte mit Tee oder Glüh- wein im Halbliter-Becher munitio- niert, stimmen sie die ersten Gesänge an. Leverkusen-Fan Wolli, am Morgen eigens aus Bergheim/Erft nahe Köln nach Berlin gekommen – in voller Montur mit Leverkusen-Mütze und zwei Fanschals – darf mit Erlaubnis der Ordner ein Plakat am Ballfang- zaun hinter dem Tor anbringen. „Erft- linge Glesch Grüßen die Damen- Werkself“ steht darauf, es ist das ein- zige im ganzen Stadion. Die Erftlinge, das sind Wolli, seine Frau und sein zehnjähriger Sohn. „Seit drei Jahren gehen wir nur noch zu den Spielen der Damen, auch auswärts“, erzählt Wolli. „Denn die Atmosphäre ist sehr familiär und es geht auch im Spiel fai- rer zu.“ Beim Männerfußball, meint Wolli, der diesmal allein gekommen ist, gehe es nur noch um Kommerz. „Und im Stadion ist das nichts für Kinder. Da ist alles zu aggressiv, auch zwischen den Fangruppen.“ Fantastische Stimmung trotz frostiger Temperaturen, sowohl bei den Spielerinnen (oben) als auch bei Mitarbeiterinnen und Fans. Darunter (im Uhrzeugersinn) Bianka, „Erftling“ Wolli, Helene und Begleiterinnen und Torsten mit Kumpel Marcel. © picture-alliance/DFB/Andreas Gora, Johanna Metz Während er sich einen Platz zwischen den weniger als 60 Leverkusen-Fans sucht, räumt Bianka im Büro der Mit- arbeiterversorgung dicke Pullover für die Kollegen aus Kisten. Auf einem Tischchen stehen Donuts, belegte Brötchen und Thermoskannen mit Kaffee und Tee bereit. Bianka erwar- tet, wie immer bei den Spielen der Da- men-Mannschaft, einen eher ruhigen Fußballabend. „Bei den Frauen ist es nicht so laut wie bei den Männern“, sagt die herzliche Brandenburgerin, während sie weiter schwungvoll Kis- ten öffnet. „Da kommt ein ganz ande- res Publikum, bunt gemischt, viele ha- ben ihre Kinder dabei.“ Nur die Ord- ner, erzählt sie lachend, hätten an die- sen Spieltagen oft Mühe, den Müttern zu erklären, dass sie Thermoskannen oder Brotdosen nicht mit ins Stadion nehmen dürfen. Marcel, Dauerkarten-Besitzer und Unionfan, den obligatorischen roten Fanschal um den Hals gewickelt, ist mit seinem Kumpel Torsten gekom- men, der freimütig zugibt, dass er für Leverkusen fiebert. Für Marcel kein Problem. „Bei den Frauen ist das Pu- blikum nicht so Assi“, sagt er. „Hier fühlt man keinen Hass gegen andere Menschen, nur weil sie eine andere Mannschaft supporten.“ Sportlich sieht er kaum noch Unterschiede. „Der Frauenfußball hat sich unglaub- lich entwickelt, der ist viel schneller und athletischer geworden. Für mich, der ich Fußball liebe, ist es mittler- weile völlig egal, ob da Frauen oder Männer auf dem Platz stehen.“ Laut einer Umfrage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sehen das im- mer mehr Menschen in Deutschland so. Von 40 Millionen Fußballinteres- sierten geben inzwischen 19 Millio- nen an, sich für die Spiele von Män- nern und Frauen zu interessieren. Dementsprechend sind auch die TV- Einschaltquoten gestiegen: 2023/24 um 62 Prozent im Vergleich zur Vor- saison. Allein das Duell um die Meis- terschaft zwischen dem VfL Wolfs- burg und dem FC Bayern München sahen 2,04 Millionen Zuschauer live in der ARD. Auch die Frauen-EM im vergangenen Sommer, bei der die deutschen Frauen im Halbfinale aus- schieden, erzielte Top-Quoten. Folglich wittern DFB und Vereine die Chance, künftig auch mit Frauenfuß- ball Kasse zu machen – und investie- ren zunehmend in Training, Marke- ting und Nachwuchs: Gaben 2020 nur 18 Prozent der Klubs