16 DAS POLITISCHE BUCH Das Parlament | Nr. 17 | 18. April 2026 »Uns geht es wahnsinnig gut« Ryyan Alshebl floh 2015 aus Syrien. Acht Jahre später wurde er zum Bürgermeister der schwäbischen Gemeinde Ostels- heim gewählt. Ein Gespräch über die deutsche Bürokratie, seine Partei und die deutsche Angst vor dem Abstieg Herr Alshebl, wenn Sie zehn Jahre zurückblicken: Wo waren Sie da- mals, und wo hätten Sie gedacht oder gehofft, heute zu sein? Vor etwas mehr als zehn, bald elf Jah- ren jedenfalls war ich noch in einer Gemeinschaftsunterkunft auf dem Wimberg, einem Stadtteil von Calw. Da lebt man mit fünf weiteren Perso- nen in einem Zimmer und teilt sich Küche und Sanitäranlagen mit weite- ren sechs Leuten. Wir waren also zu zwölft. Ich war einfach ein Flücht- ling, der versuchte, Fuß zu fassen. Anders gesagt: Mein Ziel war damals definitiv noch nicht, Bürgermeister von Ostelsheim zu werden. Sondern? Ich wollte Kfz-Mechaniker werden, habe dann auch ein sechswöchiges Praktikum in einer Autowerkstatt ge- macht. Aber ehrlich gesagt: Ich habe zwar gelernt, wie man Reifen wech- selt und einen Ölwechsel macht, aber am Ende war doch allen Betei- ligten klar, dass darin nicht meine wesentliche Begabung liegt. Zum Glück hat sich schnell ein weiteres Praktikum ergeben – diesmal in der Kommunalverwaltung. Dort habe ich ziemlich schnell gemerkt: Das könn- te etwas für mich werden. Dort hat man den Vorteil, dass man mit deut- lich mehr Menschen zu tun hat. Im April 2023 wurden Sie in der 2.600-Seelen-Gemeinde Ostelsheim zum Bürgermeister gewählt, nach einem Wahlkampf, für den Sie gleichsam von Tür zu Tür gegangen sind. Was meinen Sie, wurden Sie trotz oder wegen Ihrer syrischen Herkunft gewählt? Sicherlich nicht wegen meiner Her- kunft. Meine Geschichte hat mir zwar geholfen, im Wahlkampf be- kannter zu werden – alle wollten den Syrer kennenlernen, der hier plötz- lich Bürgermeister werden will. Aber meine Wahlchancen hat diese Eigen- schaft nicht unbedingt erhöht. Zwar gab es Menschen, die sagten: Ich wähle ihn, weil er so eine krasse Ge- schichte hat. Aber es gab genauso das Gegenteil: Gerade weil er nicht von hier ist – kann er wirklich verste- hen, wie eine deutsche Verwaltung funktioniert? Jemand, der nicht mal acht Jahre im Land ist? Wie haben Sie die Zweifelnden überzeugt? Unter jenen, die in meinem Jahrgang ihre Ausbildung zum Verwaltungs- fachangestellten in Baden-Württem- berg abgeschlossen hatten, war ich unter den fünf Prozent Besten. Ich kannte mich also erkennbar aus. An den Haustüren habe ich mehr als einmal erlebt, dass die Leute nach unserem Gespräch ihre Meinung ge- ändert haben. Und auch wenn ich ein paar Tage vor der Wahl noch dachte, es wird ein Kopf-an-Kopf- Rennen, ging es schließlich mit ei- nem lockeren Abstand zu meinen Gunsten aus. Inzwischen sind Sie bald in Ihrem vierten Jahr als Bürgermeister. Wel- che Themen erleben Sie als Kommu- nalpolitiker als die drängendsten? Wir haben im Grunde ein sehr gut funktionierendes kommunales Sys- tem. Wenn ich das mit Frankreich vergleiche, fällt auf, dass die Kommu- nen hier eine starke Stellung und be- achtlichen Gestaltungsspielraum ha- ben. Und wenn ich an Syrien denke – ein Land, das man verwaltungs- technisch guten Gewissens als „Fai- led State“ bezeichnen darf –, dann ist es ein großes Privileg, hier zu leben. Aber das