Inhalt

Hermannus Pfeiffer
Auf der blauen Straße der Markenpiraten

KRIMINALITÄT Das Mittelmeer ist zur Drehscheibe für den illegalen Welthandel geworden

Nach viereinhalb Monaten Fahrt kehrt "U 34" aus dem Mittelmeer in seinen deutschen Heimathafen Eckernförde zurück. Zwischen Mallorca und Tripolis, Adria und Ägäis hatte das Unterseeboot der Deutschen Marine versucht, Schmugglern und Piraten auf die Spur zu kommen. "Unser Auftrag war die verdeckte Überwachung der Seeverbindungslinien im Mittelmeer", erklärt Korvettenkapitän Alexander Koch. Damit sollten illegale Aktivitäten wie Menschenhandel und Schmuggel unterbunden werden.

Der U-Boot-Einsatz diente vor allem militärischen Zielen, etwa der Seeraumüberwachung für den Unifil-Einsatz vor dem Libanon. Aber die Erfassung und Dokumentation des Seeverkehrs im Mittelmeer dient durchaus auch dem Kampf gegen Schmuggler, denn der illegale Handel nach Europa boomt, und er findet meistens per Schiff statt: Eine der wichtigsten Drehscheiben für den illegalen Welthandel ist das Mittelmeer.

Die jüngste Zollstatistik der Europäischen Kommission zeichnet ein dramatisches Bild. So ist die Zahl von Einfuhren gefälschter Produkte in den europäischen Raum gegenüber 2007 drastisch angestiegen.

Während harte Drogen meist im Flugzeug geschmuggelt werden, dient das Mittelmeer vor allem als blaue Straße für Markenpiraten. Dabei stammt der Großteil der gefälschten T-Shirts, Turnschuhe und Autoteile aus China und gelangt per Schiff durch den Suezkanal ins Mittelmeer und nach Europa. Geschmuggelt werden jedoch auch "einheimische" Produkte aus dem Mittelmeerraum, gefälschte Markenklamotten aus der Türkei, Zigaretten aus Montenegro, Dopingmittel aus Syrien oder Marihuana aus Nordafrika.

Bei Nacht und Nebel

Dabei sind die Zeiten eines romantischen Schmuggels - sollte es ihn je gegeben haben - vorbei. "Wir haben es vor allem mit professioneller Wirtschaftskriminalität zu tun", warnt Rüdiger Hagen vom Zollkriminalamt in Köln. "Die Täter arbeiten international und weltweit." Dementsprechend kenne der Zoll eigentlich keine nationalen Grenzen mehr, sondern denke grenzüberschreitend. Erfolgreich, versichert Hagen: "In der EU arbeiten wir wirklich reibungslos zusammen." Noch in den 1990er Jahren transportierten Schmuggler echte Markenzigaretten in Schnellbooten bei Nacht und Nebel auf der blauen Adria über die EU-Grenze. Durch den Verfolgungsdruck der Guardia di Finanza, des italienischen Zolls, wurde dieser Transportweg weitgehend geschlossen. Heute werden gefälschte Markenzigaretten aus Südosteuropa in Container verpackt und normal verschifft. "Die illegalen Waren werden typischerweise in die normalen Handelsströme integriert", beobachtet Jörg Wojahn vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf) in Brüssel. Legaler und illegaler Handel nutzen heute die selben globalen Logistikketten. Da über 90 Prozent des internationalen Handels per Schiff erfolgen, sind die großen Häfen nicht nur Zentren der Globalisierung, sondern auch Knotenpunkte des Schmuggels geworden.

Gewaltige Gewinne

Brennpunkt im Mittelmeer ist Gioia Tauro. Die süditalienische Kleinstadt beherbergt den größten Containerhafen im Mittelmeer. Terminalbetreiber ist der bremisch-hamburgische Logistikkonzern Eurogate. Bis zu vier Millionen Container können in Gioia Tauro pro Jahr abgefertigt werden - aus Asien, dem Schwarzen Meer und aus den Mittelmeerhäfen. Für Schmuggler ist diese Drehscheibe des Welthandels ein Eldorado, in dem illegale Markenwaren, Waffen oder Zigaretten für den Zoll nur schwer aufzuspüren sind. Gewaltige Gewinne locken. Ein Container voller Zigaretten zum Herstellungspreis von 60.000 Euro verspricht einen Gewinn von zwei Millionen Euro, der an Steuern und Zollabgaben gespart wird. Da die Aufschläge in England besonders hoch sind, senden Schmuggler ihre illegalen Zigaretten mit Vorliebe auf die britische Insel.

Ein Ende des Schmuggels wird auch die 2008 gegründete Mittelmeerunion nicht herbeiführen, in der die EU und ein Dutzend Anrainerstaaten schon für 2010 eine Freihandelszone planen. Doch den EU-Zollexperten bereitet schon heute das sogenannte Transshipment Kopfzerbrechen. So wird billiger Knoblauch aus China zunächst nach Ägypten verschifft. Für chinesischen Knoblauch müsste der Importeur hohe Zollabgaben zahlen. Von Ägypten aus wird der Knoblauch als ägyptisches Produkt in die EU verschifft - und das schon lange vor der Mittelmeerunion zollfrei. Schaden: 60 Millionen Euro. Entdeckt wurde der Knoblauch-Schmuggel übrigens nicht durch ein U-Boot, sondern durch die Analyse der Außenhandelsstatistiken

Der Autor ist Publizist.

Mehr zu seinem neuen Buch "Seemacht Deutschland" auf Seite 18.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag