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MITTELMEERUNIONGastkommentar
Stephan Löwenstein
Flaute statt Strömung

Wer sich je die Zeit für das dreibändige Werk des großen französischen Kulturhistorikers Fernand Braudel über das Mittelmeer nehmen durfte, der konnte lernen, dass die geschichtlichen Grundbedingungen ebenso konstant sind wie die großen Strömungen des Meeres. Pakte und Allianzen gleichen demgegenüber dem Wellengekräusel an der Oberfläche. Um solches Wellengekräusel handelt es sich bei der Mittelmeerunion, jenem Gebilde, das vor gut einem Jahr als Glanzstück der EU-Ratspräsidentschaft des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy aus der Taufe gehoben wurde. Oder nicht einmal Gekräusel, bislang herrschte Flaute. Das liegt nicht nur daran, dass zugunsten einer termingerechten Gründung in Paris viele Fragen offengeblieben waren, von Institutionellem bis hin zu Inhaltlichem wie Passagen zum Nahostkonflikt. Letzterer sollte auch mit Hilfe der Union entschärft werden.

Doch hat im Gegenteil der Gaza-Krieg die Arbeit der Mittelmeerunion für ein halbes Jahr blockiert: Gerade weil dort die Konfliktparteien an einem Tisch sitzen, was zuvor als großer Erfolg gefeiert worden war. Es zeigt sich, dass ein solches Projekt (wie auch die weitgehend versandete Prager Ost-Initiative) etwas langatmigerer Vorbereitung bedarf, als sie der bloße Ehrgeiz eines Landes ermöglicht, der eigenen halbjährigen EU-Ratspräsidentschaft einen Akzent zu verleihen. Allerdings sollte man aus alldem nicht die falschen Lehren ziehen. Die Mittelmeeranrainer werden für die EU als Ganze, nicht nur für ihre südlichen Länder, eher wichtiger als unwichtiger werden. Die Stichworte lauten Migration, Sicherheit, Energieversorgung. Das Mittelmeer ist ein verbindendes, kein trennendes Wasser. Das ist eine von Braudels Grundbedingungen, den großen Strömungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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