2 THEMA DER WOCHE INTERVIEW MIT VIOLETTA BOCK Das Parlament | Nr. 25-26 | 13. Juni 2026 »Mieter in der Kostenfalle« Die Linken-Politikerin hält das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 angesichts der Energiepolitik der Koalition nicht mehr für erreichbar. Das Neubauprogramm für Gaskraftwerke lehnt sie ab. Eine soziale Staffelung der Förderung soll die Heizungsumstellung erleichtern Deutschland hat sich gesetzlich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden. Wenn Sie auf den aktuel- len Stand der Energiewende und die Arbeit der Regierungskoalition von Union und SPD blicken, halten Sie dieses Ziel noch für realistisch er- reichbar? Nein. Ich sehe bei dem, was die Ko- alition derzeit macht, nicht, wie die Klimaziele noch erreicht werden sol- len. Bei der Energiewende erleben wir gerade einen Rückschritt nach dem anderen. Dabei befinden wir uns in einer Klimakatastrophe, die sich global massiv auswirkt – mit Überschwemmungen, mit Hitze, mit Dürren, wo wir einfach gegensteuern müssen und auch können. Viele Ide- en liegen auf dem Tisch. Doch von Realisierungen ist im Moment zu we- nig zu sehen. Auch der Expertenrat für Klimafragen hat sich kritisch ge- äußert, dass das Klimaschutzpro- gramm nicht ausreichend ist. Aber die Koalition will ja was tun, zum Beispiel den Ausbau der erneu- erbaren Energien und dann als Si- cherheitsnetz Gaskraftwerke errich- ten, falls die Erneuerbaren bei soge- nannten Dunkelflauten nicht genug Strom liefern. Wie bewerten Sie diese Strategie? Wenn wir etwas gegen die Klimakrise machen wollen, dann darf man nicht weiter auf fossile Energien setzen. Es muss auf die erneuerbaren Energien gesetzt werden, und da brauchen wir vor allem Solarenergie und Wind- kraft. Und deswegen halte ich den Fokus auf den Ausbau von Gaskraft- werken für den falschen Weg. Wir als Linke fordern, die neuen Gas- und in Zukunft mit grünem Wasserstoff be- triebenen Kraftwerke vollständig in öffentlicher Hand zu betreiben. Sie haben vor der Gefahr einer fos- silen Kostenfalle gewarnt. Was mei- nen Sie damit? Fossile Energien wie Gas und Öl ge- hören schon jetzt zu den teuersten Energieträgern und werden absehbar noch teurer. Gerade anlässlich des Iran-Kriegs war zu sehen, wie die Preise steigen, und auch schon beim Ukraine-Krieg war das deutlich ge- worden. Wenn weiter fossile Heizun- gen zugelassen werden, dann wer- den vor allem diejenigen in diese Kostenfalle getrieben, die gar nicht darüber entscheiden können, welche Heizung bei ihnen in der Wohnung ist. Und das sind die Mieterinnen und Mieter, weil die Eigentümer ent- scheiden, welche Heizungen einge- baut sind. Aber es sind dann nicht die Eigentümer, die auch die Be- triebskosten bezahlen, sondern die landen bei den Mieterinnen und Mietern, die sich dagegen nicht weh- ren können. Aber die Befürworter dieser Geset- zesänderung, also die Koalition, be- tonen die neu gewonnene Wahlfrei- heit für die Eigentümer, dass sie un- ter bestimmten Bedingungen doch wieder Gasheizungen einbauen dür- fen. Das ist eine Freiheit, die sich allein danach richtet, wie viel Geld man hat. Und wenn die Koalition von Freiheit spricht, ist das die Freiheit der Gas- und Öl-Lobby, weiter auf Gas und Öl zu setzen. Für die Mehr- heit der Bevölkerung, die zur Miete lebt, kann doch von Freiheit keine Rede sein. Die Umstellung auf Heizen mit er- neuerbaren Energien wie mit Wär- mepumpen ist auch nicht gerade preiswert. Viele Eigentümer dürften Kosten in dieser Höhe kaum bezah- len können. Meine Fraktion hat schon das Gebäu- deenergiegesetz der letzten Regie- rung sehr kritisch gesehen, auch wenn die Vorgaben für erneuerbare Energien richtig waren. Denn es muss bei der Förderung mit sozialen Staffelungen nachgesteuert werden, damit auch tatsächlich jeder, der eine Wärmepumpe einbauen will, sich die Investitionskosten auch leis- ten kann. Es gibt zwar Förderpro- gramme, aber die müssen viel zielge- nauer werden. Was fordern Sie denn zum Schutz der Mieter, die ja keinerlei Einfluss auf die Sanierungsmaßnahmen ha- ben? Grundsätzlich muss in der Woh- nungsfrage viel mehr passieren. Es darf nicht sein, dass Wohnraum im- mer mehr zur Ware wird. Und deswe- gen fordern wir ja auch mehr öffentli- Viele Eigentümer dürften mit ei- ner Haussanierung auch überfor- dert sein. Gebraucht werden hier auch öffentli- che Förderprogramme, bei denen die Sanierung mit einer Sozialbindung verknüpft wird, damit die Kosten nicht über eine Modernisierungsum- lage umgelegt werden können. Gera- de kleine Eigentümer, die vielleicht eine Wohnung oder Selbstnutzer müssen durch sozial ge- staffelten Förderprogramme unter- stützt werden. vermieten Aber die Sanierung ist ein Riesen- aufwand. Hausbesitzer dürften mit der Organisation überfordert sein. Notwendig ist hier eine bessere Bera- tung zum Beispiel durch One-Stop- Shops, wo man quasi das ganze Paket bekommt, um ein Haus auf Vorder- mann zu bringen und nicht einzeln schauen muss, wie am besten vorge- gangen werden kann. Durch den anhaltenden Import von verflüssigtem LNG-Erdgas, vor allem aus den USA, hat sich ja die Struktur der Energieimporte stark verändert. Steuern wir hier sehen- den Auges in eine neue einseitige Ab- hängigkeit? Genau so ist es. Die Koalition will das Gespenst von Habeck aus dem Hei- zungskeller vertreiben, und jetzt sitzt Trump dort. Sich in eine Abhängig- keit zu begeben, ist ein sehr gefährli- ches Spiel. Aber das ist noch nicht al- les. Betrachtet werden muss auch die Situation im Lieferland. Und hier sind wir in Kontakt mit transatlanti- schen Netzwerken, wo Anwohner, die in den USA direkt an diesen LNG-Ter- minals wohnen, von massiven Um- weltzerstörungen vor Ort berichten. Das Interview führte Hans-Jürgen Leersch T Violetta Bock ist seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages und Obfrau der Fraktion Die Linke im Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen. Sie zog über die Landesliste Hessen in den Bundestag ein. Sie ist außerdem Mitglied im Beirat des Mieterbundes Nordhessen. © Jenny Marke chen Wohnraum und die Vergesell- schaftung von Wohnungskonzernen mit mehr als 3.000 Wohnungen. Viele der heutigen Probleme haben sich durch die Privatisierungen ergeben. Notwendig ist außerdem ein Mieten- deckel. Und wie sieht es mit den Betriebs- kosten aus, die zu einer immer höhe- ren Belastung werden? Wir wollen mehr Schutz für Mieterin- nen und Mieter bei den Betriebskos- ten, wo wir einen Heizkostendeckel fordern. Dabei muss die Wärmepum- pe als die effizienteste Heizungsart Benchmark werden. Der CO2-Preis muss vom Vermieter komplett be- zahlt werden, weil er schließlich ent- scheidet, welche Heizung eingebaut wird. Das wäre auch ein Anreiz, auf eine effizientere Wärmeversorgung umzustellen. Die Heizkosten insgesamt müssen zwischen Mietern und Vermietern aufgeteilt werden. Im Gebäudemo- dernisierungsgesetz ist nur die Auf- teilung von Bestandteilen vorgese- hen. Das reicht überhaupt nicht aus. Notwendig ist eine vollständige Auf- teilung, weil der Verbrauch sehr vom Zustand der Gebäude abhängt. PARLAMENTARISCHES PROFIL Sie hat gelernt, zu klären: Dunja Kreiser Dunja Kreiser hat eine tolle Idee für den Bundestag. „Es sollte mehr beworben werden, dass jede und jeder nach Nominie- rung für ein Bundestagsmandat kandidieren kann“, sagt sie. „So würde in der ganzen Gesellschaft mehr Euphorie für po- litische Teilhabe und Demokratie freigesetzt werden.“ Zu oft werde sie etwa bei Besuchen in Schulen gefragt, was man für den Bundestag stu- dieren müsse. „Unser Parlament soll aber doch die ganze Bevölkerung vertreten, Minderheiten, Frauen und Männer in gleichen Anteilen.