Das Parlament | Nr. 4-5 | 17. Januar 2026 THEMA DER WOCHE 3 Reform des Bürgergeldes drei Jahre nach der Einführung Mut machen und dranbleiben Zwei Jobcenter-Mitarbeiterinnen und ein Arbeitssuchender aus Berlin berichten von ihren Erfahrungen, Wünschen und Zielen Jacqueline Gür: Ohne Empathie könnte ich hier nicht arbeiten Ich zahle das Bürgergeld aus, bin also Leistungssachbearbeiterin im Job- center Berlin Mitte. Dazu braucht man neben dem Zahlenverständnis vor allem: Empathie. Zu mir kommen Jacqueline Gür arbeitet im Jobcenter Berlin Mitte. Leute, wenn sie Sorgen haben. Solch ein Gang fällt manchen schwer. Es geht ja um Grundbedürfnisse ihres Lebens, die sie allein oft nicht erfül- len können. Ich begegne ihnen auf gleicher Augenhöhe, versuche an- fangs die Situation vielleicht mit ei- nem Witz aufzulockern. Denn ich lie- be meinen Beruf, weil ich anderen Menschen helfen kann. Ich bin ge- lernte Bürokauffrau, und als ich er- fuhr, dass die Agentur für Arbeit Stel- len ausschreibt, habe ich mich sofort beworben, denn wir sind hier für Menschen in Notsituationen da. Die Menschen kommen zu mir, wenn zum Beispiel Geld nicht ausgezahlt Die Menschen müssen qualifiziert werden. Das geht nicht zum Nulltarif. JACQUELINE GÜR wurde, wenn sie Mietschulden haben oder eine andere Wohnung brau- chen. Gerade bei letzterem kann ich ihnen leider kaum Hoffnung machen, der Wohnungsmarkt in Berlin ist sehr angespannt. Ich gehe dann mit den Kunden ihre Akten durch und kon- trolliere, ob sie vielleicht Mitwir- kungspflichten verletzt haben und deshalb kein Geld an sie ging. Meine Erfahrung ist: Wenn man sich mit den Menschen hinsetzt, die Proble- me anspricht und gemeinsam mit ih- nen strukturiert vorgeht, sind sie sehr dankbar und kooperationsbereit. Es geht darum, gemeinsam mit ihnen den Blick nach vorn zu richten. Zum Beispiel bespreche ich oft die Mög- lichkeit einer Schuldnerberatung. Zuweilen wundert mich, wie in Deutschland über Arbeitslosigkeit ge- sprochen wird. Da heißt es dann, der Staat sei zu großzügig, und die Bür- gergeldempfänger müsse man härter rannehmen – von wegen soziale Hän- gematte. Aber: Was ich in meinem Alltag sehe, ist etwas anderes. Bei den allermeisten Bürgergeldemp- fängern ist es nicht so, dass sie nicht arbeiten wollen. Im Gegenteil. Aber viele sind in die Situation reinge- schlittert und finden den Weg nicht mehr heraus. So etwas kann auch krank machen oder Erkrankungen verstärken. Denn wenn man erstmal © Rübel in solch einem Trott drin ist, steigt der Druck auf einen selbst. Und der Frust. Es geht also mehr ums Können und nicht ums Wollen. Mein Beruf besteht darin, die Men- schen zu begleiten und in ihren Mög- lichkeiten zu bestärken, einen Job zu finden. Oft bemerke ich auf den zwei- ten Blick psychische Probleme. Nur weil man gesundheitlich fit aussieht, muss man es nicht sein. Aber das sind Tabuthemen, über die viel zu wenig ge- sprochen wird; dabei wirken sich psychische Erkrankungen auf die Arbeitsfähigkeit und die Arbeitssuche aus. Ich finde auch, dass 563 Euro im Monat nicht wirklich viel Geld sind. Ich hätte große Schwie- rigkeiten, damit auszu- kommen! Klar, wir sol- len kein Leben in Saus und Braus ermögli- chen, sondern wir sind eine Stütze. Aber oft höre ich von Außenste- henden, dass die Ar- beitslosen so viel Geld kriegen würden. Ich kann zum Beispiel Politiker nur dazu einladen, einmal einen Monat von 563 Euro zu leben. Oder sie können hier einen Tag bei mir Praktikum ma- chen – dann sehen sie die Menschen und ihre Schicksale, über die sie spre- chen. Und sie sehen den bürokrati- schen Aufwand, den wir betreiben müssen. Ich denke, da ließe sich eini- ges vereinfachen. Für eine Sache muss ich zuweilen drei Bescheide er- lassen; das müsste nicht sein. Eine Aufgabe sehe ich darin, das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken. Oft brauchen sie jemanden, bei dem sie ihre Gedanken um ihre Not ausschütten können. Die Gesprä- che, die ich mit meinen Kunden füh- re, sind oft sehr emotional. Und nicht selten weinen sie auch. Daher leuch- tet mir auch nicht ein, wo da jetzt so viel eingespart werden soll. Die Leute müssen doch qualifiziert werden, und das geht nicht zum Nulltarif. Bei den Regelleistungen sehe ich auch kaum Spielraum. Ich finde eher, sie sollten leicht nach oben angepasst werden – denn allein die Inflation lässt Menschen mit wenig Geld be- sonders leiden; sie geben überdurch- schnittlich viel ihres Einkommens für Lebensmittel aus, deren Preise be- sonders gestiegen sind. Eric Steinmann: Ich suche eine Arbeit mit Perspektive Seit zwei Jahren bin ich arbeitslos und suche intensiv einen Job, um meine Familie zu ernähren. Meine Er- fahrung ist, dass die allermeis- ten Leute, denen ich auf den Fluren im Jobcenter und ande- ren Behörden begegne, arbei- ten wollen – sie wollen weg vom Bürgergeld, suchen einen Weg nach vorn. Der ist nur oft schwieriger, als das von außen aussieht. Ich habe immer gearbeitet, in der DDR war ich Facharbeiter der habe dann in verschiedenen Berufen gearbeitet, darunter ein paar Jahre als Türsteher einer Disko- thek. Dann bin ich in die Si- cherheitsbranche gewechselt und habe 22 Jahre lang dort ge- arbeitet, mich hochgedient vom Sicherheitsmitarbeiter zum Qualitätsmanager, dann zum Personalchef, Teamleiter und Bereichsleiter. Unser Spe- Elektromechanik, zialgebiet war die Sicherung von Groß- veranstaltungen. Es kam zum Bruch, als mir eine 22-Jährige als Diensthöhere vorgesetzt wurde; es klappte nicht zwischen uns, da zog ich mich zurück und gab Aufga- ben ab. Vor zwei Jahren war ich 54 und habe mir grundsätzlich Gedanken über meine berufliche Zukunft ge- macht. Denn der Sicherheitsjob wird risikoreicher. Ich habe zwei kleine Kin- der, und ich merke, dass die Aggressi- vität stark zunimmt, dass neben Feu- erwehrleuten und Rettungssanitätern auch Sicherheitsmitarbeiter immer öf- ter attackiert werden. Ich bin nun aber nicht mehr der Jüngste. Zeit also, dass ich mich umorientiere. Auch ist die Bezahlung nicht großartig. Meine Frau arbeitet als Verkäuferin im Supermarkt und verdient mehr – und dies bei geregelten Arbeitszeiten, was in der Security kaum der Fall ist. Im- mer muss man auf Abruf sein. Im Jobcenter Berlin Pankow habe ich mich von Beginn an ernst genommen gefühlt. Die Sachbearbeiterin über- häufte mich mit Angeboten in der Elektronik – aber da habe ich seit 1990 nicht mehr gearbeitet, bin nicht quali- fiziert genug. Im Sicherheitsbereich könnte