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Michaela Ludwig
»Früher mussten wir um Essen betteln«

SENEGAL In der unruhigen Provinz Casamance unterstützt die GTZ ein Programm zur Friedenssicherung. Ein Gemüsegarten ermöglicht Flüchtlingen dort eine neue Zukunft

Die Frauen haben gerade die letzten Reste ihres "Patpato", einer Art Reisbrei, aus der Schüssel gekratzt. Nun, nach dem gemeinsamen Frühstück, diskutieren sie über den Tagesplan. "Heute werden wir den Boden drüben an den leerstehenden Gebäuden bearbeiten", fasst Awa Dieme zusammen. Die kleine, rundliche Frau ist die Präsidentin der 43-köpfigen Frauengruppe, die den mehr als drei Hektar großen Garten vor den Toren der senegalesischen Provinzhauptstadt Ziguinchor bewirtschaftet. Zunächst schleppen sie die bis zum Rand gefüllten Gießkannen zu den Beeten und wässern ausgiebig die Pflanzen. Wie jeden Tag sind die Frauen bei Sonnenaufgang zu einem halbstündigen Fußmarsch zum Garten aufgebrochen. "Es ist wichtig, dass wir alle Pflanzen vor der Mittagshitze gegossen haben", sagt Dieme.

Zwischen den Bananenbäumen bauen die Frauen Papaya, Tomaten, Okra, Gurken, Kohl und Pfeffer an, im hinteren Teil des Gartens stehen die Mangobäume. Die Stille hier wird nur vom fröhlichen Geplapper der Frauen gestört. Als Arbeitskleidung tragen sie bunte, um die Hüften geschlungene Tücher, Pyjamaoberteile und turbanähnliche Kopftücher. Seit sechs Jahren bewirtschaften sie gemeinsam das Stück Land. "Die Hälfte des Gemüses teilen wir unter uns auf, den Rest verkaufen wir. Davon leben unsere Familien", sagt Awa Dieme und schaut ganz zufrieden. Früher haben sie ihre Produkte auf dem Markt in der Stadt verkauft, heute kommen Hotel- und Restaurantbesitzer zu ihnen und decken sich ein.

Flucht vor den Rebellen

Die meisten der Frauen sind Bäuerinnen und besaßen einst ihr eigenes Stück Land rund um das Dorf Badem, nur 20 Kilometer von Ziguinchor entfernt. Doch vor 15 Jahren mussten sie vor den heftigen Kämpfen zwischen Rebellen und Armee fliehen (siehe Kasten). Seitdem leben sie bei Verwandten in der Provinzhauptstadt der Casamance - ohne ein eigenes Einkommen. Die Provinz galt früher mit ihrem ausgewogenen Klima und den guten Böden als Reiskammer Senegals. Heute zählt sie aufgrund des jahrzehntelang andauernden Krieges zu den ärmsten Regionen. "Zuerst mussten wir Nachbarn und die Leute auf der Straße bitten, uns Geld oder etwas zu essen zu geben", erinnert sich Awa Dieme. Doch dann wandten sie sich an Ousmane Camara von der Bauernorganisation AJAC lukaal, die sie schon aus ihren Heimatdörfern kannten, und fragten nach Unterstützung.

Die Vereinigung der jungen Bauern aus der Casamance ist eine von rund 20 kleinen Organisationen, die die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) im Senegal unterstützt. Gemeinsam verhandelten sie mit der Regierung um das Nutzungsrecht für das seit den Kämpfen verlassene Grundstück mit den leerstehenden Gebäuden. Mit Unterstützung von AJAC lukaal und GTZ wurden der Zaun und das Wasserloch repariert, eine Wasserpumpe sowie das erste Saatgut gekauft. "Die Frauen lernen hier neue Anbautechniken", erzählt Projektkoordinator Ousman Camara. "Damit wollen wir sie auf ihre Heimkehr vorbereiten." Die ist noch für dieses Jahr geplant. Obwohl die Gegend um Badem lange Zeit als unsicher galt, sind zwei Familien auf eigene Faust zurückgekehrt. Die Frauen bauen dort wieder Gemüse an, wie sie es hier gelernt haben.

Am Dorfrand von Aringala, wo ein Fußpfad in den Wald hinein führt, steht ein Schild mit der Aufschrift: "Vorsicht Landminen". In den vergangenen drei Jahren sind 27 Familien hierher zurückgekehrt und haben die neue Siedlung errichtet. Die Steinhäuser mit Wellblechdächern sind von kleinen Gärten umgeben, in denen die Menschen Gemüse und Hirse anbauen. In ihre eigenen Häuser, die sie vor 16 Jahren verlassen mussten, konnten sie nicht zurück. Die stehen in der ehemaligen Kampfzone, das Land ist noch nicht komplett entmint. Die Kriegsjahre über lebten sie im Nachbarland Guinea Bissau, die meisten bei Verwandten, und sehnten die Heimkehr herbei. "Wir waren die erste Familie, die zurückkam" erzählt Idrissa Diedhiou, ein hochgewachsener, schlanker Mann, der im Schatten seines Hauses auf einem Holzschemel hockt.