“ Kreiser, 54, Abgeordnete für den Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel, re- flektiert mit ihrer Biografie gewiss einen nicht kleinen Personenkreis. Zwar verfügt sie mit ihrem Status als erste Abwassermeisterin Deutsch- lands in dieser Männerdomäne über ein gewisses Alleinstellungsmerk- mal, aber sie ist eben keine Juristin oder Politologin, an denen es im Bundestag nicht mangelt. „Ich bezeichne mich gern als Arbeiterin“, sagt die Sozialdemokratin. Auf die beiden Energiegesetze angespro- chen, über die aktuell im Bundestag debattiert wird, reibt sie sich die Hände. „Aus meinem Wahlkreis höre ich von den Unternehmen vor allem, dass sie stabile Strompreise und Verlässlichkeit haben wollen“, sagt sie. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien sei man vorangeschritten, „das sollte intensiv fortgesetzt“ werden. Aus der Koalition heraus wird nun geplant, den Bau neuer Gaskraftwerke zu beschließen, zur Garantie der Versorgungssicherheit – und wasserstofffähig sollen sie sein. „Letzteres ist ein Pluspunkt“, sagt Kreiser diplomatisch. „Aber wichtig wird es blei- ben, sich von den fossilen Energien abzuwenden, schon allein aus Grün- den der Preisstabilität.“ Zudem sei es wichtig, die Speicher weiter auszu- bauen und bidirektionales Laden zu ermöglichen. Neben diesem Strom-VKG berät der Bundestag auch den Entwurf eines Gebäudemodernisierungsgesetzes, eine Reform des Gesetzes also, das Wichtig bleibt es, sich von den fossi- len Energien abzuwenden, schon al- lein aus Gründen der Preisstabilität.“ DUNJA KREISER (SPD) © Photothek Media Lab/SPD-Fraktion einst als „Habecks Heizungshammer“ in die Schlagzeilen kam. „Das war kein Heizungshammer, sondern eine unglückliche Debatte“, sagt Kreiser. „Wenn die Union technologieoffener sein will, muss sie auch so ehrlich sein und den Verbrauchern sagen, dass die Preise bei fossilen Energieträ- gern steigen werden.“ Mit erneuerbaren Energien gebe es halt bessere Perspektiven für die Bürger. „Alles wird nun intern verhandelt, um verläss- liche Grundlagen zu schaffen.“ Wenn Kreiser über ihren Weg in den Bundestag spricht, hört sich alles fol- gerichtig an. „Ich komme aus einer stark politisierten Familie“, sagt sie. Die Eltern engagierten sich für die SPD auf Ortsebene, der Vater ein Kup- ferschmied oft auf Montage und später, wegen der Stahlkrise, umgesattelt auf Heil- und Erziehungspfleger, die Mutter eine Modistin in der Hut-Bran- che – „auch solch ein Beruf, den es irgendwann nicht mehr gab“. Kreiser selbst engagierte sich als Teenager im Jugendraum ihres Heimatdorfes Dettum und leitete ihn dann. Wurde mit ihrer Ausbildung Gewerkschafte- rin, war ehrenamtliche Betriebsrätin. Übernahm 2006 den Ortsvereinsvor- sitz der SPD und wurde 2011 Gemeindebürgermeisterin. Zog 2017 in den Landtag und 2021 in den Bundestag ein – stets direkt gewählt. Davor war sie jahrelang stellvertretende Betriebsleiterin bei der Kläranlage Wolfen- büttel gewesen. Man versteht, warum auf ihrer Website steht: „Als gebürti- ge Wolfenbüttlerin lebe und arbeite ich in meinem Wahlkreis.“ Das klingt selbstverständlich, unterstreicht aber ihre Verankerung in der Region. „Ich merkte, dass ich etwas schaffen kann, Gutes leisten kann“, erinnert sie sich an ihre Jugendzeit. Im Beruf sei sie von den männlichen Kollegen so- gleich akzeptiert worden, mochte den Fokus aufs Technische und auf das Ziel, für sauberes Wasser zu sorgen. Im Bundestag sitzt sie in den Ausschüs- sen für Umwelt und für Wirtschaft. Und wenn am Ende des Tages etwas Zeit bleibt, schnürt sie ihre Sportschuhe, „für einen kleinen Lauf im Regierungs- viertel, nur sechs Kilometer, und zu Hause ist es dann schon mehr“. Doch da klopft es an ihrem Büro im Paul-Löbe-Haus zum zweiten Mal. Wirt- schaftsvertreter aus der Heimatregion warten schon. Jan Rübel T