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Udo Scheer
Aufbau im wilden Osten

Vereinigungsprozess Friedrich Thießen befragte west- und ostdeutsche Macher der ersten Stunde

Immer wieder kommen Studien -wie jüngst die der Linken nahestehenden "Volkssolidarität" - zu dem Ergebnis, viele Ostdeutsche sähen die Einheit noch immer nicht als vollendet an. Für 53 Prozent, überwiegend Ältere und Geringverdienende, bestehen nach dieser Umfrage so große Unterschiede zwischen Ost und West, dass sie erst in Jahrzehnten zu überwinden seien. War also, wie die einen meinen, der "Nachbau West" im Prozess der deutschen Einheit ein Kardinalfehler? Oder konnte die Transformation nur gelingen, weil alle Beteiligten die gleiche Vorstellung hatten: Schnellstmögliche Schaffung westdeutscher Strukturen als Alternative zu Chaos und möglicher Anarchie?

Angesichts tendenziöser Debatten tut es gut, sich die Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR genauer vor Augen zu führen. Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft an der TU Chemnitz, hat 33 West- und Ostdeutsche aus verschiedenen Bereichen in Interviews über ihre Arbeit beim Aufbau Ost und über ihre Wahrnehmung der jeweils anderen berichten zu lassen. Herausgekommen sind bei aller der "oral history" geschuldeten Subjektivität und trotz mancher Lücken außerordentliche und mitunter spannende Innenansichten über die bis heute am meisten nachwirkende Phase unserer jüngsten Geschichte.

Desaströse Situation

In den Erinnerungen an ihre ersten Ost-Eindrücke schimmert bei fast allen Westdeutschen die desaströse Wirtschafts- und Umweltsituation wieder auf, der Verfall der Innenstädte, Wohnraumnot und fehlende Hotelbetten, desolate Verkehrswege und Kommunikationsnetze, aber auch die erwartungsvolle Herzlichkeit und Offenheit der Ostdeutschen. In dieser Situation und angesichts der Notwendigkeit, rechtsstaatliche Strukturen einzuführen, erwiesen sich westdeutsche Experten, Aufbauhelfer, Leihbeamte und Unternehmer als pragmatische Macher. Der Aufbau der ostdeutschen Strukturen nach westdeutschem Muster war für die meisten zugleich ein einmaliges Geschäft.

Die Bereitschaft vieler anfangs hochmotivierter ehemaliger DDR-Bürger wurde sehr häufig übergangen. Um sich einzubringen, fehlte ihnen Know-how und Kapital - oder sie wurden als Konkurrenz behandelt. Ostdeutsche fühlten sich an den Rand gedrängt. Mehr als ein Drittel fand sich in der Arbeitslosigkeit wieder. Diese Ausgrenzung sollte sich als einer der nachwirkendsten Fehler im Prozess der Einheit herausstellen. Heute nehmen viele von ihnen die hochmoderne Infrastruktur und die neue Lebensqualität zwar als selbstverständlich, empfinden aber kaum Stolz, sehen sich nicht als Beteiligte.

Mehrere Berichte über Glücksritter verschiedenster Couleur lassen die anfängliche Goldgräberstimmung lebendig werden, unter ihnen Schwärme unseriöser Versicherungsvertreter oder Unternehmensberater mit Fantasierechnungen für nutzlose Standardlösungen, dubiose Verkäufer aufgehübschter Schrottautos und halbkriminelle Investoren. Sie alle wollten ihren schnellen Profit - und schädigten das Image des Westens.

Erzählt wird aber auch vom Lehrgeld, dass ost- wie westdeutsche Unternehmer zahlten, von Pioniergeist, Hemmnissen und Risiken, von Karrierefenstern für so manchen der "dritten Garnitur West" ebenso wie für ehemalige Ost-Kader mit gesäuberten Personalakten, von "learning by doing" auf beiden Seiten und echten, langfristig sich auszahlenden Partnerschaften, oder über die Verblüffung Westvorgesetzter angesichts der selbstbewussten, burschikosen Ostfrauen mit einer für sie neuen "sexy Ausstrahlung". Westanwälte werden vorgestellt, die zu Anwälten für den Osten wurden, und Unternehmer, die sich als rettenden Brückenbauer und gemeinnützige Sponsoren einbrachten.

Beteiligte geben Einblicke in ihre Beratertätigkeit für die letzte DDR-Regierung, in die Atmosphäre und Übernahme der Nationalen Volksarmee, die logistische Leistung der Einführung der D-Mark und des westdeutschen Kredit- und Versicherungswesens. Überwiegend am Exempel von Chemnitz und Sachsen berichten sie über die Privatisierung der Textilwirtschaft und des Maschinenbaus, des Einzelhandels und der gleichgeschalteten SED-Presse, über eine vielfach überforderte Treuhand, über diverse regionale Fehlentscheidungen beim Städtebau - oder aus der Sicht eines ehemaligen DDR-Auswahl-Trainers über die "Zerschlagung" des DDR-Leistungssports. Für ihn war das ein Stück Siegermentalität.

Stasi-belastete Mitarbeiter

In mehreren Berichten aus Industrie, Dienstleistung und Verwaltung, darunter beim Aufbau des Finanzwesens, werden die Skrupel westdeutscher Führungskräfte deutlich, sich in den Belegschaftsstreit um die Weiterbeschäftigung ehemaliger Stasi-belasteter Mitarbeiter einzumischen. Vor allem aber unterschätzten sie die Tragweite, die Festanstellungen ehemaliger Funktionseliten in sensiblen Bereichen, in Medien, im öffentlichem Dienst, in Bildung, Polizei, Justiz und Finanz- und Arbeitsämtern bedeuten konnten.

Auch wenn der Sammelband viele Transformationsfelder nur Streifen kann und einige, wie die enormen gemeinsamen Leistungen beim Umbau der Kommunalverwaltungen oder im Sozialbereich kaum betrachtet, lässt er doch die Dynamik und Komplexität einer neuen und einmaligen Gründerzeit lebendig werden. Zugleich zeigt dieses Buch über "Die Wessis": Die Verwestlichung des Ostens - nicht nur durch den Zuzug von mehr als 1,5 Millionen Westdeutschen - geht einher mit einer Veröstlichung des Westens.

Friedrich Thießen (Hg.):

Die Wessis. Westdeutsche Führungskräfte beim Aufbau Ost.

Böhlau Verlag, Köln 2009; 360 S., 29,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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