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Marco Pecht
Straußenfarm oder doch lieber Bordell?

Versteigerung Albertsberg im Vogtland sucht im Internet nach einem neuen Besitzer. Interessenten gibt es genug - mit zum Teil bizarren Plänen

Der Empfangsbalken auf dem Handy ist verschwunden. Nachdem man die Dörfer Schnarrtanne und Vogelsgrün passiert hat, ist die moderne Kommunikation am Ende. Die Uhren gehen anders in Albertsberg, einem Ortsteil der Gemeinde Auerbach im tiefsten Sachsen. 700 Meter hoch liegen die paar Häuser, in denen derzeit 15 Bewohner leben. 15 Menschen, die den Zerfall des Anwesens einer ehemaligen Klinik für Tuberkulosekranke hautnah mitbekommen haben. Albertsberg ist ein wunderschönes Fleckchen Erde, umgeben von Wald und bekannt für seine gute Luftqualität. Der Alltag dort aber ist beschwerlich: Im Winter pfeift der kalte Wind durch die Fenster und Schneemassen türmen sich vor der Haustür. Von öffentlichem Nahverkehr und DSL-Anschluss kann keine Rede sein.

Unechte Auktion

Die Zukunft des Ortes könnte sich aber dennoch im Internet entscheiden. Denn dort soll das Anwesen für 380.000 Euro versteigert werden. Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, haben sich die Makler einen besonderen Trick einfallen lassen: Da Albertsberg wie ein kleines Dorf aufgebaut ist und zwei gelbe Ortsschilder besitzt, wird mit dem Slogan "Ein Dorf unterm Hammer" geworben. Damit erreicht die wechselhafte Geschichte der Handvoll Häuser ihren bisherigen Höhepunkt. 1897 hat ein Chemnitzer Arzt die "Volksheilstätte Albertsberg" gegründet. Wegen der guten Luft im Vogtland entstand eine der ersten Lungenkliniken in Deutschland. 60 Angestellte lebten in den Gesindehäusern rund um das Sanatorium und versorgten die bis zu 160 Patienten. Als die Tuberkulose in der DDR als besiegt galt, nutzte eine Kinder- und Jugendpsychiatrie die Räume als Außenstelle. Täglich kam ein Linienbus und sogar eine Poststelle gab es in Albertsberg.

Nach der Wende begann dann der Verfall: Der Freistaat Sachsen kaufte die Häuser der Stadt Auerbach ab und veräußerte sie schnell an einen Geschäftsmann aus Aachen. Der 78-Jährige hat jetzt genug von der Immobilie und will sie "aus Altersgründen" wieder los werden. Nun kommt das Internet ins Spiel: Dort wird das Objekt zur Versteigerung angeboten. "Das ist keine normale Auktion. Der Eigentümer kann selbst entscheiden, zu welchem Preis er verkauft", erklärt der zuständige Immobilienmakler Joachim Nöske aus Ratzeburg im entfernten Schleswig-Holstein. Der Aachener Geschäftsmann habe bisher einiges investiert. "Er hat eine vernünftige Mietgrundlage geschaffen", sagt Nöske. Ganz so positiv wird das Engagement bei der Stadtverwaltung Auerbach nicht gesehen. "Unsere erste Hoffnung entstand, als der Privatmann die Immobilie kaufte", erinnert sich Hagen Hartwig, Pressesprecher der Stadtverwaltung. Die Versprechen waren groß: In dem Naherholungsgebiet mit vielen Wanderwegen sollte ein Hotel entstehen. "Das hätten wir hier wirklich noch gebraucht", sagt Hartwig. Geschehen ist dann allerdings nichts. Dabei, so der Mitarbeiter der Verwaltung, sei Albertsberg keine verlorene Immobilie. "Da kann man was draus machen. Es muss halt investiert werden."

Zu hoher Preis

Allerdings bleibt ein Problem, das viele Gemeinden in Ostdeutschland plagt: "Die demografische Entwicklung ist auch bei uns katastrophal", sagt Hartwig. Jährlich verliert die 20.000-Einwohner-Stadt Auerbach 400 Bürger. 1.500 Wohnungen stehen leer. Junge und ambitionierte Menschen, die aus dem maroden Sanatorium ein Kleinod schaffen könnten, finde man im Vogtland selten, bedauert er. In der Versteigerung via Internet sieht Hartwig daher keine große Chance, die Region zu beleben. Die Realität gibt ihm bis jetzt Recht, verkauft ist das Anwesen noch nicht. Interessenten mit großen Plänen haben sich Albertsberg aber dennoch angeschaut. Ein Feriendomizil sollte entstehen, eine Straußenfarm aus dem Boden gestampft oder gar ein Bordell eingerichtet werden. Zugegriffen hat aber noch niemand. Der Preis für die maroden Häuser scheint einfach zu hoch. "Es ist schwierig, die gesamte Liegenschaft zu verkaufen", räumt selbst Makler Nöske ein. Ein Privatmann werde sich das wohl kaum antun.

Da in den meisten Gemeinden die Besitzverhältnisse nicht einheitlich sind, wird der Verkauf ganzer Ortschaften eine Seltenheit bleiben. Darin sind sich Experten einig. Einen besonders erfolgreichen Einzelfall gab es jedoch kürzlich in Großbritannien: In England ist ein ganzes Dorf mit 21 Häuschen, einem Kricketplatz und zwei Schmieden für 22,3 Millionen Euro unter den Hammer gekommen. Die rund 40 Einwohner des Dorfes Linkenholt in Südengland dürfen bleiben. Die 120 Kilometer von London entfernte Grafschaft gehörte bisher einer Wohltätigkeitsorganisation, die den Ort mit seinen acht Quadratkilometern Gemeindegrund komplett verkaufte. Von sochen Kaufpreisen können die Albertsberger wohl nur träumen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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