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Jörg von Bilavsky
Ein rotes Tuch

Parteien Hubertus Knabe bläst zum Angriff auf Die Linke und zur Verteidigung der Demokratie

Er weiß, was er will. Und er will es mit allen Mitteln erreichen. Hubertus Knabe scheut keine Polemik, Provokation oder Pointe, um Gregor Gysi und seine Genossen als Erzfeinde der Demokratie und der Freiheit zu entlarven. Wenn es um die Herkunft, die Politik und das Personal der Linken geht, sieht der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Stasi überall rot. Am Horizont der Finanz- und Wirtschaftskrise erscheint ihm das "Gespenst des Kommunismus" in Gestalt dieser Partei. Dass die Linke nach jüngsten Meinungsumfragen an Zuspruch verloren hat und nicht als der Retter in der Not gilt, wird ihn kaum beruhigen. Der "Gespensterjäger" hat seine rhetorischen Waffen längst gezückt und gewetzt. Unerschrocken bläst er erneut zum Angriff gegen die "Kommunisten" und zur Verteidigung der Berliner Republik.

Ob Knabe mit seinen scharfzüngigen Ver-balattacken der Demokratie dient und der Linken wirklich schadet, ist nach Lektüre seiner politischen Anklageschrift zumindest fraglich. Glaubt er doch die "Wahrheit über Die Linke" zu besitzen und sie ebenso populistisch verkünden zu müssen wie seine Gegner ihre politischen Parolen. Für einen gewissenhaften Historiker eigentlich ein Tabu, für einen gnadenlosen Aufklärer im Medienzirkus aber vielleicht die einzige Möglichkeit, über die Fachkreise hinaus Gehör zu finden.

Geschichtsverständnis

Obgleich Knabe weder mit neuen Erkenntnissen, Enthüllungen oder Skandalen aufwarten kann, überraschen die von ihm fleißig zusammengetragenen Fakten zum Geschichtsverständnis, zum Geschäftsgebaren und zu den Geheimdienstverstrickungen einzelner hoch- rangiger Parteimitglieder immer wieder. Dass die Linke nach wie vor ein sehr eigenwilliges - um nicht zu sagen - einseitiges Verhältnis zur Geschichte der SED und der DDR pflegt, gerät 20 Jahre nach dem Mauerfall und angesichts der aktuellen Probleme leicht in Vergessenheit.

Auch wenn zwischen Rosa Luxemburg, Walter Ulbricht, Erich Honecker und Gregor Gysi nicht die von Knabe herbeigeschriebene Traditionslinie existiert, so bleibt der Umgang der Partei mit ihrem historischen Erbe mehr als problematisch. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren ebenso Feinde der Weimarer Demokratie wie Ernst Thälmann, der sie mit Stalins Hilfe vernichten wollte. Ihr Andenken unkritisch zu wahren und das Unrecht der SED-Herrschaft mit Hinweis auf die positiven Seiten des damaligen Staatssozialismus zu relativieren und zu verharmlosen, spricht nicht gerade für eine differenzierte Aufarbeitung der DDR-Geschichte, wie sie Gysi von anderen immer wieder fordert.

Für die Verfehlungen und Verbrechen ihrer Vorgänger kann man die Nachfolgepartei der SED nur bedingt haftbar machen, auch wenn Knabe Die Linke bereits dafür lieber heute als morgen auf dem "Müllhaufen der Geschichte" sähe. Wohl aber darf und muss man hinterfragen, ob sie die unheilvolle Politik ihrer Ahnen unter dem "Deckmäntelchen" des "demokratischen Sozialismus" nicht doch weiterbetreiben wollen. Obwohl selbst Lafontaine mittlerweile öffentlich von Marx und Engels schwärmt und in der Partei immer wieder der Ruf nach der Überwindung des Kapitalismus oder des "Systemwechsels" laut wird, vermag sie diese Ziele in der Praxis kaum zu verwirklichen. Durch die Regierungsbeteiligungen in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin oder Sachsen-Anhalt ist Die Linke vermutlich hoffähiger geworden. Politisch aufwerten, konnte sie sich entgegen Knabes Vermutung durch die Machtbündnisse mit der SPD aber nicht. Haben die Genossen an den Kabinettstischen doch oftmals jenen Sozialabbau mitbeschlossen, gegen den sie als Oppositionspartei noch lautstark zu Felde gezogen sind. Durch Verrat an ihren Werten und Wählern haben sie sich selbst entzaubert und dafür mit Stimmenverlusten büßen müssen.

Die "konsequente Ausgrenzung der PDS", wie sie sich Knabe von den etablierten Parteien gewünscht hätte, hätte die Protestpartei vermutlich nur stärker gemacht. Ignorieren lassen sich ihre umtriebigen Akteure heute ebenso wenig wie die Sorgen und Ängste ihrer Anhänger. Das sind dank der Schützenhilfe der WASG nicht mehr nur abgehalfterte SED-Mitglieder, revanchistische Stasi-Kader oder enttäuschte Ostdeutsche, sondern auch die sozial Schwachen und politisch Frustrierten im Westen.

So wichtig und richtig es auch ist, die realitätsblinden Visionen der Linken aufzudecken und die "unappetitliche" Vergangenheit einiger ihrer bekanntesten Gesichter nochmals ans Licht zu bringen, so falsch ist es, als allwissender Großinquisitor aufzutreten und etwa unerwähnt zu lassen, dass nicht nur Lafontaine, sondern auch Bundespolitiker anderer Couleur ein gutes Verhältnis zu Honecker unterhielten. Mit sol- chen Weglassungen und Vereinfachungen schwächt Knabe die Schlagkraft seiner Argumente. Auf diese Art lässt sich die potenzielle Klientel der Linken gewiss nicht überzeugen. Der Kampf um die Wahrheit geht also weiter.

Hubertus Knabe:

Honeckers Erben. Die Wahrheit über Die Linke.

Propyläen Verlag, Berlin 2009; 448 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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