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Editorial
Hans-Jürgen Leersch
Haubitzen und Demokratie

VON HANS-JÜRGEN LEERSCH

Die Zeit, als der junge Franz Josef Jung 1968 in die Bundeswehr-Kaserne eilte und ein Vorrücken der Roten Armee über die Tschechoslowakei hinaus an Fulda vorbei tief nach Westdeutschland hinein nicht auszuschließen war, ist Geschichte. Heute ist Jung Verteidigungsminister in Berlin und kommandiert deutsche Truppen in Afghanistan - eine Vorstellung, die vor 40 Jahren nicht nur einem jungen Rekruten der Bundeswehr abenteuerlich vorgekommen, sondern in der Öffentlichkeit als Science Fiction abgetan worden wäre. Inzwischen ist all das Realität. Deutsche und Nato-Fahnen wehen am Hindukusch, und das Militärbündnis, das früher Divisionen zur Verteidigung der norddeutschen Tiefebene bereithielt, kämpft heute gegen einen Feind neuer Qualität: den Terrorismus. Dabei spielen Schlachtpläne keine Rolle mehr, sondern es geht um die Sicherung von Verkehrswegen und Rohstoffquellen, die von einem Gegner bedroht werden, von dem man nur weiß, dass er nicht uniformiert ist und sich nicht in Bataillonen organisiert.

Dieses Themenheft "60 Jahre Nato - die Zukunft der Sicherheitspolitik" widmet sich nicht nur der Geschichte der erfolgreichen Militärallianz, die ohne einen Schuss abzugeben die Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt für sich entschied. Es werden auch Antworten gesucht auf die Frage, warum immer mehr europäische und selbst kaukasische Länder in die Nato wollen, die beileibe nicht nur ein Bündnis von Armeen ist, sondern auch ein politisches Gebilde darstellt, dessen Fundament die Demokratie ist. Dabei wird ein Schlaglicht auch auf Russland geworfen. Misstrauisch beäugt der Kreml die Versuche, die Nato-Grenzen direkt bis an seine unmittelbaren Grenzen auszudehnen. Im Baltikum ist dieser Zustand schon erreicht. Gegen den Beitritt der Ukraine fand der russische Präsident Medwedew bei seinem Besuch in Berlin im Sommer 2008 drastische Worte. Die weitere Ausdehnung der Nato ist unter den Mitgliedsländern umstritten, und es ist sehr schwer einzuschätzen, wie Moskau in Zukunft reagieren wird.

Auch die neue amerikanische Regierung wird durch eine veränderte Außenpolitik eine Wirkung auf das Bündnis haben. Bisher hat jede neue Administration in Washington ihre Akzente anders gesetzt. Im Fall von Barack Obama könnte das vielleicht heißen, das der neue Präsident mehr Engagement der Europäer in Afghanistan verlangt und von den Deutschen, dass sie Soldaten in den heiß umkämpften Süden des Landes schicken und nicht nur anderen Armeen ihre Panzerhaubitzen leihen.

Der Nato-Jubiläumsgipfel am 3. und 4. April 2009 in Straßburg und Baden-Baden wird daher weniger vom Blick zurück auf die letzten 60 Jahre geprägt sein, sondern sich mit den Zukunftsfragen befassen. Aber das zeigt auch etwas Gutes: Die Nato ist nach dem Ende des Kalten Krieges nicht erstarrt, sondern zum einen höchst attraktiv und zum anderen auch bereit, sich auf die veränderte Weltlage einzustellen und zukunftsfähig zu bleiben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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