ich jederzeit anfangen, arbeite auch noch im Minijob. Aber ich weiß, dass ich da raus muss. Gerade den Bereich der Haustechnik Meine Sachbearbeite- rin kniet sich rein. Es ist ein Umgang auf Augenhöhe. ERIC STEINMANN kann ich mir gut vorstellen. Bei mei- nen Bewerbungen musste ich aber feststellen, dass viele Jobs so schlecht bezahlt werden, dass ich als Aufsto- cker im Bürgergeld bleiben würde: Das ist nicht, was ich mir vorstelle. Ich will ja weg von der Unterstützung. Ich ver- stehe nicht, warum der Staat es zuge- lassen hat, dass es so viele prekäre Be- schäftigung gibt, bei der der Staat auch noch draufzahlt. Es ist auch eine Frage der Würde. Bei anderen Bewerbungen kam ich zu spät, bei einer Stelle wurde mir gesagt, es sei eigentlich nur Trep- penreinigen. Ich nehme mir aber das Recht zu sagen: Das will ich nicht, ich möchte eine Arbeit, die mich persön- lich halbwegs ausfüllt. Wenn Politiker dann sagen, wer arbeitslos sei, solle auf irgendwas machen, plappern sie unerfahren daher. Wür- den sie so etwas tun? Man muss ja auch schauen, dass eine Beschäfti- gung eine Perspektive hat. Aktuell habe ich Aussicht auf eine Ar- beit im Krankentransport. Das würde ich sofort machen, wir sind uns auch jeden Fall schon einig. Nur warte ich noch auf die Erstellung des Personenbeförde- rungsscheins, den ich dafür brauche. Abends kann ich manchmal nicht ein- schlafen aus Sorge, denn vor 20 Jahren wurde mir einmal der Führerschein abgenommen. Daran war ich schuld, und das wurmt mich. Ich hoffe, dass mir diese Chance jetzt nicht vermas- selt wird. Den Umgang mit meiner Sachbearbei- terin finde ich würdevoll, sie kniet sich rein und begegnet mir auf Augenhöhe; dadurch fühle ich mich nicht als Bür- ger zweiter Klasse. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Arbeitslose als Sündenböcke her- halten. All diese Debatten, dass das Bürgergeld zusammengestrichen wer- den soll – darüber kann ich nur bitter lächeln. Natürlich muss bei den Leu- ten in der „sozialen Hängematte“ ge- nauer hingeschaut werden. Aber es wird so getan, als könne der Staat da so viel Geld einsparen. Das stimmt schlicht nicht, bei uns gibt es kaum et- was zu holen. Daher wünsche ich mir mehr Respekt. Janine Proll: Ich habe den Quereinstieg nie bereut Seit 2013 arbeite ich als Arbeitsver- mittlerin im Jobcenter Berlin Neu- kölln, und eine Sache sage ich meinen Kunden immer wieder: Bewerbt euch weiter, gebt nicht auf – es wird der Tag X kommen, da wird am anderen Ende des Tisches jemand sitzen und sagen, „Ich nehme Sie“. Denn meine Erfahrung aus diesen Jahren sagt mir, dass es so ist. Ich liebe meinen Beruf. Ich arbeite mit Men- schen, kommuniziere gern, und mein Job ist gespickt mit kleinen Er- folgserlebnissen. Denn im Gegensatz zu man- chen Vorstellungen von außen ist meine Arbeit nicht grau oder kalt, nicht bürokratisch und frustrierend. Dass jemand bei der Ar- beitsvermittlung wirk- lich nicht will, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Es wird diese Menschen geben, aber es ist nach meinem Ge- fühl eine geringe An- zahl. Daher verstehe ich kaum, warum in der Öf- fentlichkeit so viel über sie geredet wird. Ich vermute, man sucht Sünden- böcke. Aber wirklich lösungsorientiert finde ich