darf nicht den Eindruck er- wecken, dass es keine Probleme gibt. ZUR PERSON Ryyan Alshebl, geboren 1994, wuchs als Mitglied der drusischen Minder- heit in Syrien auf. Währen des Bürger- kriegs entschied er sich 2015 zur Flucht, um dem Militärdienst unter dem Regime von Baschar al-Assad zu entkommen. Nach dem Erlernen der deutschen Sprache schloss er 2020 ei- ne duale Ausbildung zum Verwal- tungsfachangestellten ab. Im April 2023 wurde er als parteiunabhängiger Kandidat zum Bürgermeister der Ge- meinde Ostelsheim im Landkreis Calw gewählt. © Nadine Pfeifer Wir haben einen überregulierten Rechtsstaat, in dem die Träger politi- scher Entscheidungen oft nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Ansätze umzusetzen. Und in den Behörden gibt es oft eine Kultur, die sich am besten als „Verhinderungsbürokratie“ zusammenfassen lässt. In den Behörden gibt es oft eine Kultur, die sich am besten als ,Verhinderungsbürokratie‘ zusam- menfassen lässt. RYYAN ALSHEBL Haben Sie dafür ein Beispiel? Nehmen Sie die Hermann-Hesse- Bahn, die Reaktivierung eines etwa 20 Kilometer langen Abschnitts der ehe- maligen württembergischen Schwarz- waldbahn. Die ursprüngliche Strecke von Stuttgart nach Calw, etwa 50 Kilo- meter lang, wurde im 19. Jahrhundert innerhalb von sechseinhalb Jahren beschlossen, geplant und gebaut. Heute haben wir, mit weit überlege- nen technologischen Mitteln, für die Reaktivierung von weniger als der Hälfte der Strecke 14 Jahre gebraucht. Die Verzögerung lag daran, dass an der Strecke Fledermäuse im Weg waren, wie auch bei der Schaffung eines neuen Wohnheims für Geflüch- tete, das Sie planen wollen. In Ihrem Buch scheinen Sie sich darüber re- gelrecht zu mokieren. Dabei ist Na- turschutz ein urgrünes Thema – und Sie sind Mitglied der Grünen... Ich bin absolut dafür, dass Arten- schutz eine prioritäre Rolle spielt. Aber es muss eine Abwägung von Rechtsgütern geben. Bei der Hesse- Bahn ging es um Fledermäuse in ei- nem Tunnel, deretwegen eine unfass- bar teure Ingenieursmeisterleistung gebaut wurde – ein „Tunnel im Tun- nel“, der Millionen Euro gekostet hat. Und trotzdem gab es am Ende eine neue Auflage der höheren Natur- schutzbehörde: Der Zug darf nun nur mit 30 Stundenkilometer durch den Tunnel fahren, weil die Fledermäuse „eingewöhnt“ werden müssten. Den geplanten Halbstundentakt, der für die Menschen wesentlich attraktiver wäre, verpassen wir damit. Meiner Erfahrung nach hat Artenschutz in solchen Genehmigungsverfahren oft viel mit Glauben zu tun. Ein Gutach- ter mit geradezu königlicher Stellung sagt: „Ich glaube, das wird nicht funk- tionieren.“ Das genügt, um alle Pläne zu verwerfen. Das grenzt für mich an Schikane. Sie sind auch in anderer Hinsicht nicht mainstream-grün: Ausgerech- net den umstrittenen Boris Palmer haben Sie sich als eine Art Mentor er- koren. Warum? Ich bin bei den Grünen eingetreten, weil mich Personen wie Cem Özde- mir inspiriert haben – jemand mit Migrationshintergrund, der eine zen- trale Rolle einnimmt. Die linken Grü- nen waren für mich nie eine Inspira- tion. Boris Palmer habe ich damals kontaktiert, weil ich ihn als hochinte- ressanten, wenn auch manchmal schlecht gelaunten Menschen wahr- genommen habe. Ein bisschen wollte ich ihn wohl auch antriggern, nach dem Motto: „Ich bin Syrer, ich will Bürgermeister werden, was sagst du dazu?