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Martin Dahms
Die Cayucos kommen nicht mehr

SPANIEN Die Wirtschaftskrise lässt auch die Zahl der illegalen Einwanderer sinken

Noch kommen die Boote, die großen Cayucos und die kleinen Pateras, die sich von der westafrikanischen Küste Richtung Kanaren aufmachen und von der nordafrikanischen Küste Richtung spanisches Festland. Noch geschehen die gleichen Dramen wie seit Jahren: Am Kap von Trafalgar kippt am Morgen des 29. Juni ein Boot mit rund 30 Afrikanern um, kurz bevor es den Strand erreicht: 15 Menschen können sich retten, die anderen nicht. Zwei Wochen später landet ein Cayuco mit 68 Menschen auf der Kanareninsel El Hierro: Einer der Insassen ist tot, verdurstet, ein zweiter stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus.

Noch kommen die Boote - aber es kommen immer weniger. Vor drei Jahren erreichten mehr als 39.000 Bootsmigranten die spanischen Küsten, vor zwei Jahren waren es 18.000, im vergangenen Jahr noch rund 13.500. Dieses Jahr ist auf den Kanaren zwei volle Monate lang, im April und im Mai, kein einziges Cayuco gelandet. Das gab es schon sehr lange nicht mehr.

Die Menschen, die sich von Afrika auf den Weg nach Europa machen, gehören zu den Tatkräftigen und Wagemutigen: Sie wollen nicht nur von einem besseren Leben träumen, sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Fast alle legalen Wege nach Europa sind ihnen versperrt, deswegen gehen sie hinaus aufs Meer. Wenn sie heil ankommen und Arbeit finden, hat sich das Risiko gelohnt. Aber in Spanien finden sie keine Arbeit mehr. Mit dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes ist die Arbeitslosigkeit auf über 18 Prozent emporgeschossen, unter den Ausländern auf über 28 Prozent. Das spricht sich rum. Die sozialistische Zapatero-Regierung bietet den legal im Land lebenden Ausländern neuerdings eine Art Rückkehrprämie an, aber trotz Krise macht fast niemand davon Gebrauch: Wer es erst einmal zu Papieren gebracht hat, will die so schnell nicht aufgeben. Wer keine Papiere hat, ist zu arm zur Rückkehr.

In den Plastikgewächshäusern von Almería oder auf den Melonenfeldern im katalanischen Ebro-Tal kämpfen die Afrikaner um jeden Tag, den sie arbeiten dürfen. Sie kämpfen gegen die Konkurrenz von Spaniern, die vom Bau zur Landwirtschaft zurückkehren, und gegen die Konkurrenz von Lohndrückern, die bereit sind, für 4,50 Euro in der Stunde zu arbeiten statt für 7 Euro. Migrantendramen spielen sich nicht nur auf offenem Meer ab.

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Madrid, Spanien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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