2 THEMA DER WOCHE INTERVIEW MIT JENS LEHMANN Das Parlament | Nr. 22-24 | 23. Mai 2026 »So viele Medaillen wie möglich« Jens Lehmann, CDU-Sportpolitiker, Olympiasieger und Weltmeister im Bahnradfahren, sieht in der Neuaufstellung der Spitzensportförderung eine Chance. Nachdem es 35 Jahre lang im Medaillenspiegel bergab ging, könne Deutschland wieder erfolgreicher sein Herr Lehmann, die Bundesregie- rung will die Förderung des Spitzen- sports forcieren. Ist Erfolg eine Frage des Geldes? Jein. Man sagt im Allgemeinen, Geld schießt keine Tore. Und Geld ist auch kein alleiniger Garant für Erfolg. Aber wenn wir im internationalen Ver- gleich mehr Erfolg haben wollen, brauchen wir adäquate Mittel. Wich- tig ist, dass es ausreichend Mittel sind und dass sie zielgerecht angewandt werden. zig dem großen Ziel verpflichtet sein, wieder erfolgreicher zu werden. Sie soll die Spitzensportförderung insge- samt neu aufstellen und sie kriterien- und datenbasiert machen. Hinter al- lem steht der Wille, den Leistungsge- danken in den Vordergrund aller Ent- scheidungen zu stellen. Das kann den Kader betreffen, Standortfragen oder auch den Kontakt zu Trainern und Trainerinnen. Ich bin sehr froh, dass es das jetzt gibt und klar priori- siert wird, was man will. Im Koalitionsvertrag hat die Bun- desregierung vereinbart, einen ech- ten „Paradigmenwechsel“ in der Spitzensportförderung zu vollzie- hen – dies auch vor dem Hinter- grund der laufenden Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland. Woran hat es denn in der Vergangenheit geha- pert? Ehrlich gesagt gab es zu viele Köche und keine klare Zielsetzung. Was sollte Ihrer Meinung nach die Zielsetzung sein? Seit 35 Jahren geht es für uns im Me- daillenspiegel bergab. Mein Ziel als Jens Lehmann ist, so viele olympi- sche Medaillen wie möglich zu ge- winnen. Das ist meine Haltung, die ich vertrete, seit ich im Bundestag bin. Und wenn man das will, muss man einen Weg finden, wie man das macht. Wie könnte der aussehen? Man könnte sich bei der Förderung zum Beispiel besonders auf die viel- versprechendsten Athletinnen und Athleten und Sportarten konzentrie- ren. Andere Länder wie Großbritan- nien, Frankreich, Australien gehen ei- nen ähnlichen Weg. Man kann aber auch etwas ganz anderes wollen, man könnte zum Beispiel das Ziel verfolgen, alle gleich zu fördern. Man kann aber nicht beides haben, alle gleich zu fördern und im Medaillen- spiegel nach vorne zu kommen, das geht nicht. Die Bundesregierung will als Kern- element der Reform eine unabhängi- ge Spitzensport-Agentur gründen. Was versprechen Sie sich von ihr? Die Agentur soll unabhängig und ein- Bedroht das nicht die Autonomie des Sports? Natürlich ist der deutsche Sport auto- nom, aber ich glaube, steuern muss das eine Agentur, die das geschäfts- mäßig professionell betreibt und auch nicht mehr oder weniger nach rechts und links und allen möglichen subjektiven Dingen guckt, sondern die reine Lehre so gut wie möglich vertritt. Anders als ursprünglich geplant erhält der Deutsche Sport-Bund (DOSB) jetzt drei Sitze im nun neun- statt fünfköpfigen Stiftungsrat. Au- ßerdem soll er ein Vetorecht bei der Besetzung der Vorstandsposten er- halten. Besteht damit nicht die Ge- fahr, dass er erneut massiv Einfluss auf die Verteilung der Fördermittel nehmen kann? Alles ist im Fluss. Jetzt ist erstmal das parlamentarische Verfahren eröffnet. Ursprünglich waren fünf Sitze im Stif- tungsrat geplant, was ich persönlich ausreichend fand. Je schlanker dieses Gremium ist, umso effektiver ist es. Jetzt hat man auf neun erhöht. Ich hoffe, das war die letzte Erhöhung. Keinen Sitz im Stiftungsrat hat ak- tuell die Athletenvertretung. Sollte da im parlamentarischen Verfahren nachgebessert werden? Mein oberstes Ziel ist, dass der Stif- tungsrat nicht noch größer wird, und ganz wichtig ist, dass die beiden Ge- schäftsführer unabhängig, fachlich exzellent und druckresistent sind, um Priorisierungen durchzusetzen, die nicht jedem gefallen werden. Sollten die Athleten, sollte der Be- hindertensport und andere Akteure vertreten sein? Ich persönlich bin der Überzeugung, dass dieser ganze Föderalismus nicht unbedingt übermäßig hilfreich ist. Ich bin Stadtrat in Leipzig, ich be- schließe in Berlin Gesetze – aber weiß nicht, wie ich in Leipzig meinen Leu- ten erklären soll, wie man das be- zahlt. Und das ist immer ein bisschen schwierig. Aber so ist es. Der Bund ist halt für den Spitzensport zuständig und das Land und die Kommunen für den Nachwuchs und den Breiten- sport. Für die Athletinnen und Athleten rücken, zunehmend auch persönli- che, familiäre und Fragen sozialer Sicherheit in den Vordergrund, nicht zuletzt die, wie es nach der sportli- chen Karriere weitergehen soll. Spie- len diese Fragen ebenfalls eine Rolle in dem Reformkonzept zur Leis- tungssportförderung? Da ist heute mehr Augenmerk drauf als es früher der Fall war. Die duale Karriere zum Beispiel ist wichtig. Auch in der Spitzensportreform wird das diskutiert und findet dort Wider- hall. Aber ich glaube, es gibt zwei Knackpunkte. Der eine ist der Über- gang von der Schule zur Berufsaus- bildung oder zum Studium, wo uns viele Athleten verloren gehen, weil die natürlich in dem Moment über- legen und sich fragen, was ihnen am wichtigsten ist. Da muss stärker auf die Bedingungen im Sportalltag ein- gegangen werden. Und der zweite? Der betrifft den Übergang vom Leis- tungssport ins zivile Leben. Da gibt es oft einen Bruch, weil viele im rela- tiv fortgeschrittenen Alter, also ab 30 Jahren, entweder noch keine Berufs- ausbildung beziehungsweise keine Berufserfahrung haben. Es bräuchte eine Möglichkeit ähnlich wie bei der Bundeswehr, die für Zeitsoldaten mit ihrem eigenen Berufsförde- rungsdienst eine berufliche Ent- wicklung bis zu drei Jahre lang fi- nanziell unterstützt. Das Interview führte Michael Schmidt. T Jens Lehmann ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Sport und Ehrenamt. © Tobias Koch Ja, unbedingt. Aber ich würde dafür plädieren, dass der DOSB dies inner- halb seiner drei Sitze regelt. Wir haben jetzt viel über die För- derung des Leistungssports gespro- chen. Aber was ist mit dem Breiten- sport? Wäre es nicht – auch mit Blick auf den Talentnachwuchs – sinnvoll, auch ihn stärker zu fördern? Das ist extrem wichtig. Die Spitzen- sportler und -sportlerinnen kommen ja alle irgendwo her, die fangen nicht als Olympiasieger an, sondern meis- tens in Verein und werden dann im besten Falle erfolgreich. Dafür ist die Infrastruktur wichtig. Apropos: Das Geld für die Infra- struktur scheint nur bedingt anzu- kommen. So bleiben Turnhallen maro- de, Schwimmbäder müssen schließen. Übungsleiter arbeiten meist ehrenamt- lich. Ist hier nicht eine Professionali- sierung nötig und damit auch mehr Geld? PARLAMENTARISCHES PROFIL Fußbälle sind vor ihr nicht sicher: Tina Winklmann Der Bundestag steckt voller Geheimnisse. Zum Beispiel sieht eines seiner Büros aus wie ein Sport-Fanshop, an den Wän- den hängen Schals verschiedener Fußballvereine, während auf dem Regal daneben kaum ein freier Platz ist: voll mit Maskottchen, Badges und anderen Devotionalien. Über 20 Bälle hier und da, „die sind vor mir nicht sicher“, sagt Tina Winklmann. Sie hält in ihrer Hand einen Kaffeebecher des FC Bayern München. Natürlich. „So klar war das nicht“, sagt sie. „Nürnberg wäre näher dran. Aber ich bin familiär vorgeprägt.“ Winklmann, 46, Abgeordnete der Grünen aus der Oberpfalz, braucht man nicht die Frage zu stellen, welchem Fachgebiet sie im Bundestag nachgeht. „Sport begleitete mich seit meiner Kindheit, ich wuchs in Vereinen auf“, sagt sie. Sie spielte Fußball und engagierte sich in der Leichtathletik, ist ausgebildete Rettungsschwimmerin. Auf der Libero- Position ausgebildet, kickt sie natürlich auch beim FC Bundestag. „Wir sind vergangenes Wochenende Europameister geworden“, sagt sie mit Blick auf das Turnier der Parlamentarier. Am Ende habe sie auch der schweizerischen Elf ausgeholfen, die sei mit einem Schrumpfkader an- gereist, und dann hätten sich noch Teilnehmer verletzt. „Wer miteinan- der schwitzt, redet anders miteinander“, fasst sie die Wechselwirkung zwischen Pille und Parlament zusammen. Das Büro, ihre direkte Art, die Lust am Frotzeln, die sofortige Augenhö- he: Winklmann wirkt wie der Idealtyp einer Sportpolitikerin. Sie spielt einem ständig Pässe zu. Und so kritisiert sie das von der Bundesregierung geplante Sportförder- gesetz hart, aber fair. „Wir brauchen ein Gesetz“, sagt Winklmann, „denn die Förderung ist bisher nicht geregelt, das ist eigentlich eine freiwillige Vereinbarung“. Ihr fehle aber die Transparenz. Und auch die avisierte Sportagentur begrüßt sie, „aber sie soll steuern und nicht nur Geld ver- soll Die geplante Sportagentur steuern und nicht nur Geld vertei- len, wie es im Entwurf steht. TINA WINKLMANN (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) © Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/Stefan Kaminski teilen, wie es im Entwurf steht“. Sie bemängelt eine fehlende Mitsprache der Athletinnen und Athleten, „dabei sind sie es, die bei uns Leidenschaft entfachen“. Und dass die Mitgliedschaft im Zentrum Safe Sport nun frei- willig sein solle, regt sie auf. „Wir brauchen im Sport sichere Räume!“ Ihr sei das geplante Gesetz zu unkonkret, zu hastig gestrickt, „da will jemand zu schnell liefern“. 28 Millionen Menschen sind in Deutschland in einem Sportverein. „Sportpolitik ist Gesellschaftspolitik. Wir erreichen alle.“ Mit 16 trat Winklmann den Grünen bei. Ein Jahr zuvor wurde sie Mitglied in der Gewerkschaft, mit Beginn ihrer Ausbildung zur Verfahrensmecha- nikerin für Kunststoff- und Kautschuktechnik. Aus einer politischen Fami- lie komme sie, „natürlich traditionellerweise alle für die CSU“, aber da gab es zwei Dinge. Zum einen sei ihre Familie von starken Frauen geprägt („meine Oma verdonnerte meine Mama und meine Tante zum Fußball- spielen, sie trägt die DFB-Ehrennadel in Gold“), und zum anderen habe ihr Vater stets ein Händchen dafür gehabt, sie nach ihrer Meinung zu fra- gen, mit ihr zu diskutieren. Zu den Grünen fand sie, weil ihr der Charakter als Bündnispartei gefiel, „man war weniger festgenagelt“. Außerdem en- gagiere diese sich am konsequentesten für Geschlechtergerechtigkeit. Für Winklmann bedeutete der Parteieintritt den Beginn von viel Ehren- amt. Kreisvorstand, Bezirksvorsitz, Parteirat der bayerischen Grünen – „irgendwann erwischte ich mich beim stillen Jammern, dass in der Po- litik so wenige Arbeiter sind“, sagt sie und beugt sich vor. Bis zu ihrem Einzug in den Bundestag arbeitete sie mehr als 20 Jahre im Dreischicht- betrieb bei Siemens, „Feilen, Fräsen und Erodieren, das macht mir einen großen Spaß“. Doch genau dies, so ihre Erkenntnis, war auch mitunter ein Grund für den Mangel an Arbeitern im Bundestag: „Arbeiter haben zu schaffen. Da bleibt kaum Zeit für Partei oder gar Wahlkampf.“ Auch sei Ar- beitern, die sich so etwas überlegen, klar: „Ich habe keinen doppelten Boden.“ Doch sie ging den Schritt nach vorn. Und bringt es auf den Punkt: „Sport ist Emotion. Politik ist Emotion. Dann trifft man aufeinan- der und schwitzt!“ Jan Rübel T