“ Eine moralische Abneigung, mit ihm zu sprechen, hatte ich nicht – und er auch nicht. Er schlug sofort ein Treffen vor, bei dem ich ihn als unfassbar klug erlebt habe. Und im ländlichen Raum hier in Baden- Württemberg genießt er ein sehr ho- hes Ansehen. Eindrücklich schildern Sie in Ih- rem Buch Ihre Flucht: die 4.000 Euro, die Ihre Familie für Schleuser aufgebracht hat, eine Überfahrt auf dem Mittelmeer, die Sie fast nicht überlebt hätten, die unhaltbaren Zu- stände im Lager Moria auf der grie- chischen Insel Lesbos. Wie erleben Sie heute Nachrichten über die Lage auf dem Mittelmeer, als Mensch, als Politiker? Ich fange einmal mit dem Menschen an: Ich habe volles Verständnis für je- den, der auf diesem Weg nach Deutschland will. Warum sollte ich anderen das große Privileg, dass ich hier aufgenommen wurde, verweh- ren? Zugleich rate ich aber auch je- dem, der mich fragt, ausdrücklich von diesem gefährlichen Weg ab. Was ich auf diesem Schlauchboot erlebt habe, wünsche ich niemandem. Und politisch müssen meines Erachtens dringend andere Wege her. Was schlagen Sie vor? Ich plädiere dafür, diese lebensge- fährlichen Routen überflüssig zu ma- chen, indem wir andere moderne, le- gale Einwanderungswege schaffen. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass ich wahrnehme, dass unregu- lierte Migration zur Erstarkung der Ränder führt: Wenn weiterhin irregu- läre Migration stattfindet, fürchte ich, salopp gesagt, wird am Ende die AfD hier den Laden übernehmen. Deswe- gen brauchen wir kluge Einwande- rungsregelungen, ein zeitgleiches An- gehen der Fluchtursachen – aber auch Ordnungsmaßnahmen und Kontrolle. Spätestens auf kommuna- ler Ebene wird einem bewusst, dass es diesen pragmatischen Mittelweg braucht. Ihre provokanteste These stellen Sie gleich zu Beginn ihres Buches auf: Im kriegszerstörten Syrien erlebten Sie ein „ungeheures Maß an Zuversicht“, im wohlhabenden Deutschland hin- gegen eine „gedämpfte, sorgenbelade- ne Stimmung“, gespeist aus der Angst vor Verlust. Wie kommen wir da wie- der raus? Das hat viel mit einem Übersätti- gungsgefühl zu tun. Wenn ich mit Menschen in Syrien spreche, dann spüre ich dort – trotz der furchtbaren politischen Spannungen – oft das Ge- fühl eines Bergsteigers. Man steht un- ten, sieht den steilen Berg vor sich und hat Lust zu klettern, um etwas zu erreichen. Die Deutschen hingegen sind bereits auf dem Gipfel des Ber- ges. Und was passiert dort? Die eine Hälfte fühlt sich gelangweilt, und die andere Hälfte hat ständig Angst, ab- zustürzen. Das ist eine harte Diagnose für Ih- re neue Heimat. Was ist Ihr Ansatz dagegen? Mein Beitrag ist zu sagen: Schaut ein- mal nach Syrien oder in andere Teile der Welt. Dort sind die Leute bereit, Berge zu versetzen, nur um die Stan- dards zu erreichen, die wir hier längst haben. Uns geht es wahnsinnig gut. Das bedeutet nicht, dass dieses Land keine Probleme hat – die Verhinde- rungsbürokratie, über die wir spra- chen, ist real. Aber wir sollten aufhö- ren, dieses Land ununterbrochen schlechtzureden, und stattdessen un- sere Energie nutzen, um von unserer Gipfelposition aus konstruktiv die echten Probleme zu lösen. Das Interview führte Jeannette Goddar. T Ryyan Alshebl: Flucht nach vorn. Ein syrischer Bürger- meister in Schwaben zeigt, wie gute Politik gehen kann. Droemer, München 2026; 224 S., 23,00 €