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Jeannette Goddar
Nach uns die Dürre

TOURISMUS Zum Urlauben könnte es am Mittelmeer bald zu trocken sein. Schuld daran sind auch Golfer

Als die ersten Gäste kamen, hatte sich das 19. just in das 20. Jahrhundert gewendet. Stolz und voller Neugier schritten sie von ihren Schiffen und Kutschen, in luftigen Kleidern und vornehmen Anzügen und nicht selten mit großen Hüten, die ihre vornehme Blässe vor zu viel Sonne schützen sollten. Angezogen von der Aussicht auf eine Sommerfrische an Orten, die Rimini oder Palma hießen und den allermeisten Menschen damals noch fremd waren. Die Adligen und Großbürger, die vor einhundert Jahren die Gestaden des Mittelmeers eroberten, konnten kaum ahnen, einen wie umwälzenden Trend sie setzten. Zwei Weltkriege und ein Wirtschaftswunder später folgten ihnen jeden Sommer erst Tausende, dann Zehntausende. Spanien hieß das erste Ziel des europäischen Massentourismus, es folgten Italien und Jugoslawien, später Portugal und Griechenland und die Türkei.

Rasenanlagen und Golfplätze

22 Länder liegen am Mittelmeer - und in keinem einzigen möchte man heute noch auf den Besucherstrom verzichten. Den Bewohnern der Küstenregionen sichert er Arbeit und Einkommen, den Staatshaushalten einen wesentlichen Teil des Bruttoinlandsprodukts. Tatsächlich kommt mit dem Tourismus aber nicht nur Geld ins Land, sondern auch Menschen - und Menschen verbrauchen Ressourcen. Mehr als 200 Millionen Besucher gesellen sich jährlich zu rund 400 Millionen Einwohnern; Tendenz immer noch steigend. Damit sind die an sich gern gesehenen Gäste längst auch zu Konkurrenten um ein in Zeiten des Klimawandels immer knapper gewordenes Gut geworden: um frisches Wasser. Laut einer Studie der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) verbraucht ein durchschnittlicher Tourist bis zu 850 Liter Wasser am Tag - und damit viermal so viel wie ein statistischer Spanier. Darin mitgerechnet ist natürlich nicht nur das Süßwasserduschen nach dem Salzwasserbad, sondern auch die von den Hotels und Pensionen erledigte Wäsche von Bettzeug und Handtüchern, das regelmäßige Befüllen der Swimmingpools und die ausdauernde Pflege von Rasenanlagen und Golfplätzen. Insbesondere letztere sind wahre Frischwasserfresser: "Das Wasser, das ein 18-Loch-Golfplatz benötigt, könnte eine Stadt mit 15.000 Einwohnern mit Trinkwasser versorgen", erklärt die WWF-Tourismus-Expertin Martina Kohl, "angesichts der Tatsache, dass der Mittelmeerraum sprichwörtlich auszutrocknen droht, ist es absurd wie viele dieser Plätze weiterhin entstehen." Alleine an der spanischen Küste hat der WWF 2008 mehr als 300 Golfanlagen gezählt. Die Folgen sind nicht nur für die Anwohner verheerend, denen in heißen Sommern wie zu Beginn dieses Jahrtausends schon einmal das Wasser abgestellt werden musste. Zuallererst leidet die Umwelt. In 13 Gegenden von den Balearen bis zur dalmatischen Küste in Kroatien sind nach Einschätzung des WWF bereits Naturparadiese verloren, weil bestimmte Tier- und Pflanzenarten dort nicht mehr existieren. Mehr als die Hälfte aller Süßwasserfische in der Mittelmeerregion steht bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Für den WWF ist der Mittelmeerraum deswegen auch nicht in erster Linie ein Urlaubsparadies, sondern "eine der meist gefährdeten Ökoregionen weltweit".

Das liegt natürlich nicht nur am Trinkwasserverbrauch, sondern auch an dem immensen Wasserverbrauch der Landwirtschaft und an Überfischung. Dennoch: Auch der "Plan Bleu", eine Umweltstudie der Vereinten Nationen, warnt die Mittelmeerländer vor vielen Gefahren - aber auch vor wild wachsendem Tourismus. Wenn nichts geschehe, warnt der "Plan Bleu", sei in zwei Jahrzehnten die Hälfte der gesamten Mittelmeerküste bebaut; die Natur damit zwangsweise ins Hintertreffen geraten. Was also tun? Den Massentourismus stoppen? Der ist häufig gar nicht das größte Problem. Auf Mallorca zum Beispiel, wo man sich - wenn auch eher aus finanziellen Motiven - seit den 1990er Jahren von der Massen- zur Reichendestination zu wandeln bemüht, stößt die Hinwendung zum Qualitätstourismus auf wenig Unterstützung von Wissenschaftlern.

Von der Küste ins Hinterland

Der althergebrachte "Ballermann", resümiert eine Studie der Ruhr-Universität in Bochum, sei für die Umwelt der Insel verträglicher. Als Argument werden auch hier Golfanlagen ins Feld geführt; zudem reduzierten Zweitwohnsitze und neue Yachthäfen die ursprünglichen Lebensräume erheblich. Die simple, aber richtige Rechnung: Pauschaltouristen in Bettenhochburgen kommen mit weit weniger Raum aus. Ansätze umweltverträglichen Tourismus, wie sie der WWF oder auch die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit verfolgen, gehen in eine andere Richtung: Sie bemühen sich, Investoren zu energiesparender und naturschonender Bauweise zu animieren, Teile der Küste zu Naturparks zu erklären und nur gelenkten Besuch zuzulassen - oder den Tourismus geradewegs von der Küste ins Hinterland zu leiten.

Mittelfristig allerdings könnten die Besucherströme aus einem ganz anderen Grund zurückgehen. Wenn die Klimaforscher recht behalten, die einen Temperaturanstieg um zwei Grad vorhersagen, stehen den Ländern am Mittelmeer regelmäßige mehrwöchige Hitzewellen mit Durchschnittswerten von mehr als 35 Grad bevor. Dann dürfte es potenziellen Touristen dort unten schlicht zu heiß sein.

Die Autorin arbeitet

als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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