Die Rückkehr der Flüchtlinge wurde von AJAC lukaal und der GTZ sorgfältig vorbereitet. Zunächst muss die Sicherheitslage in den Dörfern analysiert werden, das ist die Grundvoraussetzung für die organisierte Rückkehr. "Dann planen wir jeden Schritt mit der Rückkehrergruppe und den Daheimgebliebenen", erklärt Ousmane Camara, der auch diese Flüchtlingsgruppe in Guinea Bissau betreut hatte. Denn nur ein Teil der Bewohner musste damals fliehen. Die Menschen, die näher an der Landstraße wohnten, konnten von der Armee geschützt werden. Sie waren es, die den Rückkehrern das Land zur Verfügung stellten.

"Als wir hier ankamen, war alles Busch", erinnert sich Idrissa Diedhiou. "Alle Nachbarn halfen, das Land zu säubern und unser Haus zu bauen." Von der GTZ erhielten sie Lebensmittel für die erste Zeit und Baumaterial. Zwei Brunnen wurden gebohrt, wo in den Abendstunden die Kinder unter Gejohle mit den Plastikkanistern anstehen und das Wasser zum Kochen und Waschen in ihre Häuser schleppen.

Doch das Leben ist noch nicht wie früher. "Vor dem Krieg hatten wir Vieh, mit dem wir die Felder bestellen konnten", erzählt Idrissa Diedhiou. "Heute müssen wir das wieder mit den Hacken erledigen. Das ist mühsam und dauert lange." Diedhiou hat in Guinea Bissau ehrenamtlich den Schulunterricht für die Kinder organisiert. Nach seiner Rückkehr legte er eine Prüfung ab und arbeitet jetzt als Aushilfslehrer. Mit dem kleinen Extra-Gehalt hilft er seiner Großfamilie, die aus vier Generationen besteht.

Gutes Frühwarnsystem

So ruhig wie in Aringala sind nicht alle Orte in der Casamance, auch wenn das Militär mittlerweile an jeder Straße Kontrollen errichtet und die Rebellenverbände in den Busch zurückgedrängt hat. Doch das Thema Sicherheit wird bei der GTZ im Ziguinchor sehr ernst genommen. Dort ist Abdoulaye Diallo für Sicherheitsfragen zuständig. Meistens tourt der Berater im weißen Landrover mit GTZ-Schriftzug über die Dörfer, wo er ein Netz von Vertrauensleuten aufgebaut hat, die ihm per Handy regelmäßig über aktuelle Entwicklungen berichten. Das "Frühwarnsystem", wie er es nennt, funktioniert gut. "Meistens erhalte ich die Informationen über Militäreinsätze und Rebellenbewegungen schon Tage im voraus", bestätigt der große, respekteinflößende Mann. "Dann prüfe ich nach, ob es sich nicht bloß um ein Gerücht handelt."

"Das Abschätzen der Sicherheitslage ist eine unbedingte Voraussetzung für unsere Arbeit", erklärt auch GTZ-Programmleiterin Susanne Bieberbach, die seit 14 Jahren in der Casamance arbeitet. Dafür hat das Team um Bieberach und Diallo gute Kontakte zu allen Konfliktparteien geknüpft und arbeitet bei Bedarf sowohl mit Politik und Militär als auch den Rebellen zusammen. Denn in der Praxis ist ohne die Zustimmung dieser Parteien die Projektarbeit häufig nicht möglich. "Wir sind überparteilich", bringt es Susanne Bieberbach auf den Punkt.

Ein hohes Ansehen hat sich die GTZ dadurch erworben, dass sie seit 1991 ununterbrochen in der Casamance tätig ist und als einzige ausländische Organisation auch während des Konfliktes die Stellung hielt. "Das vergessen die Leute hier nicht", sagt die Programmleiterin. Heute übernimmt die GTZ eine von allen Seiten anerkannte und akzeptierte Rolle. "Wir sprechen keine Schuldzuweisungen und Verurteilungen aus", sagt Diallo. "Was wir wollen, ist schlicht und ergreifend eine Verbesserung der Lebensumstände der Zivilbevölkerung." Lösen können die GTZ-Mitarbeiter den Konflikt allerdings nicht.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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