18 DAS POLITISCHE BUCH Das Parlament | Nr. 10 | 28. Februar 2026 »Die stete Kontrolle nervt« Der Soziologe Aladin El-Mafaalani analysiert in seinem neuen Buch »Misstrauensgemeinschaften«, warum das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Medien erodiert und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt Herr El-Mafaalani, der Startpunkt Ihres neuen Buchs war das Erleben Ihrer eigenen Rolle als Wissenschaft- ler. Erzählen Sie doch mal. Die Idee hat mehrere Wurzeln, aber der entscheidende Anstoß kam aus einer persönlichen Erfahrung. Seit der Pandemie wurden selbst Men- schen, die mich gut kennen, mir ge- genüber als Wissenschaftler skep- tisch. Nicht, weil sie mir als Person misstrauten, sondern weil ihr Ver- trauen in das Wissenschaftssystem erodiert war und das auf mich ab- färbte. Da wurde mir klar: Wenn Menschen, die mir ihr Kind anver- trauen würden, mir als Wissenschaft- ler nicht mehr vertrauen: Was bedeu- tet das für eine Gesellschaft, in der wir ständig Experten vertrauen müs- sen? Diese Beobachtung habe ich in Vorlesungen angesprochen, woraus wunderbare Diskussionen mit den Studierenden entstanden. Das ist ei- ne Generation, die in genau der Zeit aufgewachsen ist, in der sich das Misstrauen verstärkt hat – sie kennen die Zeit davor gar nicht. Ist dieses wachsende Misstrauen nicht eine logische Reaktion auf eine Welt, die für den Einzelnen immer komplexer und unkontrollierbarer wird? Mehr noch, es gibt einen paradoxen Zusammenhang. Soziologen haben sich lange gefragt, wie es überhaupt möglich war, dass sich Vertrauen so generalisiert, dass wir Unbekannten und abstrakten Institutionen vertrau- en: vom Piloten, der unser Flugzeug steuert, bis zum Bankensystem, in dem unser Geld liegt. Doch genau dieses Vertrauen hat unsere Gesell- schaften immer komplexer gemacht; es ist also ein zirkulärer Prozess. Ab einem bestimmten Punkt, so meine These, kippt das System. Es wird überkomplex. Menschen wissen nicht mehr, wem sie vertrauen sollen; zugleich werden die Systeme krisen- anfälliger. Jede Krise der letzten 20 Jahre hat dem Misstrauen neuen Schub gegeben, angefangen mit der Finanzkrise 2008. Damals fühlten sich viele in ihren Erwartungen ent- täuscht, ihr Vertrauen wurde gebro- chen. Das hat Misstrauensstrukturen in vielen gesellschaftlichen Bereichen etabliert, sogar im Geldsystem – den- ken Sie an Kryptowährungen wie den Bitcoin, den man ohne Weiteres als eine be- schreiben kann. „Misstrauenswährung“ Andererseits ist Misstrauen gegen- über dem Staat nichts Neues. Bereits in den 1980er-Jahren gab es zum Beispiel massiven Protest, als dieser eine Volkszählung – eine Sammlung der Daten seiner Bürger – durchfüh- ren wollte. Das war doch auch mani- festiertes Misstrauen. Absolut, und Misstrauen ist per se auch nichts Schlechtes. Ich würde es mit dem Immunsystem einer Gesell- schaft vergleichen: Es ist lebensnot- wendig, muss aber wohldosiert sein. Eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das System gegen den eigenen Körper richtet, ist verheerend. Das ist der Unterschied zwischen konstrukti- vem und destruktivem Misstrauen. Ihr Beispiel, die Volkszählung, oder auch kritische Juristen, die Medien, das ist Misstrauen im System. De- struktives, generalisiertes Misstrauen hingegen agiert von außen und zielt auf Zerstörung. Lässt sich sagen, bei