das nicht. Ja, es kommt vor, dass Kunden eine bestimmte Arbeit nicht aufnehmen können: Wenn die Gesundheit oder die Wohnsituation es nicht zulassen, wenn familiäre Proble- me bestehen oder eine Sucht- problematik. Bei den Terminen denke ich mich in die Arbeitslo- sen hinein, mache mit ihnen ei- ne Stärkenanalyse und erarbeite Ziele. Das geht mal ganz fix, und mal dauert es eben etwas länger. Die Erfahrung von Arbeitslosig- keit habe ich auch selbst ge- macht. Ich habe Pädagogik stu- diert und bei den Staatlichen Museen in Berlin gearbeitet. Al- lerdings war der Vertrag befris- tet. Ich war gerade mit meinem zweiten Kind schwanger und habe nach einer Arbeit gesucht, in die ich mein Studium ein- bringen kann. Schon an der Uni gefiel mir besonders die Lebenslaufforschung. Also be- warb ich mich als Quereinstei- gerin. Mein Mann ging dann in Elternzeit. Es war ein Sprung Eric Steinmann wird vom Jobcenter in Pankow betreut. © Rübel ins kalte Wasser. Bereut habe ich ihn nicht, im Gegenteil. Ein bisschen Psychologie ist auch Teil meines Jobs. Denn oft erhalten meine Kunden auf ihre Bewerbungen nicht einmal eine Antwort. Das müssen sie aushalten. Ich finde, dass Arbeitgeber in Deutschland zu wenig mit den Be- werbern reden. Es läuft vieles über Pa- Ich denke mich in die Arbeitslosen hinein und ana- lysiere Stärken und Ziele. JANINE PROLL nicht Beruf pier, man ist auf Zertifikate fokussiert. In einem direkten Gespräch aber könnten sie vielleicht herausfinden, dass die Person doch geeignet ist und gut passt. Ich sage den Menschen, die eine Arbeit suchen, auch: Setzt euch eine Zeitschiene. Wenn es mit einem bestimmten klappt, braucht es einen Plan B. Seit 2024 arbeite ich in einem Team, das sich speziell um ukrainische Ge- flüchtete kümmert und um Geflüchte- te aus acht anderen Herkunftsländern. Auch hier ist meine Erfahrung: Der Großteil ist hochmotiviert und will sich eine Perspektive in Deutschland aufbauen. Sie wollen nicht in der Un- terkunft herumsitzen und nichts tun – das belastet ja auch mental. Sie wol- Janine Proll arbeitet im Jobcenter Berlin-Neukölln. © Rübel len raus, richtig wohnen und richtig arbeiten. Manche haben ihre eigenen Vorstellungen, wo wir dann sagen müssen, dass sie sich erstmal umori- entieren müssen. Zum Beispiel kann ein Jurist aus der Ukraine nicht ein- fach als Jurist hier anfangen, denn das ist ein Beruf mit einem besonderen Anerkennungsverfahren. Ähnlich ist es auch in Gesundheitsberufen. Ich hatte neulich eine Physiotherapeutin aus der Ukraine, die gern sofort in ihrem Beruf hier eingestiegen wäre. Es gibt auch den Bedarf nach Fachkräften. Nur müsste sie nochmal ganz von vorn anfangen und ihre Ausbildung im Grunde wiederholen. In diesem Fall verstehe ich das nicht, da sollte meiner Meinung nach konkreter auf die jewei- lige Qualifizierung geschaut werden. Die Frau hat dann als Assistenz in ei- nem Therapiezentrum begonnen. Also nicht direkt in ihrem ursprünglichen Beruf, aber so kriegt sie einen Fuß in den deutschen Arbeitsmarkt. Meine Aufgabe besteht letztendlich zum Großteil darin, all meinen Kun- den immer wieder Mut zuzusprechen und sie auf den Tag X hinzuweisen, der früher oder später kommen wird. Porträts aufgezeichnet von Jan Rübel. T