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Florian Willershausen
Schluss mit großen Worten

RUSSLAND Schuldenlast erstickt Expansion und Investitionen

Im französischen Deauville, einem noblen Badeort in der Normandie, lehnte sich Alexej Miller einmal ganz weit aus dem Fenster. "Wir sind sicher, dass wir innerhalb von sieben bis zehn Jahren die weltweite Nummer Eins werden", prophezeite der Chef des russischen Staatskonzerns Gazprom vor Journalisten. Der Ölpreis werde sich bei 250 Dollar einpendeln, die Marktkapitalisierung eine Billion US-Dollar erreichen. Dadurch würde Gazprom zum größten Unternehmen der Welt werden. Der denkwürdige Auftritt datiert auf den 9. Juni 2008. Seither ist der Börsenwert um mehr als zwei Drittel auf unter 100 Milliarden Dollar gesunken. Im letzten Quartal des vorigen Jahres fuhr Gazprom einen Verlust von 7,7 Milliarden Dollar ein. Derweil drückt die Last eines Schuldenbergs in Höhe von knapp 50 Milliarden Dollar. Jetzt konzentriert sich das Management um Alexej Miller auf die Bedienung der Auslandsschulden. Der Fall ist symptomatisch für die gesamte Branche.

Agressive Expansion

Russlands Öl- und Gasriesen nutzten während des Rohstoffbooms die sprudelnden Exporteinnahmen und billige Auslandskredite, um ihre aggressive Expansion in Europa zu finanzieren: Der Ölkonzern Lukoil kaufte Tankstellen und Raffinerien in Südeuropa, Rosneft stieg durch die Übernahme der Yukos-Werte und die Fusion mit regionalen Konkurrenten zu Russlands größtem Ölförderer auf, Gazprom schaffte über die Beteiligung am Gashändler Wingas den Einstieg ins lukrative deutsche Endkundengeschäft und beteiligte sich an Stromherstellern. Es waren vor allem hohe Margen, die russische Konzerne nach Europa lockten. Denn anders als im Westen werden die Energiepreise im Osten niedrig gehalten. Kein Wunder, dass Gazprom zuletzt zwei Drittel des Umsatzes im Ausland erzielte, obwohl nur ein Drittel des geförderten Gases über die Grenzen floss. Die Auslandsexpansion war freilich auch politisch gewollt. Insbesondere Gazprom sollte durch bloße Präsenz die Macht der wieder auferstandenen Energiemacht Russland demonstrieren.

Die Expansion ist Ausdruck des neuen russischen Selbstbewusstseins, der Gasreichtum begründet die Stärke eines lange Zeit unterschätzten Landes - und dessen Schwäche. Der unsichtbare Schatz, auf den sich das Selbstbewusstsein gründet, liegt an einem unwirtlichen Ort, tief vergraben unter einer weißen Wüste, fernab am Ende der Welt. Hier fließt das Gros des Erdgases, das Gazprom nach Europa exportiert. Aber nicht mehr lange. Russlands förderbare Gasreserven gehen zur Neige. Zu achtzig Prozent, schätzen Experten, sind die profitabel förderbaren Ressourcen in der Urengoi-Region ausgebeutet. Natürlich verfügt Russland über Nachschub; das Gazprom-Imperium kontrolliert ein Sechstel der weltweiten Gasreserven. Diese aber aus dem Boden zu pumpen, wird immer teurer.

Denn der kostbare Rohstoff liegt auf dem Grund des Polarmeers, in drei Kilometern Tiefe unter den fast erschöpften Urengoi-Reserven oder auf der kaum erschlossenen Jamal-Halbinsel weiter nördlich - in Gegenden also, die nur mit enormem technischen und finanziellen Aufwand zugänglich gemacht werden können. Man könnte meinen, dass es angesichts des jahrelangen Rohstoff-Booms nicht an den Mitteln für solche Investitionen fehlt. Doch bei Gazprom setzte man andere Prioritäten: Der Konzern kaufte sich ins weißrussische Pipelinenetz ein - und halbierte 2008 die Investitionen für das Schtokman-Feld in der Barentssee. Nun pendelt sich der Ölpreis bei etwa 50 Dollar pro Barrel ein - und zieht den Gaspreis mit in den Keller.

Weniger Investitionen

Deswegen erwägt Gazprom, das Investitionsprogramm für 2009 um ein Drittel auf knapp 16 Milliarden Dollar zu kürzen. Der Mammutanteil davon flösse sowieso nicht in die Erschließung neuer Vorkommen, sondern in den Bau der "Ostsee-Pipeline" und in die Modernisierung inländischer Leitungen. Es ist nicht allein der sinkende Öl- und der daran gekoppelte Gaspreis, der Russlands Energieriesen in die Bredouille bringt. Vielmehr haben die Konzerne in hohem Maße Schulden angehäuft als Kredite noch billig waren, besichert mit Aktien, die 2008 noch viermal so viel wert waren wie heute. Jetzt betteln Gazprom, Lukoil und Rosneft um Staatshilfe in Milliardenhöhe, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. Die russische Regierung half den Unternehmen aus der Klemme. Trotzdem hindern die Schulden daran, für Investitionen neue Kredite aufnehmen zu können.

Der Investitionsstau lässt sich nicht von heute auf morgen beheben, sondern erst, wenn die Finanzkrise überstanden ist. Es ist zu vermuten, dass Russland in den nächsten Jahren angesichts dessen und mangels profitabel förderbarer Öl- und Gasreserven weniger mit den Muskeln spielen wird - und die Auslandsexpansion bis auf weiteres abgebremst ist. Erst Recht dürfte aus dem hehren Ziel nichts werden, Gazprom bis 2018 zum weltgrößten Unternehmen aufzupäppeln.

Florian Willershausen ist Korrespondent der "Wirtschaftswoche" in Moskau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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