Jahreswirtschaftsbericht 2026 : Der Weg zum Wachstum ist noch weit
Der Jahreswirtschaftsbericht enthält viele Ideen, aber wenig Konkretes, um die Wachstumskrise zu beenden. Dabei mangelt es nicht an Vorschlägen und Ideen.
Endlich. Deutschland wächst wieder. Ein Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2026 zulegen, so prognostiziert es die Bundesregierung in ihrem neuen Jahreswirtschaftsbericht. In den drei Jahren zuvor stagnierte die deutsche Wirtschaft.
Doch bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch hätten Außenstehende den Eindruck gewinnen können, dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) über eine andere Konjunkturprognose spricht. Es müssten "entschlossen und mutig" Reformen umgesetzt werden. "Wir müssen auf selbsttragendes Wirtschaftswachstum kommen", sagte Reiche.
Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, bei ihrer Ankunft in der Bundespressekonferenz, wo sie den Jahreswirtschaftsbericht 2026 vorgestellt hat.
Denn das eine Prozent Wachstum im laufenden Jahr ist eben genau das nicht: selbsttragend. Zwei Drittel des Wachstums gehen auf die erhöhten Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur zurück, die die Bundesregierung mit neuen Rekordschulden finanziert. Ein Drittel hängt daran, dass 2026 besonders viele Feiertage auf Wochenenden fallen.
Bundesregierung ist selbst der Ansicht, dass bisherige Vorhaben nicht ausreichen
Der Ruf nach Reformen, die den Wirtschaftsstandort wieder attraktiver machen, wird deshalb immer lauter. "Die Hausaufgaben am Standort Deutschland müssen jetzt erledigt werden", sagt Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).
Seit ihrem Amtsantritt im Mai 2025 war die Bundesregierung nicht untätig. Manches Gesetzesvorhaben zur Stärkung des Standorts ist schon in Kraft, andere in Arbeit. Doch auch die Regierung selbst ist der Ansicht, dass das nicht ausreicht. Im Jahreswirtschaftsbericht wird das an vielen Stellen deutlich. Die Frage allerdings ist: Welche Reformen müssen, welche können kommen?
25 Prozent runter mit Bürokratiekosten
Im Jahreswirtschaftsbericht finden sich sechs Handlungsfelder, in denen manche Reformen schon geschehen sind, aber noch vieles zu tun bleibt: Der Bürokratierückbau wird an erster Stelle genannt. Wer Unternehmen nach ihrem größten Problem fragt, erhält regelmäßig die zu hohe Last an Bürokratie als Antwort. Die Bundesregierung hat sich für den Bürokratieabbau ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Die Wirtschaft soll in der laufenden Legislaturperiode von 25 Prozent der Bürokratiekosten befreit werden.
„Regulierung sollte abgebaut werden, wo sie nicht zielführend oder sogar kontraproduktiv ist.“
Die Herausforderung: Die Wirtschaft wünscht sich, dass der bürokratische Aufwand nicht nur reduziert wird, sondern an bestimmten Stellen ganz wegfällt. Eine bloße Vereinfachung der Regeln reiche nicht aus, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm: "Regulierung sollte abgebaut werden, wo sie nicht zielführend oder sogar kontraproduktiv ist."
Auf dem zweiten Platz folgt die Infrastruktur: Am Geld liegt es nicht mehr. Mit der Einrichtung des 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögens für Infrastruktur hat der Staat so viele Mittel in der Hand wie nie zuvor, um die marode Infrastruktur zu sanieren. 2026 sollen die Investitionen des Bundes um 20 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr steigen, auf 118,2 Milliarden Euro.
Standort Deutschland fällt weiter zurück
Doch Geld allein hilft nicht. Brücken, Straßen und Schienen sind in Deutschland oft nicht aus finanziellen Gründen marode, sondern weil Planungs- und Genehmigungsverfahren lange dauern und kompliziert sind. Mit dem "Infrastruktur-Zukunftsgesetz" will die Bundesregierung das ändern. Es wird derzeit beraten. Ob es funktioniert, bleibt offen. Hinzu kommt, dass Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) vorgeworfen wird, mit dem Sondervermögen Haushaltslöcher zu stopfen.
