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Aureliana Sorrento
Wo der Zynismus keinen Platz hat

SÜDItalien Roberto Savianos wütendes Buch über ein Land im Kriegszustand

Der Titel könnte den Leser in die Irre führen. Geht es Roberto Saviano nun darum geht, das Leben zu feiern, nachdem er das Totenreich der Camorra in "Gomorrha" beschrieben hat? Sein jüngstes Werk "Das Gegenteil von Tod", ein schmaler Band, gibt sich zunächst als Hommage an diejenigen, die im Reich der Camorra leben, mit den Machenschaften der Bosse aber nichts zu tun haben wollen. Es sind normale Menschen, die sich nur Normales wünschen: Arbeit, Liebe, eine Familie.

Da ist etwa Maria, die heiraten wollte, und stets eine Strophe des Lieds "Carmela" vom Sänger Sergio Bruni vor sich hin summt: "Wenn die Liebe das Gegenteil von Tod ist". Von ihr erfährt der Ich-Erzähler, der freilich niemand anders ist als der Autor selbst, dass sich das Wort "Liebe" heute noch ohne Peinlichkeit aussprechen lässt: "Es gibt einen Moment, an dem ein von zu vielen Mündern heruntergeleiertes und von zu vielen achtlosen Händen abgegriffenes Wort wieder zu seiner Reinheit zurückfindet", schwant es ihm nach der Begegnung mit Maria. Denn Maria ist eine Witwe, eine 17-jährige Kinderwitwe, davon überzeugt, ihren Verlobten Gaetano dem Tod dadurch entreißen zu können, dass sie ihn weiterhin liebt. Gaetano hatte beim Militär angeheuert, war zur Friedensmission nach Afghanistan geschickt worden und kam als zerfetzte Leiche nach Hause zurück. So wie viele andere junge Männer in Süditalien, denen zum Geldverdienen nichts anderes übrig bleibt, als für die italienische Armee in Kriegen fern der Heimat zu sterben, oder im Dienst der Camorra zu töten und zu krepieren. Dass es im Grunde keinen Unterschied gibt zwischen den einen und den anderen Söldnern, macht Saviano deutlich, indem er den Tod Gaetanos in Afghanistan mit jenem Salvatores vergleicht.

Die Erkennungsmarke

Salvatore war einer der Jungs, die im Auftrag der Clans Kokain beladene Lastwagen mit einem Auto eskortierten, und auf Straßensperren zurasten, um die Polizisten vom Transport abzulenken. Aber einmal kam Salvatore von der Straße ab, sein Körper wurde im Auto verkohlt aufgefunden und identifiziert an der Erkennungsmarke, die er am Halse trug: ein Anhänger mit Vor- und Nachname, Blutgruppe, Geburtsort und -datum, den jeder in Süditalien trägt. Die Erkennungsmarke, schreibt Saviano, ist "das Kennzeichen für ein Land im Kriegszustand. Für ein Land, von dem sich ein Teil im Kriegszustand befindet, aber das Land weiß es nicht." Ein Land, in dem der Tod zum Alltag gehört - in einem solchen Land kann nicht das Leben, sondern nur die Liebe "das Gegenteil von Tod" sein.

In der zweiten Erzählung des Buches ist hingegen von Wut die Rede. Savianos Wut. Der Schriftsteller gibt seine Wut über die Ignoranz, das Missverstehen, das Nicht-Verstehen-Wollen all derjenigen zu Protokoll, die anderswo geboren, von Anfang an fein raus sind aus dem Reich des Todes. Am Beispiel eines Mädchens aus dem Norden, das einst in seinen Heimatort zu Besuch kam, alles falsch deutete, was es sah, Jahre später als Journalistin wieder auftauchte, um wieder dämliche, unterstellende, unverständige Fragen zu stellen, macht der Schriftsteller die Distanz deutlich zwischen den glücklich Ahnungslosen, die nördlich von Neapel aufgewachsen sind, und allen, die per Zufall unterhalb der neapolitanischen Grenze auf die Welt kamen.

Die einen können nicht umhin, Süditalien an ihrer heilen Welt zu messen, die anderen sind von Geburt an Verdammte, von Anfang an Verstrickte in eine Realität, in der man nur Täter oder Opfer, Jäger oder Gejagter sein kann. "Gomorrha" war der Versuch, die glücklich Ahnungslosen aus der heilen Welt aufzuklären. In "Das Gegenteil von Tod" bekennt Saviano seine Liebe zur eigenen, gewiss unheilen, schauderhaft geschunden Welt - und zugleich die Wut, die ihn antrieb, über sie zu schreiben. Hoffentlich wird dem von der Camorra gejagten Schriftsteller noch viel Lebenszeit vergönnt, seine Wut loszuwerden.

Roberto Saviano:

Das Gegenteil von Tod.

Carl Hanser Verlag, München 2009; 71 S., 10 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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