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Nicole Tepasse
Schwimmendes Eisen

KLIMA Wissenschaftler forschen im Südatlantik. Mögliche Ergebnisse sorgen schon jetzt für Streit

Nördlich des 50. Breitengrades im Südatlantik haben es 48 Meeresforscher seit dem 26. Januar eilig. Sie müssen die Zeit aufholen, die man viele tausend Kilometer weiter nördlich in Deutschland benötigt hat, um mit Hilfe von Gutachten festzustellen, dass auf dem Forschungsschiff "Polarstern" und beim Forschungsprojekt Lohafex alles mit rechten Dingen zugeht. "Wir sind sehr erleichtert, dass wir jetzt mit dem Experiment beginnen können", erklärt Margarete Pauls vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Auch die Besatzung sei froh, dass die Vorbereitungen der vergangenen Jahre nicht umsonst gewesen seien. "Es musste jetzt einfach losgehen."

Aber der Reihe nach: 2005 vereinbarten das AWI und das indische National Institute of Oceanography ihre Zusammenarbeit in der Meeresforschung, die seither unter dem Kürzel Lohafex läuft. Loha ist das Hindi-Wort für Eisen und Fex steht für Fertilization Experiment. Der Name ist Programm: Eine ausgesuchte Stelle des Ozeans wird mit Eisen gedüngt. Anschließend wollen die Forscher beobachten, welche Auswirkungen das Eisen auf das Ozeansystem und genauer auf die Zusammensetzung des Planktons hat. Aber es geht auch um die Frage - und das ist der strittige Punkt -, ob die durch die Eisendüngung entstehenden Algen Kohlendioxid aus dem Meer binden können.

Am 7. Januar brach das Forschungsschiff "Polarstern" nach vier Jahren Vorbereitung von Kapstadt in den Südatlantik auf. An Bord sind Wissenschaftler aus Deutschland, Indien, Italien, Spanien, Großbritannien und Chile. Beinahe zeitgleich begann der Protest gegen das Projekt und die geplanten Experimente. Die Aktionskonferenz Nordsee und der WWF kritisierten, Lohafex verstoße gegen die 2008 verabschiedete UN-Konvention über die biologische Vielfalt. "Dieses Experiment soll der Türöffner für die kommerzielle Nutzung sein", kritisiert Peter Willers von der Aktionskonferenz Nordsee. Die Konvention verbiete sowohl die großflächige als auch die kommerzielle Eisendüngung der Meere.

Streit zwischen Ministerien

Die Kritik blieb nicht folgenlos. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stoppte das Experiment, nachdem es vom Bundesumweltministerium darum gebeten worden war. Vier Gutachten wurden in Auftrag gegeben, um die Vorwürfe zu klären. Seit dem 26. Januar liegen die Ergebnisse vor. "Die Gutachten stellen fest, dass das Vorhaben auf Hoher See im Südatlantik unter Umweltgesichtspunkten unbedenklich ist und im Einklang mit den völkerrechtlichen Vorgaben steht", erklärte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) und gab grünes Licht.

Geglättet sind die Wogen damit noch nicht. Lauter Protest kommt jetzt aus dem Bundesumweltministerium (BMU). "Einige Fragen der Risikobewertung sind nicht geklärt", sagte Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär beim BMU, am 28. Januar im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. "Ich will nicht verhehlen, dass wir sehr verstimmt sind", erklärte er im Hinblick auf die Fortsetzung des Experiments. Gutachten des Bundesumweltamtes und des Bundesamtes für Naturschutz sähen Mängel an den vier anderen Gutachten. Es sei nicht abschließend geklärt, ob Lohafex mit der UN-Konvention vereinbar sei. "Auf der Konferenz zur Biologischen Vielfalt sind derartige Experimente abgelehnt worden", beharrte Müller. Das BMU fühle sich der Konvention verpflichtet.

An dieser Verpflichtung rüttelt auch im Ausschuss niemand. Alle Abgeordneten waren sich einig, dass Eisendüngung nicht Teil des Emissionshandels werden könne und solle. "Das Vorhaben steht im Einklang mit dem internationalen Seerecht. In ihm wird sogar zur Forschung zum Schutz der marinen Umwelt aufgerufen", erklärte Michael Kretschmer von der CDU/CSU-Fraktion. "Wir befürworten die Grundlagenforschung im Rahmen von Lohafex. Eine kommerzielle oder großflächige Düngung lehnen wir ab. Aber darum geht es bei Lohafex ja auch nicht", machte René Röspel (SPD) die Position seiner Fraktion deutlich.

Das bestätigte auch die Direktorin des AWI, Karin Lochte, den Abgeordneten noch einmal: "Lohafex ist ein rein wissenschaftliches Experiment, und es gibt keine Verbindung mit der Privatwirtschaft." Sie sei bestürzt, dass sich eine solch kontroverse Diskussion aufgrund falscher Informationen entzündet habe. "Wir hoffen, dass wir mit dem Experiment zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen können", erklärte Lochte.

Verzögerung kritisiert

Darauf hofft auch Krista Sager von Bündnis 90/Die Grünen. "Es war richtig, die Vorwürfe, mit Lohafex werde gegen das vereinbarte Moratorium verstoßen, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und auf der Basis von zusätzlichen Gutachten zu überprüfen", so Sager. Schließlich sei das Moratorium zur Düngung der Ozeane ein großer Fortschritt. Ein Antrag ihrer Fraktion (16/11760), in dem die Abgeordneten fordern, dass das Moratorium uneingeschränkt beachtet wird, wurde vom Bundestag am 29. Januar an den Forschungsausschuss überwiesen.

Cornelia Pieper (FDP) kritisierte die "Verzögerungstaktik" und die "Blockade" des BMU. "Jeder verlorene Tag während der Algenblüte bedeutet einen hohen Erkenntnisverlust." Das sieht Petra Sitte (Die Linke) ähnlich, die den "fahrlässigen und wenig kooperativen Umgang der Bundesministerien" kritisierte.

Im Südatlantik läuft das Experiment derweil auf Hochtouren. Auf einer Fläche von 300 Quadratkilometern haben die Forscher das Eisensulfat ausgebracht. Jetzt beobachten sie die Folgen der Düngung. Wenn nichts mehr dazwischen kommt, haben sie dafür bis Mitte März Zeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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