Außerdem stehen Innovation und Steuern im Blickpunkt: Deutschland ist im Fortentwickeln bestehender Technologien weiter Weltspitze. Doch in der Erforschung neuer Technologien fällt der Standort immer weiter zurück. Der Rückstand im Hightech-Bereich hängt vor allem mit dem deutschen Kapitalmarkt zusammen. Innovative Unternehmen erhalten hierzulande oft nicht die finanziellen Mittel, die notwendig wären, und leiden unter einer zu hohen Steuerlast.
Das Problem mit dem Kapitalmarkt will die Bundesregierung mit dem "Deutschlandfonds" angehen. Der Bund will insgesamt 30 Milliarden Euro bereitstellen und damit 100 Milliarden Euro an privatem Kapital hebeln. Um die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen, soll zudem die Steuerbelastung sinken. Gestartet sind schon vergünstigte Abschreibungsregeln, ab 2028 soll die Körperschaftssteuer dann Jahr für Jahr fallen. Angesichts der wirtschaftlichen Schieflage will Ministerin Reiche die Senkung auf 2026 vorziehen.
Als Handlungsfeld vier nennt der Bericht Energiekosten. Deutschland weist im internationalen Vergleich sehr hohe Stromkosten auf, was vor allem die vielen energieintensiven Industriebetriebe vor Probleme stellt. Kurzfristige Antworten hat die Bundesregierung gegeben: Sie senkt die Stromsteuer, die Netzentgelte und führt einen Industriestrompreis ein.
Doch Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, warnt: "Eine mit Steuergeldern finanzierte Strompreissenkung für die Industrie ist keine Senkung der echten Energiekosten." Er fordert für die lange Frist "mehr marktwirtschaftliche Steuerung im Energiesystem". Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie- und Konjunkturforschung, hält hingegen Staatsbeteiligungen an Netzbetreibern für notwendig.
Demografischer Wandel gilt als größte Herausforderung
Außerdem widmet sich der Bericht dem Arbeitsangebot. Der demografische Wandel ist die vielleicht größte Herausforderung der Zukunft für den Standort. Mit Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus der Erwerbstätigkeit drohen immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen. Die Ausgangslage ist klar: Es braucht mehr Leute in Arbeit. Die Bundesregierung will die Einwanderung mit der "Work and stay"-Agentur verbessern, sie soll für ausländische Fachkräfte die Prozesse erleichtern, nach Deutschland zu kommen. Senioren sollen mit der schon beschlossenen Aktivrente mobilisiert werden: Wer über das Renteneintrittsalter hinaus arbeitet, kann sich über Steuervorteile freuen.
Doch viele Experten halten die Schritte für zu klein. Zahlreiche Wissenschaftler fordern weitgehende Rentenreformen, vor allem die Kopplung des Eintrittsalters an die Lebenserwartung. "Wir brauchen eine Reform", sagt die Wirtschaftsweisen-Vorsitzende Monika Schnitzer.
Schließlich gerät die Außenwirtschaft in die Krise. Die Abschottung durch US-Präsident Donald Trump und die Abkehr vom größten Exportmarkt China stellt für die deutsche Wirtschaft eine große Herausforderung dar. Sie ist wie kaum eine andere vom freien Handel abhängig. Handelsabkommen mit neuen Partnern können da helfen, vor allem die auf den Weg gebrachten mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten und Indien. Die Regierung drängt auf weitere Abschlüsse.
Eine vor äußeren Einflüssen besser geschützte Wirtschaft entsteht aber nicht zuletzt durch die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Gerade die Industrie steht unter Druck, manche Produktionen verschwinden bereits. Die Bundesregierung hat immer wieder erklärt, Schlüsselbranchen unbedingt halten zu wollen. Eine echte Strategie dafür sieht IMK-Direktor Dullien aber nicht: "Es fehlt eine angemessene industriepolitische Antwort auf die geopolitischen Herausforderungen."
Der Autor ist Korrespondent für Wirtschaftspolitik und Ökonomie beim Handelsblatt.
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