wem sich eher konstruktives und bei wem destruk- tives Misstrauen entwickelt? Das müsste man psychologisch be- trachten. Doch aus Studien ist be- kannt, dass destruktives Misstrauen mit drei Faktoren stark korreliert: empfundener Bedrohung der eige- nen Identität, Entfremdungserfah- rungen und sozialer Ungleichheit. In- teressanterweise scheint die steigen- de Ungleichheit unter diesen jedoch der am wenigsten wichtige Faktor zu sein. Welt können sich diese Menschen begegnen. Sie sehen: Es gibt mehr, wir sind viele. Sie können sich wech- selseitig bestärken. Das ist der Punkt, an dem ich von einer „Vergemein- schaftung durch Misstrauen“ spre- che. So entstehen Misstrauensge- meinschaften. Ohne die digitale Welt hätte sich die Misstrauensstrukturen nicht in diesem Ausmaß bilden können. ALADIN EL-MAFAALANI Warum verfängt die Strategie po- pulistischer Akteure, dieses Miss- trauen zu bündeln, denn dann gera- de jetzt so stark? Meines Erachtens ist nicht zuneh- mendes Misstrauen entscheidend; das steigt je nach Indikator seit Jahr- zehnten. Wichtiger ist die Digitalisie- rung. In der vordigitalen Welt war ei- ne misstrauische Lebensführung an- strengend und trostlos. Wer dem Staat, der Regierung, den Medien misstraute, war isoliert, praktisch handlungsunfähig. In der digitalen Und diese Gemeinschaften schaf- fen sich eigene Strukturen? Genau. Das Misstrauen kanalisiert sich und entwickelt dauerhafte, sta- bile Strukturen, die parallel zu den etablierten laufen: eigene Medien, ei- ne eigene Währung, eigene Parteien. Ohne die digitale Welt hätten sich diese Misstrauensstrukturen nicht in diesem Ausmaß bilden können. Die Digitalisierung ist nicht die Ursache des Misstrauens. Doch sie ist der ent- scheidende Katalysator. Dabei fällt auf, dass sich diese Strukturen gern als „Alternative“ be- zeichnen – von der Partei bis zur Me- dizin. Das ist ein spannender Punkt. Der Be- griff „alternativ“ kam früher eher von links. Es ging darum, auf einem ande- ren Weg zum selben Ziel zu kommen oder in der Gesellschaft eine andere Lebensform zu praktizieren. Heute der Journalismus und die Wissen- schaft. Sie sind für die gemeinsame Problemwahrnehmung, für den öf- fentlichen Diskurs und für die Unter- scheidung von wahr und unwahr zu- ständig. Sie sind zentraler als in jeder anderen Gesellschaftsform. Wenn diese Systeme unter Druck geraten und instabil werden, wird eine libera- le Demokratie nach allem, was wir wissen, nicht funktionieren. Was können demokratische Regie- rungen und Parteien tun, um wieder glaubwürdiger zu werden – jenseits von Appellen und besserer Kommu- nikation? Ich glaube, die oberste Aufgabe ist nicht, Vertrauen zurückzugewinnen – sondern aufzuhören, weiteres Miss- trauen zu produzieren. Im Wahl- kampf Dinge zu versprechen und da- nach das Gegenteil zu tun, ist schon eine Weile eingeübte Praxis. Doch in einer Zeit, in der das Misstrauen oh- nehin schon hoch ist und viele eine düstere Zukunft erwarten, ist das fa- tal. Erwartungen aktiv zu erzeugen und sie dann abrupt zu enttäuschen, ist sozusagen die Definition von Ver- trauensverlust. Ein naheliegendes Beispiel dafür ist die Kehrtwende der CDU bei der Schuldenbremse in den zurücklie- genden Koalitionsverhandlungen. Genau. Inhaltlich kann man argu- mentieren, dass wir jahrelang von der Substanz gelebt haben und Investi- tionen überfällig sind. Dem würde ich auch zustimmen. Doch diese Er- kenntnis innerhalb von einer Woche zu präsentieren, nachdem man die Schuldenbremse jahrelang zum Man- tra erklärt hat, enttäuscht zu Recht die Erwartungen derer, die dieses Versprechen attraktiv fanden. In ge- festigten Vertrauenszeiten kann man solche Enttäuschungen verkraften. Aber irgendwann ist eine Schwelle er- reicht, dann kippt es. Von Vertrauen zu Misstrauen zu fallen, ist leicht – wie ein Glas, das vom Tisch fällt. Von Misstrauen zurück zu Vertrauen zu klettern, ist ein mühsamer Weg ge- gen die Schwerkraft. Was wäre der nächste Schritt? Der Staat muss seine Handlungsfä- higkeit verbessern. Dinge dauern zu lange, Projekte gelingen nicht. In al- len zentralen Staatsaufgaben – Vertei- digung, Bildung, Infrastruktur – liegt sehr vieles im Argen. Zugleich verzet- telt sich der Staat zu sehr in Details, die er im Grunde nicht regeln müsste. Es geht um eine klare Priorisierung und funktionierende Prozesse. Und es geht darum, wieder positive Zu- kunftserwartungen zu schaffen. Wer glaubt, dass sich die Gesellschaft ins- gesamt positiv entwickelt, ist grund- sätzlich vertrauensbereiter. Sie fordern auch, der Staat müsse seinerseits Bürgerinnen und Bür- gern mehr vertrauen... Ja, das sehen wir an der ausufernden Bürokratie und den Dokumentati- onspflichten in allen Bereichen, von der Pflege über die Wirtschaft bis ins Bildungssystem. Wer maßlos kontrol- liert, vertraut offensichtlich nicht. Und: Die stete Kontrolle hält die Menschen nicht nur von ihrer eigent- lichen Arbeit ab und nervt sie, sie ist auch ineffektiv, weil die Masse an Do- kumenten gar nicht geprüft werden kann. Ein sinnvollerer Ansatz wäre: weniger Kontrolle für alle, dafür här- tere Sanktionen bei nachgewiesenem Missbrauch. Das würde Vertrauen signalisieren, die Handlungsfähigkeit erhöhen und als gerechter empfun- den. Das Interview führte Jeannette Goddar T ZUR PERSON Aladin El-Mafaalani wurde 1978 als Kind eines aus Syrien eingewander- ten Akademikerehepaars im Ruhrge- biet geboren. 2011 promovierte er an Ruhr-Universität Bochum in Soziolo- gie. Seit 2024 ist er Professor für Mi- grations- und Bildungssoziologie an der Technischen Universität Dort- mund. Für seine wissenschaftliche Ar- beit erhielt er zahlreiche Auszeich- nungen, unter anderem den Preis für öffentliche Wirksamkeit der Deut- schen Gesellschaft für Soziologie und das Bundesverdienstkreuz. © Jennifer Fey/J.F. Photography bedeutet „alternativ“, gegen etwas zu sein. Schauen Sie sich das Protokoll des Bitcoins an: Es ist explizit als Geld konzipiert, das ohne Vertrauen aus- kommt und gegen das etablierte Geldsystem gerichtet ist. Dieses Mus- ter sehen wir in vielen Bereichen. Dass es sich durch alle gesellschaftli- chen Systeme zieht, zeigt, dass es mehr als eine kleine Tendenz ist – es ist ein Strukturmerkmal unserer Zeit. Wie gefährlich ist das für eine libe- rale Demokratie? Es kann sie auf jeden Fall gefährden. Wenn das generalisierte Vertrauen schwindet, werden unsere hochkom- plexen Gesellschaften instabiler. Für die liberale Demokratie sind drei Sys- teme existenziell: das Rechtssystem, Aladin El-Mafaalani: Misstrauens- gemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideo- logien. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025; 128 S., 16,00 €