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ROBERT HOFRICHTER Damit das sensible Ökosystem Mittelmeer überleben kann, fordert der Meeresforscher stärkere Kontrollen, mehr Respekt vor Naturschutzgebieten und den Schutz von Haien
Interview
»Platz für Mensch und Natur«

Sie sind in der Slowakei geboren und als Student nach Österreich emigriert - beides Länder ohne Meeresküste. Woher rührt Ihre Faszination für das Mittelmeer?

Das ist bei mir eine Liebe seit meiner Kindheit. Mit ungefähr neun Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinen Eltern nach Rovinj in Istrien gefahren. Damals habe ich schätzungsweise acht Stunden am Tag schnorchelnd im Wasser verbracht. Der Duft der Pinien, die Zikaden, der Hafen mit den Booten und dann die Unterwasserwelt - das alles hat mich schon als Kind gepackt.

War das Mittelmeer damals noch eher eine heile Welt als heute?

Ich habe zwanzig Jahre nach meinem ersten Besuch als Student einen meeresbiologischen Kurs in Rovinj gemacht. Ich habe an der gleichen Stelle geschnorchelt wie als neunjähriges Kind und gemerkt, wie viel sich verändert hatte. Früher waren die Felsen dicht mit Braunalgen bewachsen. Auf Felsgrund ist das eine ganz wichtige Art, die einen ganzen Lebensraum prägt. Es gab auch große Schwärme von Goldstriemen, algenfressende Fische aus der Gruppe der Meerbrassen. Als ich dann 1988 mit der Uni wiederkam, waren die Algenfelder kahlgefressen von Seeigeln, die sich massenhaft vermehrt hatten. Die Fischschwärme waren auch weg. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.

Warum sind die Algenfelder und die Fischschwärme verschwunden?

Als Naturwissenschaftler ist man sehr vorsichtig mit einfachen Erklärungen. Meistens gibt es eine ganze Reihe von Einflussfaktoren. Natürlich spielt Überfischung eine Rolle. Es gibt ja nicht nur die große Fischerei, mit Trawlern und Schleppnetzen, sondern auch küstennahe Fischerei. Auch die Eutrophierung, der Nährstoffeintrag durch den Menschen, verändert die Zusammensetzung der Arten. Vielleicht vermehren sich irgendwelche kleinen Fische, die das Seegras fressen.

Sie kritisieren, dass Algen ein zu negatives Image haben und in den Medien nur im Zusammenhang mit "Algenplagen" oder "Killeralgen" auftauchen. Was ist der Nutzen von Algen?

Die Algen stehen am Anfang der Nahrungskette im Meer. Die Mikroalgen sind die Basis des Lebens: Unzählige dieser Kleinst- organismen schwimmen in jedem Milliliter Wasser und produzieren Sauerstoff und Biomasse. Die Mikroalgen werden dann vom tierischen Plankton gefressen. Das sind in der Regel kleine Krebschen, die von Fischlarven, von kleinen Fischen und Sardinen gefressen werden. Und so geht das dann weiter zu den Thunfischen und Delfinen und anderen wunderbaren Meeresorganismen. Aber sie alle könnte es ohne Mikroalgen gar nicht geben.

Als Mitautor eines Buches mit dem Titel "Räuber, Monster, Menschenfresser" gehen Sie Vorurteilen über Haie nach. Woher haben Menschen diese?

1975 kam der Film "Der weiße Hai" von Steven Spielberg in die Kinos. Zwar hatten Menschen auch vor dem Film schon Angst vor Haien und sprachen beispielsweise von "haiverseuchten Gewässern". Aber der Film hat eine wahre Hysterie ausgelöst. Es ist geradezu ein Hass gegen Haie entstanden, was zum Feldzug gegen sie führte. Überall hat man sie abgeschlachtet, und der Weiße Hai gehört inzwischen zu den am stärksten bedrohten Haiarten.

Auch im Mittelmeer sind Weiße Haie.