an, Geld in den Frauenfußball zu stecken, waren es fünf Jahre später 49 Prozent. „Der des Frauenfußball kann die am schnells- ten wachsende Sportart der kom- menden zehn Jahre werden“, heißt es bei der Sportmarketing-Agentur Two Circles, die gemeinsam mit dem DFB eine Studie zu den wirtschaftlichen Perspektiven Frauenfußballs durchgeführt hat. Ihr zufolge könnte der kommerzielle Wert der Frauen- Bundesliga bis zur Saison 2031/32 von 20 Millionen Euro auf 130 Millio- nen Euro pro Saison steigen, die durchschnittliche Live-TV-Reichwei- te um ein Fünffaches. Eine Entwicklung, die „Erftling“ Wolli mit gemischten Gefühlen beobach- tet. „Ich weiß nicht, ob das für den Frauenfußball wirklich gut ist. Klar müssen die Spielerinnen mehr Geld verdienen für das, was sie leisten. Aber ich hab‘ auch Angst, dass mit mehr Kommerz das besondere Flair, das den Frauenfußball ausmacht, ka- putt geht“, sagt er nachdenklich. Ob es so kommt und vor allem wie, ist allerdings ungewiss. Erst vor drei Monaten gründeten die 14 Erstliga- klubs zur Überraschung des DFB ih- ren eigenen Frauen-Bundesligaver- band, die FBL. Ihr machte der DFB das Angebot, eine gemeinsame Toch- tergesellschaft zu gründen, um Ver- marktung, Kommerzialisierung und Infrastruktur anzukurbeln. Doch die FBL ließ die Muskeln spielen und lehnte vorerst ab. Die Klubs wollen zentrale Entscheidungen nicht dem DFB überlassen, und auch die vom DFB angekündigten Investitionen – hundert Millionen Euro in acht Jah- ren – überzeugten die FBL offenbar nicht. Die Vereine wollen im selben Zeitraum 300 bis 700 Millionen Euro in die Entwicklung der Frauenliga in- vestieren. Pyrotechnik und Ultras vermisst im Stadion niemand Während der Streit um Geld und Ein- fluss in die Fortsetzung geht, läuft der Spielbetrieb weiter. Im Stadion An der Alten Försterei kämpfen die Spie- lerinnen, angespornt von Fanchören aus vor Kälte dampfenden Mündern, 92 Minuten lang um jeden Punkt. Erst schießt Dina Oschmann Union in der 36. Minute per Kopfball in Führung, dann drehen die Leverku- senerinnen in der zweiten Halbzeit das Spiel. Ein Freistoß von Vanessa Fudalla bringt den Ausgleich, in der zweiten Minute der Nachspielzeit flankt Kristin Kogel den Siegtreffer ins Tor, obwohl Leverkusen nach einer roten Karte inzwischen in Unterzahl spielt. „Die spielen besser als die Ker- le!“, ruft eine ältere Dame ihren bei- den Begleiterinnen begeistert zu – wie sich später herausstellt, gehö- ren Helene, Paula und Erna zur Fami- lie von Leverkusen-Trainer Roberto Pätzold. Trotz der Minusgrade feiern sie und die anderen 6.000 Fans beide Mannschaften bis weit nach Abpfiff. Pyrotechnik, Trommlergruppen und Ultras scheint hier niemand zu ver- missen. Auch Wolli ist überglücklich. Nicht nur, weil seine Mannschaft als Sieger vom Platz geht, sondern auch wegen der vielen Leute, die er während des Spiels kennengelernt hat. „Auch Uni- on-Fans“, betont er. Dann schwärmt er von der Leistung der Spielerinnen: „Ich ziehe meinen Hut vor dem, was die an Kraft aufbringen – und das bei minus fünf Grad.“ Während die Teams Interviews und Autogramme geben, holt Wolli sein Plakat vom Zaun und rollt es für das nächste Spiel ein. Bisher, sagt er, sei er oft der Einzige, der mit seiner Tröte im Fanblock Stimmung mache. „Vor allem bei Auswärtsspielen. Aber das werden mehr, darum kümmere ich mich“, verspricht er. Und verschwin- det zufrieden lächelnd in die eisige Berliner Nacht. Johanna Metz T