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Walid el-Shaikh
Sorge vor europäischer Hegemonie

MITTELMEERUNION Die Perspektive arabischer Länder auf die erste Phase der Kooperation

Aus der Sicht arabischer Analysten gibt es zwei Hauptgründe für die Gründung der Mittelmeerunion: Die Einbindung der Türkei, ohne ihr die EU-Mitgliedschaft anzubieten; zweitens - und das ist der wichtigere Grund - will die EU über das Scheitern des Barcelona-Prozesses hinwegkommen. Dieser Zusammenschluss der EU-Staaten und der Mittelmeeranrainer, darunter der palästinensischen Autonomiebehörde und Israel, wurde 1995 gegründet und scheiterte vor allem wegen Kontroversen zum Nahost-Konflikt. Viele Araber sehen deshalb die Mittelmeerunion als weiteren Versuch, mittels europäischer Hilfe Israel und die arabische Welt in ein Nahostmodell einzubinden. Das erinnert an den sogenannten "New Middle East"-Ansatz. Das Konzept sieht eine wirtschaftliche Integration im Nahen Osten unter israelischer Führung vor. Damit soll nicht bis zum Abschluss eines umfassenden Friedens gewartet werden, vielmehr soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit das Tor zum Frieden aufstoßen.

Dieser Plan, an den sich manche bei der Konzeption der Mittelmeerunion erinnert fühlen, ruft bei den meisten arabischen Politikern Einwände hervor. Der algerische Außenminister Mourad Medelci äußerte diese Bedenken, seit die Idee der Mittelmeerunion aufkam. Er ist der Meinung, dass der Frieden Normalisierung, Kooperation und Wohlstand nach sich ziehen wird und nicht umgekehrt. Dass wirtschaftliche Kooperation ohne politischen Frieden nicht möglich ist, hat sich Anfang dieses Jahres erneut gezeigt: Der israelische Krieg gegen Gaza im Januar 2009 hat zu einer totalen Lähmung der Union für mehr als sechs Monate geführt. Ein weiterer Kritikpunkt arabischer Analysten: der Begriff "Union". Keiner kann sich vorstellen, dass sie eine Gemeinschaft nach Vorbild der EU oder wenigstens der Afrikanischen Union bezeichnen soll. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy war gezwungen, bei der Gründung alle Länder der EU einzubeziehen und nicht nur die europäischen Mittelmeeranrainer. Das wiederum erstaunte die Araber, die sich fragten, warum diese Union dann nicht alle Länder der Arabischen Liga einschließt.

Es gibt auch Befürchtungen vor einer Rückkehr zur alten europäischen Hegemonie in der arabischen Welt in einem wirtschaftlichen Gewand. Angesichts des Ungleichgewichts zwischen beiden Seiten sei es immer noch Europa, das die Bedingungen diktiere. Länder wie Ägypten haben hingegen hohe Erwartungen an eine wirtschaftliche Kooperation. Ägypten will seine Führungsrolle in der arabischen Welt weiter ausbauen. Das Land hofft, auf kürzlich erzielte wirtschaftliche Erfolge aufbauend weitere europäische Investoren, besonders im Bereich erneuerbarer Energien, anzuziehen. Doch die meisten sind überzeugt: Wirtschaftliche Kooperation führt nur dann zum Ziel, wenn es gelingt, im Nahen Osten einen umfassenden Frieden zu schließen.

Der Autor arbeitet als Deutschland-

Korrespondent für ägyptische Medien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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