Ja, das überrascht die meisten Menschen, weil sie denken, sie würden nur an den Küsten von Australien, Südafrika oder Kalifornien vorkommen. Aber Weiße Haie sind keine tropischen Haie: Sie bevorzugen warm-gemäßigte Gewässer. Das findet sie im Mittelmeer. Das europäische Mittelmeer gehört sogar zu ihren Kernverbreitungsgebieten. Mit maximal fünfeinhalb Metern Länge ist es die größte Raubhaiart der Gegenwart, und natürlich sehr furcheinflößend. Bei meinen Tauchgängen bin ich allerdings vielen Haien begegnet, aber nicht dem Weißen Hai.

Schützen Menschen denn lieber Tiere, die ihnen sympathischer oder niedlicher scheinen, wie Delfine oder Wale?

Zum Schutz der Wale ist seit etwa 30 bis 40 Jahren eine ganz starke Bewegung entstanden, an der beispielsweise Greenpeace sehr stark beteiligt war. Wale sind heute mit Ausnahme von Japan, Dänemark und Island so gut wie überall geschützt. Und es ist ein allgemeines ethisches Empfinden entstanden bei der Mehrheit der Menschen, dass man Wale nicht abschlachtet. Um Haie hat sich keiner gekümmert.

Wer bedroht denn die Haie?

Mit der Erschließung der asiatischen Märkte ist auch im Mittelmeerraum der Bedarf nach Haiprodukten gewachsen. Beim Fang wird Haien oft bei lebendigem Leib die wertvolle obere Flosse abgeschnitten, die sterbenden Tiere werden zurück ins Meer geworfen. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist vielen bewusst geworden, wie dramatisch es da wirklich zugeht. Die Haifischpopulationen im Mittelmeer sind inzwischen um bis zu 95 Prozent dezimiert oder völlig verschwunden.

In der Europäischen Union ist diese Praxis, das "finning", verboten.

Das ist Augenwischerei. Ich habe mich intensiv damit befasst, als ich vor einigen Jahren einen Film für das Österreichische Fernsehen gedreht habe. Wir waren auf den Seychellen und auf Galapagos unterwegs und haben festgestellt: Die meisten Schuldigen, die dort "finning" praktizieren, sind EU-Schiffe: hauptsächlich spanische, aber auch französische und italienische. Die Ware übergeben sie auf hoher See asiatischen Schiffen, kein Mensch kontrolliert das. Gesetze helfen gar nichts, solange ihre Einhaltung nicht strengstens kontrolliert wird.

Haie brauchen große Beutetiere, beispielsweise Robben. Doch auch die Mönchsrobbe als einzige Art im Mittelmeer ist fast verschwunden. Warum?

Weil die Fischer sie als Konkurrenz um ihre Beute empfunden haben, wurde sie vertrieben und teilweise auch erschossen. Aber auch der zunehmende Wohlstand und damit die steigende Zahl von Motorbooten hat eine große Rolle gespielt: In vielen Regionen gibt es keinen Fleck mehr, wo die Robbe überleben kann. Sie braucht ja Ruhe, um ihre Jungen aufzuziehen, und in der Saison rasen alle zwei Minuten Motorboote mit 500 PS an ihren Plätzen vorbei.

Den Massentourismus halten Sie für eine schwere Belastung für das Mittelmeer. Könnten Sie sich eine naturverträglichere Form des Reisens vorstellen?

An den Küsten des Mittelmeers leben mehr als 200 Millionen Menschen in über zwanzig Ländern. Es wäre illusorisch zu verlangen, dass jede Nutzung des Meeres aufhört. Der Mensch nutzt das Meer und hat es immer genutzt. Aber es muss Platz geben für den Menschen und genauso für die Natur.

Was bedeutet das für die Touristen?

Naturschutzgebiete müssen als solche respektiert werden. Wer für Kunden im höheren Preissegment Hotels in geschützte Gebiete baut - wie auf den Kanaren oder in Spanien -, nimmt der Natur die letzten Rückzugsgebiete. Dieser Entwicklung muss man gegensteuern.

Was fordern Sie?

Die Politiker der betroffenen Länder sollten die grenzenlose Zubetonierung der Küste verhindern. Es muss eine Mindestlänge an unbebauter Küste geben, damit das Mittelmeer als Ökosystem überlebt.

Sie organisieren in Kooperation mit Tauchschulen Kurse mit meeresbiologischer Begleitung. Sind Taucher denn keine Belastung für die Umwelt?

Gerade Taucher haben in den letzten Jahrzehnten ein unheimliches Umweltbewusstsein entwickelt. Früher, in den Pionierzeiten des Tauchens, waren sie allerdings überhaupt nicht umweltbewusst. Da war Tauchen aber noch keine Massenbewegung und das Meer konnte es verkraften.

Was haben sie damals angestellt?

Sie haben Schildkröten festgehalten, sich von Haien und Delfinen ziehen lassen, Tiere harpuniert. Als Tauchen zur Massenbewegung wurde, hat das Harpunieren ganze Bestände vernichtet. Ein Beispiel: Einer der begehrtesten Fische im Mittelmeer ist der braune Zackenbarsch, eine imposante, mehr als ein Meter lange Art. Der ist auf Hunderten von Kilometern verschwunden. In vielen romanischen Ländern ist ja dieses Machogehabe unter Wasser wahnsinnig verbreitet, je länger die Harpune ist, umso besser. Inzwischen ist Harpunieren mit Tauchgerät aber in den meisten Ländern verboten.

Und die Taucher?

In den letzten 20 Jahren hat sich eine sehr starke Unterwasserethik entwickelt: Tauchschulen achten sehr darauf, dass man nichts anfasst und den Grund nicht berührt. Im Roten Meer, wo das Tauchen eine Massenbewegung ist, gibt es aber noch schlecht ausgebildete Taucher, die Korallen abbrechen. Aber im Mittelmeer gibt es ja keine Korallenriffe, und das Umweltbewusstsein ist sehr groß.

Sie fordern auch von den Touristen mehr Verantwortung.

Man sollte durch sein Konsumverhalten bestimmte Dinge vermeiden. Haiprodukte sollte man beispielsweise boykottieren. Natürlich kann man durch sein Konsumverhalten keine Wunder von heute auf morgen bewirken. Aber es muss auch eine bürgerliche Bewegung geben, das kann nicht alles die Politik machen.

Macht die Politik denn genug?

Es gibt für das Mittelmeer sehr viele Netzwerke, Organisationen, Meetings und Kongresse, wo zum Teil sehr viel EU-Geld ausgegeben wird. Da entstehen dann Tagungshefte und programmatische Erklärungen, aber davon gibt es genug. Es gibt auch EU-Initiativen und Programme, die aber an der Umsetzung scheitern. Da sind zu viele Interessen im Spiel: Die Fischerei hat eine sehr starke Lobby, die immer versucht zu bremsen, wenn es um Quoten oder wirklich konkrete Schutzmaßnahmen geht. Wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, denken viele sehr kurzfristig.

Sie haben die Organisation "mare mundi" gegründet. Womit beschäftigt sie sich?

Unsere Arbeit hat drei Säulen: Forschung, Ausbildung und Meeresschutz. Wir unterstützen Studienarbeiten, die beispielsweise die Lebensräume bedrohter Arten erforschen. Wir bieten Exkursionen für Studenten zu unserer Forschungsstation in Krk in Kroatien an. Denn leider verliert die klassische Zoologie an den meisten Universitäten immer mehr an Bedeutung zugunsten der Molekularbiologie. Und Meeresschutz bedeutet auch Müll sammeln am Strand. Wenn uns Touristen in der prallen Sonne tonnenweise Müll sammeln sehen, sind manche beschämt und machen sogar mit. z

Das Interview führte Kata Kottra.

Im WDR-Fernsehen läuft am 3. und 10.

August die Dokumentation "Bedrohte Paradiese", an der Hofrichter mitgewirkt hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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